Neuer Tierpark im Schwarzwald Ein Refugium für Mensch und Tier

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An den Hängen des Schwarzwalds entsteht ein Tierpark mit ganz besonderem Konzept. Die Aufmerksamkeit ist groß, auch wegen der Macherin: Maria Wruck ist die Tochter und Erbin des Unternehmers Max Grundig. Sie gibt viel Geld – und ihr Herzblut.

Maria Wruck (links), Davina Schmitz und die Eselin Luna wollen Menschen helfen, das Band zur Natur neu zu knüpfen. Foto: Anima Tierwelt
Maria Wruck (links), Davina Schmitz und die Eselin Luna wollen Menschen helfen, das Band zur Natur neu zu knüpfen. Foto: Anima Tierwelt

Sasbachwalden - Endlich, endlich geht es los. Seit sieben Jahren planen Maria Wruck und ihre Freundin und Co-Geschäftsführerin Davina Schmitz die Anima Tierwelt Breitenbrunnen im Hochwald über Sasbachwalden (Ortenaukreis), und oft schien ihr Traum eines Refugiums für Tier und Mensch weit wegzurücken. Nun aber ist die Zoogenehmigung da, nun sind die Bagger angerückt, nun ist in einer Feier mit dem Vizeministerpräsidenten Thomas Strobl eine Zeitkapsel in der alten Kurklinik am Breitenbrunnen versenkt worden. „Wer sich mit dem Gedanken trägt, selbst einen neuen Tiergarten auf die grüne Wiese zu stellen, dem können wir nur einen sehr langen Atem und Nervenstärke wünschen“, sagt Davina Schmitz – und lacht befreit.

Die offensichtliche Eigenschaft der beiden Frauen, über Hindernisse und am Ende auch über sich selbst lachen zu können, ihre scheinbar unverbrüchliche Freundschaft und natürlich ihr Vermögen sind das größte Kapital bei diesem Mammutprojekt. Sehr oft haben sich Geschäftspartner oder Freunde bei gemeinsamen Unternehmungen zerstritten, doch bei Maria Wruck und Davina Schmitz (beide 37 Jahre alt) ist es genau umgekehrt: Beim Gespräch in der Geroldsauer Mühle bei Baden-Baden spürt man, wie alle Widrigkeiten sie noch stärker zusammengeschweißt haben, wie viel Energie sie in sich tragen – und wie heftig das Feuer in ihnen noch immer für die Anima Tierwelt lodert. Es kommt von Herzen.

Heute bröckeln am Breitenbrunnen, kaum einen Steinwurf vom Nationalpark und von der Schwarzwaldhochstraße entfernt, auf einer Lichtung eine Handvoll Gebäude vor sich hin, das älteste stammt aus dem Jahr 1888. Es soll erhalten werden, vieles aber ist abbruchreif. Eine geschützte Feuchtwiese windet sich den Hang hinab. Drum herum ist Wald, Wald und noch mehr Wald – zwei Hirsche und einige Wildschweine fristen in einem kleinen Gehege ihr Dasein. An diesem Ort wollen Maria Wruck und Davina Schmitz 2020 oder 2021 einen Tierpark eröffnen, der anders ist.

Begegnungen zwischen Tier und Mensch ermöglichen

„Wir waren beide schon immer naturverbunden“, sagt Maria Wruck, „aber viele Menschen wissen zum Beispiel nicht mehr, dass sich Kaulquappen später zu Fröschen entwickeln.“ In der Anima Tierwelt – Anima ist das lateinische Wort für Seele, und es steckt darin auch das englische Wort animal, Tier – wollen sie zeigen, dass der Mensch Teil der Natur ist und dass er die Natur braucht, um gesund zu bleiben. Ob das bei einem zweistündigen Besuch gelingen kann, muss sich erweisen.

Jedenfalls wollen die zwei Frauen Tiere nicht herzeigen, sondern es geht ihnen um Begegnungen. Frischlinge werden, wenn sie es wollen, mittels Durchschlupf zu den Menschen kommen können. Körperkontakt ist in einem Schaubauernhof möglich. Und in einem Seminargebäude sollen Esel und Katzen kranken Menschen helfen, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden. Vier Esel sind in der Ausbildung. Eine Kooperation gibt es bereits mit der nahen Max-Grundig-Klinik auf der Bühlerhöhe bei Baden-Baden: „Aber das war reiner Zufall“, sagt Maria Wruck, die Tochter des 1989 verstorbenen Unternehmers Max Grundig und Miterbin des Vermögens aus dem 2003 in Insolvenz gegangenen Elek­tronikkonzern in Fürth. Max Grundig lebte zuletzt in Baden-Baden, Maria Wruck ist dort geboren, für die Psychologin ist der Schwarzwald ihre Heimat. Sie wirkt im Gespräch natürlich, empathisch, offen – ‚ganz der Vater’ lässt sich da kaum behaupten. Max Grundig galt als gestrenger Patriarch.

Genau so wichtig wie das Wohl des Menschen ist den beiden Frauen aber das Wohl der Tiere. Es wird mit Wolf, Luchs, Hirsch und Wildschwein nur Arten geben, die im Schwarzwald heimisch waren und sich dort wohl fühlen können. Es werden nur Tiere aus Zoos und anderen Parks dort aufgenommen, also keine Wildtiere. Das Futter müssen sie sich täglich erarbeiten, damit sie keinen Käfigkoller bekommen. Es wird ein Gehege geben, in der sich abwechselnd Wolf, Schwein oder Hirsch aufhalten: „So können die Tiere Witterung der anderen Arten aufnehmen“, sagt Davina Schmitz, die gelernte Kulturmanagerin ist. Und die Hirsche werden im Herbst ein wenig ihrem Wandertrieb folgen und auf der Feuchtwiese hinab ins Tal ziehen dürfen.

Bis zu 200 000 Besucher im Jahr werden erwartet

Maria Wruck investiert für den ersten Bauabschnitt 20 Millionen Euro – ein stolzer Betrag auch für eine Frau, die 2013 in der Liste der 500 reichsten Deutschen des Managermagazins mit einem nicht allzu hohen dreistelligen Millionenbetrag auf Platz 482 stand. Tatsächlich gibt es keinen Euro Zuschuss, selbst die derzeit verlegten Anschlüsse für Strom, Wasser und Internet zahlt die gemeinnützige GmbH selbst. Erst für den zweiten Abschnitt, dessen Fertigstellung noch nicht terminiert ist und bei dem Bär, Biber und Otter hinzukommen sollen, hofft sie auf Fördergeld – immerhin schaffe sie mit dem 50 Hektar großen Park ein touristisches Highlight, das bis zu 200 000 Besucher jährlich anlocken soll.

Rückschläge gab es jedoch viele, obwohl Kommunen und Behörden das Projekt befürworten. Aber der deutsche Regelungsirrsinn schlug zu – beispielsweise hätten Wruck und Schmitz eine Zoogenehmigung nur bekommen, wenn sie zuvor eine Erlaubnis hätten vorweisen können, dass sie den Wald ausdünnen dürften. Die Behörde für die Waldumwandlung wollte aber zuerst die Zoogenehmigung sehen. Oder das Gesetz will es, dass für gerodeten Wald anderswo wieder aufgeforstet werden muss – im Schwarzwald aber kämpft man im Gegenteil darum, Flächen wie die Grinden auf den Gipfeln offenzuhalten.

Wie also das Schlagen der Bäume ausgleichen? Vor kurzem entwendete man ihnen zudem über Nacht das einzige erhaltenswerte Dach auf dem Gelände – es bestand aus Kupfer. „In solchen Momenten ist es gut, dass wir zu zweit sind und uns gegenseitig aufmuntern können“, sagt Maria Wruck. Über mangelnde Aufmerksamkeit können sich die beiden aber nicht beklagen. Das große Interesse liegt zum einen an dieser durchaus ungewöhnlichen Konstellation: Zwei Freundinnen, zudem Quereinsteigerinnen, ziehen auf recht unkonventionelle Weise ein großes Projekt durch und sprechen statt von Zahlen lieber von Natur und Achtsamkeit – der Park soll keinen materiellen, sondern seelischen Gewinn abwerfen. Das irritiert manche, scheint es. Zum anderen sind natürlich viele Menschen neugierig – und vielleicht neidisch – auf die Millionenerbin.

Daran hat sich Maria Wruck gewöhnt. Was sie eher ärgert, ist, dass die Anima Tierwelt oft mehr oder weniger offen als romantischer Kindheitstraum zweier Sandkastenfreundinnen abgetan wird. „Aber erstens haben wir als Kind nie an einen Tierpark gedacht“, sagt Wruck. „Und zweitens haben wir in den sieben Jahren seit dem Start gezeigt, dass wir es können und ernst meinen“, ergänzt Schmitz. In der Tat ist es kein Kindheitstraum. Es ist der Erwachsenentraum zweier Frauen, die genau wissen, was sie wollen.