Neuer Stuttgarter Stadtdekan „Wir spüren den demografischen Wandel“

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Søren Schwesig ist Optimist. Mit Zuversicht geht der Theologe, der bisher als Schuldekan in Ditzingen und Leonberg tätig war, auch an seine neue Aufgabe als Stuttgarter Stadtdekan der evangelischen Kirche.

Der neue Stuttgarter Stadtdekan Søren Schwesig. Foto: Martin Stollberg
Der neue Stuttgarter Stadtdekan Søren Schwesig. Foto: Martin Stollberg
Stuttgart - Søren Schwesig ist Optimist. Mit Zuversicht geht der Theologe auch an seine neue Aufgabe als Stadtdekan der evangelischen Kirche. Von dieser wünscht sich der 50-Jährige manchmal etwas mehr Begeisterung: die Botschaft des Evangeliums gebe allen Anlass dazu. Und wer diese Begeisterung anderen Menschen weitergebe, könne diese für sich gewinnen.
Herr Schwesig, Sie haben seit Ihrer Wahl im April sicher schon viele Gespräche geführt. Was waren Ihre ersten Eindrücke?
Ich habe mich sehr gefreut über die positiven Rückmeldungen von vielen Menschen.
Und ich kann sagen: ich komme in ein gut bestelltes Haus. Mein Vorgänger hat hier eine sehr gute Arbeit gemacht. Ich habe nicht das Gefühl, dass sofort und dringend neue Impulse gesetzt werden müssten.
Die Zeit, in der Hans-Peter Ehrlich Stadtdekan war, ist eine Zeit großer Reformen gewesen. Besteht weiterer Reformbedarf?
Die vergangenen Jahre waren geprägt von der Gründung des Kirchenkreises. Ich glaube, es wird jetzt darum gehen, wie man dieses Verwaltungsgebilde stabilisieren und immer wieder mit Leben füllen kann, so dass in den Gemeinden ein Wir-Gefühl als evangelische Kirche Stuttgart entsteht. Es wäre für uns als Protestanten wichtig, mit diesem Bewusstsein aufzutreten.
Trotz der Bildung des Kirchenkreises haben die Gemeinden noch viel Selbstständigkeit. So hat noch jede Gemeinde ihren Kindergarten oder ihre Kindertagesstätte. Manche sagen: das funktioniere auf Dauer nicht.
Wenn ich die großen Veränderungen betrachte in diesem Bereich und die hohen Anforderung, denke ich: wir müssen immer wieder über die Trägerstrukturen nachdenken. Wie sind diese zu gestalten, dass sie den heutigen Ansprüchen gerecht werden? Größere Einheiten bei den Trägern bedeuten mehr Professionalität, zum Beispiel weil man einen größeren Pool von Mitarbeitern hat und bei personellen Engpässen besser reagieren kann. Eine Kirchengemeinde, die auf sich alleine gestellt ist, befindet sich da in einer schwierigeren Lage. Es darf aber auch nicht sein, dass die Gemeinden das Gefühl haben, sie gäben ihren Kindergarten weg: der soll wesentlicher Teil der Gemeindearbeit bleiben.
Ein Dauerthema ist der Rückgang der Kirchenmitglieder, seit Mitte der 90er Jahre von rund 200 000 auf 160 000.
Dieser Trend lässt etwas nach. Insbesondere die Innenstadtgemeinden legen sogar etwas zu durch den Zuzug. Früher war das anders, da sind die Menschen aus der Innenstadt ins Umland abgewandert. Aber unser Problem sind auch nicht Austritte oder Wegzüge, wir spüren den demografischen Wandel, dass weniger Kinder geboren werden und die Gesellschaft älter wird.
Was können die Kirchen gegen die Schwindsucht unternehmen? Sie haben für eine stärker missionarische Kirche plädiert.
Unsere Grundaufgabe ist, das Evangelium weiterzugeben. Das geschieht in unserer traditionellen Gemeindearbeit. Ich glaube aber, dass wir darüber hinaus auch neu nachdenken sollten, wie wir mit Menschen ins Gespräch über das Evangelium kommen können. Das ist der Gedanke einer missionarischen Kirche, die nicht wartet, bis die Leute zu ihr kommen.
Was heißt das praktisch?
Dazu ein Beispiel: Die Zahl der Taufen geht zurück, wir wissen aber aus Untersuchungen auch, dass das nicht daran liegt, dass die Taufe für die Menschen an Wert verloren hat. Deshalb sollten wir Wege suchen, wie wir auf Eltern zugehen und sie zur Taufe einladen können. Das könnte eine Aufgabe der Kirchengemeinden sein.
Sie haben als Schuldekan in Ditzingen das missionarische Projekt mit dem Titel „Neu anfangen“ umgesetzt.
Das war eine große Aktion. Wir haben im Strohgäu ein Buch gemacht, in dem uns Menschen erzählt haben, wie sie nach einer Lebenskrise einen Neuanfang erlebt haben. Dann haben wir Haushalte angerufen und gefragt, ob wir ihnen dieses Buch schenken dürfen. Bei allen, die es wollten, haben wir uns noch mal gemeldet und gefragt, ob sie Lust haben, an einer Gesprächsgruppe teilzunehmen. Das war’s.
Wie groß war die Resonanz?
Wir haben mehr als 20 000 Bücher verteilt, und es haben sich rund 1000 Leute an den Gesprächsgruppen beteiligt. Für alle, die dann gesagt haben, das war toll und bewegend, hatten wir weitere Angebote.
Wäre das Projekt etwas für Stuttgart?
Ich würde gerne so etwas machen hier, aber nicht eins zu eins, sondern so, wie es zu Stuttgart passt. Ich möchte mit meinen Kollegen in der Pfarrerschaft darüber reden. Wichtig war übrigens: es ist eine ökumenische Aktion gewesen mit der katholischen und der methodistischen Gemeinde. Dadurch hatten wir diese Breitenwirkung.
Das Missionarische hat keinen guten Ruf.
Das stimmt. Auch ich bin ein Kind meiner Zeit, auch mir fallen natürlich Negativbeispiele ein, wenn ich den Begriff Mission höre, dass da nur jemand seine Botschaft loswerden will und sich gar nicht für das Gegenüber interessiert. Das meine ich aber nicht. Ich glaube auch, dass sich hier in der Kirche etwas ändert. Seit der Jahrtausendwende wird in den Synoden der EKD nachgedacht, wie die Kirche künftig sein sollte. Da heißt es stets: die Kirche muss lernen, ganz neu auf die Menschen zuzugehen. Das haben wir zu wenig gemacht.
Das klingt ein bisschen nach Papst Franziskus – ohne Sie rekatholisieren zu wollen.
Ich lese die Berichte über den neuen Papst mit großem Interesse. Es stimmt, wenn er sagt: Wir dürfen keine Kirche sein, die sich dauernd mit sich selber beschäftigt.
Wie politisch soll die evangelische Kirche in der Landeshauptstadt sein?
Eine Kirche muss immer politisch sein, wenn auch nicht parteipolitisch. In der Bibel ist ihr als großes Thema die Gerechtigkeit aufgegeben. Deshalb muss sie mahnen und fragen: Wie steht es um die Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft? Wie um die Teilhabe von Behinderten? Wie gehen wir mit Menschen um, die bei uns Asyl suchen?
Sie sind stellvertretender Landesvorsitzender von Evangelium und Kirche, einer kirchenpolitischen Vereinigung in der Württembergischen Landeskirche. Diese steht zwischen der Offenen Kirche, die man zum linken Spektrum zählt, und der konservativen, vom Pietismus geprägten Lebendigen Gemeinde. Wie schätzen Sie die evangelische Kirche Stuttgarts ein?
Die evangelische Kirche ist in Stuttgart sehr breit aufgestellt mit den unterschiedlichsten Gemeinden, wobei das liberale Element ganz stark im Vordergrund steht.
Gegenwärtig bewegen mehrere kirchenpolitische Streitfragen die Debatte. Wie stehen Sie zum Familienpapier der EKD? Ebenso kritisch wie Landesbischof July, der die ­traditionelle Ehe nicht ausreichend hervorgehoben sieht?
Ich stelle zuallererst fest, dass wir mal wieder geradezu reflexhaft in die bekannten Grabenkämpfe geraten sind. Ich habe in dem Papier viele Selbstverständlichkeiten gelesen: dass es heute viele verschiedene Lebensformen gibt, die als gut und richtig angesehen werden. Schwierig finde ich allerdings, dass das theologische Nachdenken darin viel zu kurz kommt. Das hat Bischof July ja kritisiert, denn das macht die Akzeptanz des Papiers schwierig. Für die Bibel ist die Ehe von Mann und Frau ein ganz besonderes Verhältnis, dazu stehe ich. Aber wenn Menschen in Patchworkfamilien oder Wiederverheiratete neu eine ernsthafte Beziehung eingehen, dann sehe ich da auch Gottes Ja dazu.
Wie halten Sie es mit der homosexuellen Partnerschaft im Pfarrhaus? Sollte die selbstverständlicher werden als bisher?
Unbedingt. Ich staune, wie oft ich auf das Thema Homosexualität angesprochen werde, welchen Stellenwert das hat. Ich finde das Thema wichtig, aber biblisch gesehen ist es nachgeordnet. Die Bibel spricht über Homosexualität, aber dabei viel mehr über Gerechtigkeit. Für mich ist klar: Die sexuelle Orientierung eines Menschen kann nicht entscheidend sein, ob dieser für das Pfarramt geeignet ist oder nicht. Ich werde mich dafür einsetzen, dass auch lesbische Pfarrerinnen und schwule Pfarrer mit ihren Partnern in den Gemeinden leben und arbeiten können. Wenn die Gemeinden sehen, dass der- oder diejenige eine tolle Seelsorge macht, wird die sexuelle Orientierung keine Rolle mehr spielen. Ich stehe da ganz hinter der Haltung meines Vorgängers Hans-Peter Ehrlich.
Streitthema Nummer drei: eine Vikarin darf ihre Ausbildung zur Pfarrerin in Württemberg nicht weitermachen, weil sie einen Muslim geheiratet hat. Ist das richtig?
Heute, im Jahr 2013, ist meine Antwort: Ich glaube, dass man angesichts der besonderen Arbeits- und Lebensform, die das Pfarramt ist, einen Partner braucht, der selber auch meiner oder einer anverwandten Kirche angehört. Und wir brauchen für solche Fälle eine Regelung, dass wir keine Einzelfallentscheidungen treffen müssen.
Sehen Sie sich als Moderator?
Wir müssen in den Gemeinden eine Diskussionskultur zwischen den verschiedenen Flügeln finden, dass man nicht den Stab übereinander bricht und sich in seinem Christsein angreift. Wir dürfen diese Konflikte nicht zu Bekenntnisfragen machen. Ob beim Thema Homosexualität oder bei den Gottesdienstformen: wir dürfen uns nicht als rivalisierende Gruppen verstehen. Es ist ein Reichtum, dass wir auch die eher theologisch konservative Ludwig-Hofacker-Gemeinde oder die Gospelarbeit in der Heilandsgemeinde haben. Das sind Antworten auf eine Gesellschaft, die sich immer mehr in Milieus differenziert. Die Frage muss sein: Was ist der Kitt, der uns zusammenhält. Wir brauchen ein stärkeres Bewusstsein von Einheit.
Wie wichtig ist Ihnen die Ökumene?
Ich bin groß geworden in einer kleinen evangelischen Auslandsgemeinde in Edinburgh, wo wir eine große Nähe hatten zur anglikanischen Gemeinde. Ich habe dieses Miteinander der Kirchen immer als Reichtum erlebt, auch später als Pfarrer und Schuldekan. Die katholische Kirche ist für mich keine Konkurrenzkirche. Wir müssen miteinander in der Stadt die Stimme erheben, dass wir auch gehört werden. Und ich finde, im Lutherjahr 2017 sollten wir das Jubiläum der Reformation auch mit den Katholiken feiern. Wir sollten fragen: Was ist das Trennende gewesen, was trennt uns heute noch? Aber auch: Welche Wege können wir gemeinsam gehen? In der Hoffnung, irgendwann vielleicht doch wieder eine Einheit beider Kirchen zu erreichen.
Der christlich-islamische Dialog kommt dagegen vor allem in Sonntagsreden vor.
Die zentrale Schwierigkeit ist: Wer ist der Repräsentant des Islam? Vor Ort treffen wir verschieden geprägte Moscheegemeinden an, die nur für ihre Richtung sprechen.
Anfang nächsten Jahres wird der neue ­Hospitalhof eingeweiht. Was erwarten Sie sich von diesem?
Ich hoffe, dass es gelingt, ganz unterschiedliche Menschen in dieses Haus einzuladen, auch junge Leute. Das Konzept der neuen Leiterin Monika Renninger finde ich sehr beeindruckend, zum Beispiel die geplanten Angebote für Schulen. Ein besonderes Anliegen ist mir das Thema Religion und Naturwissenschaften. Ich habe im Unterricht festgestellt, dass junge Menschen hier eine Entweder-oder-Haltung einnehmen: Entweder halten sie sich an die Wissenschaft oder an die Bibel. Das ist falsch.
Welche Bedeutung hat der Kirchentag 2015 für die evangelische Kirche in Stuttgart?
Ich wünsche mir, dass es ein Fest mit viel Begeisterung wird, wo viel diskutiert wird und bei dem die Gäste die evangelische Kirche vor Ort als sehr einladend erleben. Und ich wünsche mir natürlich, dass diese Begeisterung auch Einzug hält in den Gemeinden und uns in die Zukunft trägt.

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