Neuer Roman von Clemens Setz Die Maus im Labyrinth

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„Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ des österreichischen Autors Clemens Setz ist für die Longlist des deutschen Buchpreises nominiert worden. Der Roman ist eine Zumutung, aber eine, der man sich unbedingt stellen sollte.

Unberechenbar und hochbegabt: Clemens  Setz Foto: Paul Schirnhofer/Agentur Focus
Unberechenbar und hochbegabt: Clemens Setz Foto: Paul Schirnhofer/Agentur Focus

Stuttgar - Dieses tausend Seiten lange Buch ist für den Leser eine einzige schallende Ohrfeige. Aber eine, die ihn zum Masochisten macht. Jede Seite starrt von schmerzhaften Zumutungen, und doch kann man nicht anders, als nach immer mehr und mehr zu verlangen. Bis man selbst Teil dieses irrwitzigen Gespinstes geworden ist, gefesselter Komplize eines einschüchternd dominanten Erzählers, der so abgründige Spielchen treibt, dass sie jeder Beschreibung spotten. Wie soll man erklären, auf was man sich da eingelassen hat, wer nimmt einem diese Geschichte ab?

Spätestens seit dem Roman „Indigo“ weiß man in etwa, was von dem unberechenbar hochbegabten Autor Clemens Setz zu gewärtigen ist: gefühlskalte Kindermonster, die allseits Übelkeit und Durchfall erzeugen und deshalb weggesperrt werden müssen. Aber was der Österreicher nun in der „Stunde zwischen Frau und Gitarre“ angerichtet hat, beschert dem Leser eine Woche zwischen Wahn und Hirngespinst, die noch länger nachhallt als alle Gitarrensaiten der Welt.

Die seltsamste Ménage à trois der Literaturgeschichte

Was ist der Plot? „Das war der Name einer Maus, die ich mal gekannt habe. Sie war sehr gut in Labyrinthen, deshalb haben wir sie so genannt“, sagt eine der Roman-Figuren an fortgeschrittener Stelle. Versuchen wir also, den Plot am Schwanz zu packen, folgen wir der 21-jährigen Behindertenpädagogin Natalie Reinegger an ihren Arbeitsplatz der Villa Koselbruch, einem betreuten Wohnheim, dessen Personal sich zugute hält, „die besten Idioten der Welt“ zu beherbergen. Zu ihnen gehört Horst, der den ganzen Tag gebrauchte Batterien auf ihre Ladung prüft, Mücken sammelt und mit einem Taschenrechner befreundet ist. Oder Mike, der nach einem Autounfall die Orientierung verloren hat, jeden zweiten Dienstag im Monat von seiner Familie besucht wird, und in Zeiten der Krise seine Wände mit haarsträubenden Bildern bemalt: „Wer davon keine Albträume bekommt“, denkt Natalie, „der hat keine Seele.“

Doch den Kern der kleinen Gemeinschaft bildet das Arrangement, das zwischen dem Rollstuhlfahrer Herrn Dorm und Herrn Hollberg besteht. Damit kippen die Dinge ins Merkwürdige. Und wir können sie hier nicht so erzählen, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, dass ein Stalker, Herr Dorm, erst die Frau des angebeteten Herrn Hollberg in den Selbstmord treibt, dann aber nach seiner Einweisung in die Psychiatrie regelmäßig ausgerechnet von demjenigen Besuche empfängt, dessen Leben er zerstört hat. Diese sehr spezielle Quälbeziehung wird unter Natalies Obhut bis in alle emotionalen Nuancen zwischen Unterwerfung und Herrschaft zu der wohl seltsamsten Ménage à trois der Literaturgeschichte ausbuchstabiert: ein schwuler Behinderter, der in Frauen nur hohle, unerträgliche Gebilde in Gitarrenform sieht, ein undurchsichtiger Witwer in der Nachspielzeit seines Lebens, halb Idol, halb Racheengel, und eine Betreuerin, der das Ganze durchaus spanisch vorkommt – die man bei dieser Gelegenheit aber selbst einmal genauer in den Blick nehmen sollte.

Beruhigende Essensgeräusche

Natalie nämlich, die als Kind unter epileptischen Anfällen litt, stets bedroht von der Wiederkehr des Grand Mal, hat durchaus ihre eigenen Gewohnheiten. Sie lebt in einer multifamiliären Beziehung mit einer Tigerkatze, ist verliebt in einen unsteten Stricher, und genervt von ihrem anhänglichen Ex, einem Salinger verehrenden Schriftsteller, den sie vor die Tür gesetzt hat, weil er sie auf enttäuschende Weise zum Gegenstand einer seiner Erzählungen gemacht hat. Als Gegengewicht zu ihrer anstrengenden Arbeit hat sie sich ein Ensemble zerstreuender Aktivitäten zugelegt, die entfernt an das erinnern, was junge Leute heute unter Vermittlung digitaler Lebensbegleiter wohl so tun, aber doch hoffentlich nur entfernt: Beim Joggen hört sie ihre eigenen zuvor aufgenommenen Essensgeräusche ab, sie führt lange Gespräche mit einer „Künstliche-Intelligenz-Dialogmaschine“, und pflegt beim Chatten die Kunst der Zusammenhanglosigkeit, das kühlt den Kopf, und drängt jenes sich bisweilen meldende „aurige Gefühl“ zurück, das früher die großen Anfälle anzukündigen pflegte.

Das Zufallsprinzip beherrscht auch ihre nächtlichen Streifzüge, das sogenannte „Streunen“, das vor allem darin besteht, auf ihrem iPhone Stimmen zu sammeln, am liebsten solche ejakulierender Männer, wobei sie dabei sexuelle Praktiken bevorzugt, die sie mit ihrem Mund ausführen kann. Dass das nicht unbedingt normal ist, weiß Natalie selbst: „Es gab bestimmt Broschüren über die komplexe Störung, die sie verkörperte.“