Neuer Roman von Alan Hollinghurst Geschichte aus einem Land, das es so bald nicht mehr geben wird
Mit seinem neuen Roman „Unsere Abende“ gelingt dem britischen Schriftsteller Alan Hollinghurst ein berührendes Resümee seines bisherigen Werks.
Mit seinem neuen Roman „Unsere Abende“ gelingt dem britischen Schriftsteller Alan Hollinghurst ein berührendes Resümee seines bisherigen Werks.
Als Alan Hollinghursts Debütroman „Die Schwimmbad-Bibliothek“ 1988 erschien, war das ein Buch, das Epoche machte. Nie zuvor hatte ein Roman so direkt, unverkrampft und selbstverständlich schwule Sexszenen beschrieben, ohne (wie etwa Jean Genet) die Aura des Verruchten oder Skandalösen zu evozieren, vielmehr eingebettet in die Tradition des englischen Gesellschaftsromans, stilistisch orientiert an Autoren wie Henry James, E. M. Forster oder Evelyn Waugh.
In diesem Erstling kann man schon all die Themen und literarischen Tugenden entdecken, die sich auch in Hollinghursts folgenden Romanen wiederfinden. Es geht um Klassenunterschiede und Snobismus, Sex und Liebe, Kunst und Politik; und das alles wird angereichert mit witzigen Dialogen und einer urbanen Ironie, die mit den Konventionen spielt, ohne sie zu zerstören. Kann „Unsere Abende“, Hollinghursts jüngster Roman, der jetzt in der Übersetzung von Joachim Bartholomae auf Deutsch vorliegt, hier noch neue Facetten hinzufügen?
Was wir in diesem Buch lesen, ist die Lebensgeschichte von David Win, von ihm selbst aus der Ich-Perspektive erzählt. Sie beginnt Anfang der 1960er Jahre, als er dreizehn ist, und endet 2020 während des ersten Corona-Lockdowns, was dem Autor die Möglichkeit gibt, die Veränderungen der englischen Gesellschaft während dieser Zeitspanne zum Thema zu machen. David hat einen burmesischen Vater, den er nie gekannt hat, und eine englische Mutter, die als Alleinerziehende mit ihrem Sohn in einer südenglischen Kleinstadt lebt und dort als Schneiderin arbeitet. Das Thema der anderen Hautfarbe spielte schon immer eine wichtige Rolle in Hollinghursts Romanen, bisher allerdings in der Form, dass ein weißer Liebhaber einen dunkelhäutigen Körper begehrt. In „Unsere Abende“ ist es nun zum ersten Mal der Ich-Erzähler selbst, der „mixed-race“ ist. Schon das macht ihn zum Außenseiter in dem sozialen Milieu, in das er durch Zufall und Glück hineinwächst: er erhält von einem philanthropischen Unternehmer-Ehepaar ein Stipendium für eine Privatschule und kann anschließend ein Studium in Oxford aufnehmen. Dann stellt sich allmählich auch noch heraus, dass er sich sexuell zu Männern hingezogen fühlt.
Der „Verdacht, dass ich eigentlich nicht hierhergehörte“, befällt David immer wieder, wenn er sich in der Gesellschaft der Reichen, Schönen und Mächtigen bewegt. Seine Hautfarbe konfrontiert ihn mit einem mehr oder weniger subtilen Alltagsrassismus, gegen den er erst allmählich eine Gegenstrategie entwickelt. Er findet sie schließlich in der Kunst, im Theaterspielen. Schon im Internat glänzt er als Stimmenimitator, darf dort in den Schulaufführungen aber immer nur die Rolle des Dieners übernehmen.
Als er dann sein Studium in Oxford ohne Examen beendet, entscheidet er sich für eine Laufbahn als Schauspieler. Er wird zuerst für kleine Rollen in Fernsehserien besetzt und schließt sich dann – es sind inzwischen die 1970er Jahre – einer alternativen Theatergruppe an, wo er nicht mehr auf die wegen seiner Hautfarbe erwartbaren Figuren festgelegt wird.
Parallel dazu vollzieht sich das schwule Coming-out von David, diesmal viel diskreter beschrieben als in früheren Romanen von Hollinghurst. Nie war er seinem Lieblingsautor Henry James näher als in dieser Kunst der vagen Andeutung des Unausgesprochenen. Die Erzählung nimmt nach einem etwas zähen Beginn Fahrt auf, als der Junge mit seiner Mutter und deren neuer Geschäftspartnerin einen Sommerurlaub am Meer verbringt. Im Hotel wirft er sehnsüchtige Blicke auf den dort arbeitenden italienischen Kellner, und in der Herrentoilette am Strand entdeckt er verstörende obszöne Graffiti, von denen er ahnt, dass sie etwas mit seinem eigenen Begehren zu tun haben. Gleichzeitig merkt er, dass seine Mutter und ihre Freundin in Wahrheit ein Liebespaar sind.
Es kommt in diesem Buch alles vor, was Hollinghurst-Aficionados an diesem Autor lieben gelernt haben: eine Studentenparty in Oxford, wo alle betrunken und bekifft sich über ihre Gefühle klar werden müssen; ein Cocktail-Empfang bei den Superreichen, wo David hinter dem Glanz der High Society auch deren Abgründe wahrnimmt; eine Schilderung der Landschaft in den Berkshire Downs, die mit Reminiszenzen an die Lyrik der englischen Romantiker spielt.
Es liegt eine abendliche, elegische Stimmung über diesem Alterswerk, das noch einmal ein England beschwört, das es so bald nicht mehr geben wird: weltoffen und zugleich seine Traditionen und Eigenheiten pflegend. Denn wie ein Paukenschlag bricht in das Theatermilieu, in dem David sich bewegt, die Brexit-Abstimmung ein, und der eifrigste Propagandist dieses neuen Nationalismus ist kein anderer als sein ehemaliger Mitschüler Giles, der inzwischen eine Ministerkarriere auf dem rechten Flügel der Tories gemacht hat und David seit seiner Schulzeit im Internat wie ein schwarzer Schatten verfolgt.
Alan Hollinghurst: Unsere Abende. Roman. Aus dem Englischen von Joachim Bartholomae. Albino Verlag, 616 Seiten, 28 Euro.
Autor
Alan Hollinghurst wurde 1954 im südwestenglischen Strout geboren, studierte Englisch am Magdalen College in Oxford, wo er nach seinem Universitätsabschluss auch einige Jahre unterrichtete. Von 1982 bis 1995 war er Redakteur beim „Times Literary Supplement“. Er lebt heute im Londoner Stadtteil Hampstead und darf sich seit kurzem, vom König zum Ritter geschlagen, Sir Alan nennen.
Werk
Schon sein erster Roman „Die Schwimmbad-Bibliothek“, mit der Hollinghurst 1988 debütierte, erhielt einige wichtige Literaturpreise. Der größte Triumph gelang ihm dann mit seinem vierten Roman „Die Schönheitslinie“, der 2004 mit dem Booker Prize ausgezeichnet und zwei Jahre später von der BBC als dreiteilige Miniserie fürs Fernsehen adaptiert wurde.