Was für eine Lektion: Stuttgart kann gefühlt (fast) zwei Oberbürgermeister haben – wenn der CDU-Verwaltungschef den SPD-Rivalen aus der OB-Wahl zu seinem wohl wichtigsten Mitarbeiter macht. OB Frank Nopper befeuert dieses Gefühl auch noch. Beim Jahresempfang seiner CDU hat er selbst die Rede auf ein gemischt-politisches „Tandem“ gebracht, das sich bewährt habe. Er verwies auf OB Manfred Rommel (CDU) und seinen Persönlichen Referenten Walter Gehring (SPD). Nun weht ein Hauch von Doppelspitze auch in der Verwaltung. Und manche fragen sich, ob im neuen Tandem am Ende noch Nopper steuern wird oder ob er hinten huldvoll ins Publikum am Straßenrand lächeln wird, während Martin Körner am Lenker sitzt.
Hinkender Vergleich mit Rommel
Mit der Erinnerung an die 70er Jahre wollte Nopper seine Partei wegen des politischen Fremdgehens beruhigen. Doch der Vergleich hinkt. Rommel übernahm 1974 einfach den Büroleiter des Vorgängers und zeigte so, dass das Parteibuch nicht zu Rauswürfen von vorhandenem Personal zwingt. Nopper dagegen spannt einen bekannten Ex-Konkurrenten mit SPD-Parteibuch für sich ein. Daher fragen sich manche Christdemokraten, was den OB geritten hat, zumal einige schwören, es hätte Strategen in der CDU gegeben. Die seien nur vergrätzt worden. Wenn das so ist, dann scheute Nopper wohl das Risiko eines Fehlgriffs. Er setzt auf einen intimen Kenner der Stadt und des Rathauses, den er selbst gut kennt. Also wird Körner die Strategien planen. Er wird sie auch erst mal auskundschaften und später die Realisierung organisieren müssen. Er muss wohl auch ein durchsetzungsfähiger Projektsteuerer sein, damit der Verwaltungsapparat geschmeidig wird.
Vordenker sind üblich heutzutage
Viele andere Oberbürgermeister leisten sich heutzutage ebenfalls einen Vordenker – Nopper hat ganz sicher einen nötig. Denn er hat Defizite. In 15 Monaten ließ er noch kein großes Zukunftsbild für die Entwicklung der Stadt erkennen. Der in Stuttgart geborene und politisch in Backnang sozialisierte OB erhärtete den Verdacht aus dem Wahlkampf, dass seine Politik nicht die Vielfältigkeit der Großstadt und ihrer Themen abbildet. Stuttgart, Stern des Südens? Die Nopper-Welt ist oft sehr einfach. Auch bestätigte sich, was 2020 eine Stuttgarter CDU-Größe unserer Zeitung sagte: Nopper sei kein Mann für Entwürfe oder Visionen, aber er komme mit den Menschen ins Gespräch und habe Talent zum Moderieren. Populär zu sein, hört man im Rathaus, sei sein vordringlichstes Bemühen. Sachthemen seien es weniger. Daher fiel die Wahl auf Körner mit seinen Fertigkeiten.
Die Folgen sind wohl erheblich
Vermutlich haben aber beide die Folgen unterschätzt. Körners Genossen freuen sich diebisch, dass sich Christdemokraten nun fragen, warum die in der OB-Wahl untergegangene SPD bessere Strategen haben soll als die CDU. Auf der anderen Seite dürfte die SPD-Ratsfraktion ihren gestaltungsfreudigen Chef bald vermissen. In der CDU trösten sich manche mit der Hoffnung, Körner könnte ihrem OB und dem bürgerlichen Lager bessere Mehrheiten im Rat verschaffen. Aber selbst mit der SPD wäre das bürgerliche Lager höchstens gleich stark wie das ökosoziale Lager ohne SPD, wenn man den OB selbst und die AfD nicht einrechnet. Darauf kann man keine vernünftige Stadtpolitik gründen, zumal die SPD erklärt, sie wolle nicht bürgerlich werden. Die Tandem-Partner hoffen halt einfach, mit den eigenen persönlichen und politischen Ambitionen voranzukommen. Das geht nicht ohne gegenseitige Förderung und Kontrolle. Diese Konstruktion eröffnet eher Chancen für Körner, sich zu verwirklichen, als für Nopper. Der Preis ist hoch. Schon klingt Körner ein wenig wie ein weiterer OB-Sprecher. Man nennt so etwas wohl Zweckgemeinschaft – und die ist zum Erfolg verurteilt, weil es schließlich um das Wohl der Stadt geht.