Neuer Roman von Leif Randt „Let’s talk about feelings“ – Wenn Millenials in die Jahre kommen

, aktualisiert am 15.09.2025 - 15:34 Uhr
Schillernde Stofflichkeit zählt zum Markenzeichen Leif Randts. Foto: Belle Santos

In seinem neuen Roman „Let’s talk about feelings“ zeigt Leif Randt, dass man auch im mittleren Alter eine gute Zeit haben kann. Die Frage ist nur, ob als Spiegelbild oder Satire?

Kultur: Stefan Kister (kir)

Vielleicht ist Coolness ja das Hauptproblem, ein Kult um das Erscheinen, von dem aus betrachtet schon allein die Frage, worum es eigentlich geht, als hoffnungslos uncool erscheint. Auf dem Planeten der Coolheit herrscht ein munterer Gestaltenwandel, statt Inhalten dominieren Oberflächen, die sich allein durch Muster des Unterschiedenseins voneinander abheben. Was gerade noch rechts war, könnte nun links einen hübschen Effekt machen oder umgekehrt, der wahre Snob erfährt als Fußballproll seinen ultimativen Kick, am Ende ist Wolfsburg das bessere Berlin und die billige chinesische Raubkopie der letzte Schrei. Nicht mehr die Kunst, sondern die Distinktionslogik der Mode liefert die oberste Richtschnur einer richtungslosen, konsumbewussten Umwertung aller Werte, Hauptsache anders.

 

Damit hat man eigentlich schon umrissen, worum es in dem neuen Roman von Leif Randt eigentlich geht, um Oberflächen und das ihnen gemäße innere Erleben, von dem sich schlecht sagen lässt, wo genau in einer nur aus Oberflächen bestehenden Welt es zu verorten sein soll: „Let’s talk about feelings“. Ein Ort für Gefühle könnte der Abschied von der verstorbenen Mutter sein, eine Seebestattung vom umgebauten Partyboot des Vaters aus. Marian, der Protagonist des Romans, hat sich für die Rede, die er zu diesem Anlass halten möchte, eigens ein Tablet gekauft und die Szene mit seinem derzeitigen Freund Piet, einem Werbetexter, erarbeitet. Alles ist genau kalkuliert, bis zum Versagen der Stimme. Berechnung gilt hier nicht als menschlicher Makel, sondern als dessen Gegenteil – am liebsten würde Marian der toten Mutter eine Drohnenaufnahme von ihrem Begräbnis zukommen lassen.

„Let’s talk about feelings“ spielt in einer durch V-Effekte zur Kenntlichkeit abgefederten alternativen Gegenwart: Deutschland wird von einer sozialliberalen Koalition um Kanzlerin Fatima Brinkmann und Vizekanzler Robert Habeck regiert, die auf eine KI-gestützte Bedürfnisdemokratie setzt. Zwar könnten 2026 die National-Libertären in den Bundestag einziehen, aber das ficht Marian nicht weiter an. Im Apolitischen sieht er eine besondere bindende Kraft, die ein friedfertiges Miteinander erst möglich mache.

„Let’s talk about feelings“ ist der Übergangsritus in gepflegtes Middleage

Früher einmal kokettierte er mit reaktionären Weltbildern. „Als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, habe ich mal zu meiner Mutter gesagt, dass ich keine Lust auf Kommunismus hätte, weil es da bestimmt nur eine eingeschränkte Auswahl an Klamotten geben würde“. Hosenschnitte könnten in dieser Welt Vorboten einer neuen Toleranzgesellschaft sein. Nach dem Studium der Kunstgeschichte, Soziologie und Curatorial Studies endet der Bildungsweg des Klamottenbewussten folgerichtig in einer Berliner Boutique.

Ein Pinguin erinnert den Protagonisten an die Punkfrisuren der verstorbenen englischen Modedesignerin Vivienne Westwood. Foto: IMAGO/Pond5 Images

Marian ist das Kind einer früheren Modeikone und eines Nachrichtensprechers, von der Mutter das Stilempfinden, vom Vater das Zeitgefühl. Doch jetzt beginnt ein neuer Lebensabschnitt: Die Mutter ist tot. Der Roman erzählt eine Art Rite de passage, gefüllt mit Reisen, Daten und was man eben sonst noch so treibt, wenn man es sich leisten kann.

Beziehungen knüpfen sich an Jacketts und enden in ketamininduzierten Kotzattacken, wobei auch daraus eine vorteilhafte Blässe resultieren kann. Bei einem Telefonat mit der Exfreundin spürt Marian, wie er in seiner glänzenden Comodo-Nylonhose gerade eine Erektion bekommt. Womöglich liegt es am Stoff.

Spiegelbild oder Satire? Leif Randt verweigert die Antwort.

Etiketten heften nicht nur an Kleidern, sondern an Adjektiven, Gefühlen und allem, was den zwischenmenschlichen Austausch bestimmt, manchmal als Zensuren, manchmal als Verfallsdaten. Etikettierung ist der Zustand der warenförmigen Welt im Stadium ihrer affirmativen Verhipsterung, in dem der Wunsch nach Zugehörigkeit das raffinierteste aller Distinktionsmerkmale sein kann: „Er versuchte, sich selbst als Teil der Berliner Gesellschaft zu betrachten, und nicht mehr nur als Teil einer Gruppe von vielleicht zweitausend Menschen, die bestimmte Vorlieben teilten.“

Einzig die Provokation durch dieses Einverstandensein mit einer Welt, die in Wirklichkeit gerade aus dem Ruder läuft, könnte eine Motivation sein, sich über die selbstbezogene Geringfügigkeit des Geschehens hinwegtragen zu lassen, über die vielen belanglosen Ortswechsel: Auf einem beheizten Toilettensitz in Japan imaginiert sich Marian in die kommenden Jahre eines Middleage der Fernreisen und der Freundschaft. In Indien schließlich kommt seine Beziehung zur Regisseurin eines Dokumentarfilms über ein weltweit shoppendes Fashion-Pärchens zum Höhepunkt, nachdem sie schon, wenn sich Marian nicht verzählt hatte, dreizehnmal miteinander geschlafen hatten.

Vielleicht tut man diesem Talk über Gefühle Unrecht, ihn entsetzlich zu empfinden, weil er eine Verhaltenslehre cooler Oberflächlichkeit zelebriert. Es zählt zur schillernden Stofflichkeit des Literaturlabels Leif Randt, sich offen zu halten, ob all dies Symptom oder Diagnose sei, Satire oder Spiegelbild, Dystopie oder Ideologie eines gepflegten neuen Normal. Die Antwort der Literaturkritik kann nur eine Besprechung sein, die sich sowohl als Würdigung wie Verriss lesen lässt. Im einen wie im anderen liegt ein Erkenntnisgewinn über unsere Zeit – in letzter Konsequenz spricht das dann doch für den Roman. Oder in den Worten Marians, die er den Kunden, die sich in seinem Laden gerade ein angesagtes Stück ergattert haben, mit auf den Weg gibt: „Viel Spaß damit!“

Leif Randt: Let’s talk about feelings. Roman. Kiepenheuer&Witsch. 320 Seiten, 24 Euro.

Info

Autor
Leif Randt wurde 1983 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. 2021 erhielt er den Mörike-Preis der Stadt Fellbach. Er lebt in Berlin.

Werk Bekannt wurde er 2011 mit seinem zweiten Roman „Schimmernder Dunst über Coby County“, einer ironisch gebrochenen Zukunftsvision. Es folgten unter anderem 2015 „Planet Magnon“ ein Science-Fiction-Roman über eine hedonistische Gemeinschaft in einem Parlleluniversum. Seinen Ruf als präziser Beobachter seiner Generation befestigte Leif Randt 2020 mit „Allegro Pastell“, eine Art belletristische Probe auf die soziologische Theorie einer Gesellschaft der Singularitäten.

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