Neuer S-21-Technikchef Drescher „Die Prozesse müssen verkürzt werden“

Olaf Drescher verantwortet die technischen Belange von Stuttgart  21. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Seit Anfang Februar ist Olaf Drescher als Technikchef von Stuttgart 21 im Amt. Im StZ-Exklusivinterview fordert der gebürtige Dresdner eine Reform des Planungsrechts bei Großprojekten – und erklärt, was Schwaben und Sachsen gemeinsam haben.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Stuttgart - Olaf Drescher ist Anfang Februar als viertes Mitglied zur Geschäftsführung der S-21-Projektgesellschaft hinzugestoßen. Zuvor hat er an der Schnellfahrstrecke zwischen München und Berlin gearbeitet. In seinem ersten Interview als S-21-Technikchef fordert der gebürtige Dresdner, Planungs- und Genehmigungsprozesse zu beschleunigen.

 
Herr Drescher, haben Sie sich Ihren Wechsel nach Stuttgart gut überlegt?
Ja, das habe ich. Auch wenn der Wechsel hierher ursprünglich nicht geplant war. Das war eine kurzfristige Entscheidung, die ich Ende letzten Jahres getroffen habe. Ich habe sie auch ausführlich mit meiner Familie abgestimmt.
Was reizt Sie an der Aufgabe?
Es sind die Aspekte, die ich bei meinen bisherigen Tätigkeiten so noch nicht gehabt habe. Da ist zum einen das politische Umfeld und zum anderen das Bauen im städtischen Bereich. Ganz sicher spielt auch der Anspruch eine Rolle, nachzuweisen, dass auch ein solch schwieriges Projekt am Ende erfolgreich abgeschlossen werden kann.
Sie haben die Strecke zwischen Hamburg und Berlin ausgebaut und den Bau der Schnellfahrstrecke von Berlin nach Nürnberg mit der Thüringer-Wald-Querung verantwortet. Wo sehen Sie Parallelen zu Ihrer neuen Tätigkeit und wo große Unterschiede?
Bei der Strecke Hamburg-Berlin hatten wir durchaus in den Randbereichen auch Themen mit den Städten, die betroffen waren. Aber sicherlich nicht in dem Ausmaß wie in Stuttgart. Aber die Thüringer-Wald-Querung und das was hier passiert, sind schon zwei sehr unterschiedliche Vorhaben. In Thüringen haben wir uns eher mit Fuchs und Hase unterhalten.
Fuchs und Hase haben Ihnen dabei aus artenschutzrechtlicher Sicht Probleme bereitet wie hier Käfer und Eidechse?
Natürlich. Die artenschutzrechtlichen Problematiken sind ja kein lokales Phänomen. Es gibt allenfalls regionale Unterschiede. Den Juchtenkäfer zum Beispiel haben wir in Thüringen nicht vermisst.
Sie haben die dortige Strecke nach dem Baustopp, den die damalige rot-grüne Bundesregierung verhängt hat, übernommen. Jetzt kommen Sie nach Stuttgart. Was reizt Sie an verfahrenen Situationen?
Naja, so verfahren ist die Situation nicht, wenn man die besonderen logistischen, geologischen und politischen Bedingungen berücksichtigt, unter denen wir hier mitten in einer Großstadt bauen. Dessen ungeachtet: Ich bin Überzeugungstäter. Eine neue und gute Infrastruktur nutzt uns allen. Ich finde es spannend, so etwas Komplexes bis zur Inbetriebnahme voranzutreiben und dann zu sehen, wie es von den Kunden angenommen wird. Ich will sehen: Wie schnell bekommt man es hin?
Und wie schnell bekommt man es hier in Stuttgart hin?
Unsere Untersuchungen gehen vom Jahr 2025 aus. Ich habe natürlich noch keinen Überblick, inwieweit das belastbar ist. Aber wir setzen uns auf alle Fälle das Ziel, diesen Termin diesmal einzuhalten.
Der „Stern“ hat nach der Eröffnung der Strecke Berlin-München gesagt, dass das ein Wunder sei – und es sei „Olaf Dreschers Wunder“. Welches Wunder müssen Sie denn hier in Stuttgart bewerkstelligen?
Wunder gehören ins Reich der Märchen. Ich bin eher realistisch eingestellt und agiere lieber im Hier und Jetzt.
Sowohl bei ihrem vorherigen Projekt wie auch beim aktuellen kommen Sie zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt. Ist das eher eine Last oder förderlich?
In Stuttgart hat sich ja gezeigt, dass das Bauen noch die eine oder andere Überraschung bereithält. Zudem fehlt noch der komplette Bereich der eisenbahntechnischen Ausrüstung, also Gleise, Signale und Stromversorgung. Dies alles ist nicht ganz ohne Herausforderungen. Mit Sicherheit ist es aber leichter, wenn man die gesamten Prozesse von der Planung und Genehmigung an begleitet.
Beim Bauen sind Sie auch von Genehmigungen abhängig. Braucht es ein neues Planungsrecht, um die teilweise schleppenden Vorgänge zu beschleunigen?
Ja, die Prozesse müssen verkürzt werden. Die Bundesregierung hat sich das selbst zum Ziel gesetzt. Wir werden sehen, zu welchen Ergebnissen das führt. Beim Planrecht hatte die Bahn beispielsweise vorgeschlagen, die Anhörungsbehörden bei vom Bund finanzierten Projekten bei der Planfeststellungsbehörde Eisenbahn-Bundesamt zu bündeln und so zu optimieren. Das wurde leider wieder von der Tagesordnung genommen. Das ist bedauerlich, weil in diesen Abläufen die Planungssicherheit deutlich erhört werden muss. Die Dauer von Projekten kann ursächlich für die Zahl notwendig werdender Änderungen sein. Je länger etwas dauert, desto größer die Gefahr, dass sich nicht nur technische, sondern auch verkehrliche Rahmenbedingungen ändern. Wir brauchen eine Phase des sogenannten Design freeze – das heißt: Was einmal beschlossen und genehmigt ist, unterliegt keiner Veränderung von außen. Das benötigen wir unbedingt. Sonst bleibt es mit der terminlichen und kostenseitigen Stabilität der großen Infrastrukturmaßnahmen schwierig.
Und was kann die Bahn zu geschmeidigeren Abläufen beisteuern?
Wir setzen auf die Möglichkeit der Digitalisierung. Von Bim etwa, Building Information Modelling, versprechen wir uns eine erhebliche Beschleunigung und Vereinfachung von Prozessen: Diese 3D-animierte Planung und Steuerung ermöglicht bereits früh einen virtuellen und transparenten Einblick in ein Bauvorhaben. Damit lassen sich bereits frühzeitig Abstimmungsprozesse zwischen Bauherren, Planern , Behörden, Auftragnehmern und nicht zuletzt der Öffentlichkeit erheblich optimieren.
Zur baulichen Komplexität bei S 21 kommt ein politisches Umfeld, das sich kritisch-konstruktives Begleiten auf die Fahnen schreibt. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Es gab auch bei meinen bisherigen Projekten Initiativen, die dagegen waren. Da habe ich Erfahrungen gesammelt. Ob das mit der Situation in Stuttgart vergleichbar ist, wird sich zeigen. Ein Projekt hat aber immer Gegner, seien es Betroffene oder Menschen, die einen anderen Ansatz haben. Wir müssen uns sachlich mit den Argumenten dieser Menschen auseinandersetzen. Entscheidend ist allerdings, dass alle Projektpartner an einem Strang ziehen. Und es reicht nicht, das nur öffentlich kundzutun, sondern das muss sich auch in der Praxis beweisen. Der Rückhalt bei den Projektpartnern ist für den Erfolg des Projektes unabdingbar.
Schwaben und Sachsen teilen das Schicksal, bundesweit wenig geschätzte Dialekte zu sprechen. Was verbindet die beiden Volksstämme noch?
Beharrlichkeit und Ideenreichtum. Das hat unter anderem dazu geführt, dass die Schwaben, wirtschaftlich ganz hervorragend dastehen und voran gehen. Das gefällt mir. Ich bin gerne dabei, Altes über den Haufen zu werfen und Neues anzuwenden, wenn es dazu führt, die Ziele schneller und effizienter zu erreichen. Denn was Sachsen und Schwaben auch gemeinsam ist: dass man sich an das hält, was man einmal gesagt hat und es dann auch tut.

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