Beim neuen SWR-Format „Ausgesprochen geil“ reden junge Männer über Sex, die Galerie Thomas Fuchs in Stuttgart zeigt Kunst mit queerer Thematik und das Dschungelcamp lässt tief blicken – eine Kolumne über den öffentlichen Umgang mit Intimitäten.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Nach 46 Jahren feiert die Rateshow „Ich trage einen großen Namen“ am 12. Februar Abschied im SWR-Fernsehen. Dem Sender sei es nicht leicht gefallen, versichert Programmdirektor Clemens Bratzler, den Klassiker abzusetzen. Eine Ära gehe zu Ende, stellt er mit Wehmut fest, was aber notwendig sei, um Neues zu entwickeln.

 

Man kann es auch so sagen: Der SWR spart Geld im linearen Programm ein, das von älteren Gebührenzahlern angeschaut wird. Auf diese Weise kann der Sender in digitale Formate investieren, die Jüngere kostenlos im Netz konsumieren können.

„Junge Männer schauen kaum noch lineares Fernsehen“

Ein Ergebnis dieser Transformation liegt nun vor: „Ausgesprochen geil“. So heißt der neue Sex-Talk, der bei YouTube oder Tiktok zu sehen ist und sich an Männer zwischen 28 bis 40 Jahren wendet. „Dank unserer Medienforschung wissen wir, dass diese Männer kaum noch lineares Fernsehen schauen“, erklärt eine Sprecherin des SWR, „sie sind bei Streaming-Anbietern unterwegs.“ Da setze die Strategie an. Der Sender will „dort stattfinden, wo sich die Zielgruppe befindet“.

Wofür interessieren sich Männer unter 40? Nach Beratungen und etlichen Konferenzen später war „Ausgesprochen geil“ erfunden. Moderator Frederik Fleig will mit Männern nur fürs Netz ohne Flachwitze über Themen reden, bei denen viele sonst Ladehemmung haben, also etwa darüber, wie man seinen Orgasmus optimiert und was gegen Erektionsnöte hilft. Dass sich Männer mit Gefühlsbeschreibungen schwer tun, soll widerlegt werden. Wenn Fleig mit seinen Gästen keck und ungehemmt losplaudert, muss man sich nicht fremdschämen, wie dies bei anderen Sex-Talks passiert. Der Mann findet den richtigen Ton, rutscht nicht ab in Zoten, sondern zeigt, wo guter Sex beginnt: im Kopf. Er redet mit Köpfchen darüber, mit Niveau.

Man muss sich nicht fremdschämen

Für den neuen Talk hat er den redegewandten Stuttgarter Comedian Marvin Endres eingeladen, weil er von ihm wissen will, ob Sex mit vielen Frauen glücklich macht.

Vorgestellt wird der 28-Jährige, der den Comedy Clash im Wizemann moderiert, mit einem „Bodycount 90“. In der Jugendsprache steht der Begriff Bodycount für die Anzahl der bisherigen Sexualpartner. „Das Gespräch mit Fredrik war cool“, berichtet Endres, „er hat mir mein Lieblingsdrink Moscow Mule serviert und mit mir Tipp-Kick gespielt.“ Nicht so cool findet er, wie der YouTube-Film nun betitelt ist. „Nach Sex mit 90 Frauen: Comedian verrät, was wirklich zählt“, steht da.

Zahlen habe er gar nicht genannt, sagt Endres. Er gehöre nicht zu denen, die Sexkontakte mitzählten und prahlten. Klar sei er bereit, offen über sein Sexualleben zu reden. Auf der Bühne gebe er „viel Heftigeres“ von sich preis. Dass man ihn mit dem Zusammenschnitt aus sechs Stunden „so krass als Fuckboy“ darstelle, behagt ihm nicht. Deshalb hat er das neue Format nicht auf seiner Internet-Seite verlinkt und ist froh, dass er bisher nur selten darauf angesprochen wird.

Mit den Klickzahlen ist der SWR bisher nicht zufrieden

Schauen so wenige zu? Zieht ein Sex-Talk im von Pornos überlagerten Netz nicht? „Mit den Aufrufzahlen sind wir noch nicht zufrieden“, erklärt eine SWR-Sprecherin, „es war klar, dass der Aufbau des Kanals harte Arbeit ist.“ Einen unzufriedenen Gast wünscht sich der SWR nicht. Deshalb werde man über eine Änderung des Titels nachdenken.

Das Private ist politisch und das Politische ist privat – so lautet ein Sponti-Spruch der 70er. An der Reinsburgstraße eröffnet der Galerist Thomas Fuchs am Freitagabend die Ausstellung „Intimacy“ mit Werken zur queeren Thematik – und seine Gäste werden noch mehr sehen als private Einblicke in den Alltag von Gays. Politisch ist die Gruppenausstellung allein schon deshalb, weil damit das Selbstbewusstsein einer einst ausgegrenzten Minderheit sichtbar wird. Die Vielfalt macht eine Gesellschaft reicher, so lautet eine Botschaft von „Intimacy“.

Fuchs verwaltet den Nachlass von Patrick Angus, der in den 80ern die Einsamkeit von Gays in Bars und Saunen in New York dargestellt hat. Sensibel spürt der an Aids gestorbene Künstler Sehnsüchte nach emotionaler, nicht nur nach körperlicher Nähe auf.

Oft wird der Galerist gefragt, ob es Schwule sind, die Werke von Angus bei ihm kaufen. Als ob es darauf ankäme! Wer Grenzen überwinden will und Vorurteilen keinen Platz bietet, sortiert Kunstfans nicht nach Queers oder Heteros. Frei nach den Fantastischen Vier gilt: Wir sind zusammen eins!

Der Vater vom Checker singt „Opernstücke“, wenn er Pizza ausfährt

Intimes wird öffentlich – ein ganzes Camp setzt darauf, eines mit Kakerlaken und Kameras im Dschungel. Der frühere Stuttgarter Friseur Cosimo Citiolo ist dabei – von der Gage will er seinen Vater nach Mailand in die Oper einladen, hat er uns im Interview gesagt. Der Papa des Checkers, schreibt eine Leserin, arbeite bei ihr ums Eck in einer Pizzeria und fahre Essen aus. Dabei singe er immer wieder ein „Opernstück“ beim Ausliefern. „Und das ned mal so schlecht“, lobt sie.

Comedian Marvin Endres wird den RTL-Dschungel nicht einschalten. Was sich da abspiele, sei ausgesprochen fad, nicht geil. Aus Prinzip bleibt er der Show fern, nicht etwa, um derweil was für den Bodycount zu tun.