Neuer Trainer des VfB Stuttgart Tim Walter – großes Ego, große Pläne

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Tim Walter, der neue Coach des VfB Stuttgart, strotzt nur so vor Selbstbewusstsein und Tatendrang. Mit dem Trainingsauftakt hat er am Donnerstag offiziell die Arbeit aufgenommen. Ein Porträt.

Großer Empfang beim ersten Training für den neuen VfB-Trainer Tim Walter. Foto: Baumann 15 Bilder
Großer Empfang beim ersten Training für den neuen VfB-Trainer Tim Walter. Foto: Baumann

Stuttgart - Seine Frau und die drei Kinder bleiben, wo sie sind, im gewohnten Umfeld, in München. Tim Walter, der Trainer des VfB Stuttgart, trägt sie zweieinhalb Autostunden davon entfernt an seiner neuen Arbeitsstätte aber natürlich immer bei sich in Gedanken, im Herzen – und am linken Handgelenk. Denn das zieren selbst gemachte, bunte Armbändchen von seiner Familie, die er so gut wie nie abnimmt. „Manche haben Tattoos, ich habe die Bändchen von meinen Kindern und meiner Frau“, sagt der 43-Jährige.

4500 Fans beim Trainingsauftakt

Am Donnerstagnachmittag hatte Walter beim offiziellen Trainingsauftakt im Robert-Schlienz-Stadion seinen ersten öffentlichen Auftritt als VfB-Coach. Die knapp 4500 Fans konnten sich erstmals davon überzeugen, was für ein imposanter Typ nun die Mannschaft trainiert. In schwarzer kurzer Hose und schwarzem T-Shirt betrat er den Platz und wurde mit Applaus empfangen.

1,92 Meter ist Walter groß – und sein Ego lässt ihn noch ein bisschen größer erscheinen. Er strotzt geradezu vor Selbstbewusstsein. Arroganz wird ihm nachgesagt – er nennt es Überzeugt-Sein vom eigenen Tun.

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Sein Fußball, so sagt er, spiegle auch ihn selbst wider. Er strahlt Mumm aus, sucht immer lieber die Offensive, statt sich zu verstecken. „Meine Vorgehensweise ist, dass ich mutigen, attraktiven Fußball spielen lasse, der immer aktiv ist“, sagt Walter. Er redet mehr in der Ich-Form als andere Trainer, betont dabei aber regelmäßig das „Wir“: „Das große Ganze, der Verein steht immer im Mittelpunkt, das soll auch das Signal nach außen sein.“

Anspruch: hohe Identifikation mit dem Club

Er legt Wert auf eine hohe Identifikation mit dem Club. Das ist auch im Zusammenhang mit ihm selbst ein interessanter Aspekt. Walter, in Bruchsal geboren und in Karlsruhe aufgewachsen, war zu seinen Zeiten als Jugendtrainer des Karlsruher SC ein erbitterter Gegner des VfB. Jetzt ist er selbst in Stuttgart. Wie das zusammenpasst? „Es ist nicht wichtig, wo man herkommt, sondern wo man hin will. Ich hatte schon immer diesen Anspruch, mich zu verbessern“, sagt er. „Der VfB hat mich ein Stück weit auch zu dem gemacht, was ich jetzt bin.“ Die Rivalität mit den starken Stuttgarter Jugendteams spornte ihn an. Walter betont: „Für mich ist der Mensch wichtig, die Herkunft jedes Einzelnen interessiert mich wenig.“

Als Trainer ist der 43-Jährige, der früher unter anderem für den ASV Durlach in der Verbandsliga auflief, schon viel weiter gekommen denn als Spieler. Mit dem Sportvorstand Thomas Hitzlsperger und dem Sportdirektor Sven Mislintat bildet er beim VfB nun ein Triumvirat, das zusammen den Neuaufbau in Stuttgart gestaltet. Die Meinung des Trainers ist bei seinen Vorgesetzten gefragt, Walter redet bei der Zusammenstellung des Spielerkaders ein gewichtiges Wörtchen mit. Sein Ziel lautet: „Wir wollen den Verein weiterbringen. Das heißt in dem Fall auch, dass wir aufsteigen wollen.“

Der VfB hat immer noch Strahlkraft

Der Abstieg hat den VfB schwer getroffen. Auch Walter hätte natürlich nach Stationen als Trainer beim Karlsruher SC (Jugend/ 2013 bis 2015), beim FC Bayern München (Jugend und zweite Mannschaft/2015 bis 2018) und in der vergangenen Saison beim Zweitligisten Holstein Kiel lieber den Schritt in die Bundesliga vollzogen. Doch er trauert dem nicht hinterher, „weil ich mich für den VfB entschieden habe und nicht für die Liga“: „Klar ist es schöner, in der ersten Liga zu trainieren als in der zweiten. Aber der Verein hat so eine Strahlkraft und ist so groß, dass es egal ist.“

Um den Negativtrend der vergangenen Jahre umzukehren, setzen Hitzlsperger und Mislintat auf Walter. Beim Scouting des Neuzugangs Atakan Karazor stach ihnen die Kieler Spielweise ins Auge und damit auch der Coach des Tabellensechsten der vergangenen Zweitliga-Saison. „Unser Trainer sprüht vor Energie“, sagt Hitzlsperger. „Es ist Vollgas angesagt.“ Das gefällt dem Sportvorstand, nichts verabscheut er mehr als stumpfen Defensivfußball. Walters forscher offensiver Ansatz ist genau nach seinem Gusto. Es geht so weit, dass das Spielkonzept des Trainers auch in den VfB-Jugendteams implementiert werden soll.

Fünf Wochen bis Saisonbeginn

Zunächst einmal wird es allerdings bei den Profis angewandt. Nur fünf Wochen bleiben bis zum Zweitliga-Start Ende Juli. Das ist wenig Zeit – womöglich zu wenig Zeit für das, was Walter seinen Spielern beibringen will. Er wirbt deshalb um Geduld: „Um fußballerische Lösungen zu kreieren, braucht man Zeit. Wie lange das genau dauert, weiß ich nicht. Aber ich habe es bisher überall hinbekommen, daher gehe ich davon aus, dass ich es jetzt auch hier hinbekomme.“

Walter will sich in den Trainingslagern und den Übungseinheiten nun ein genaues Bild von allen Spielern machen. Alle starten bei ihm bei null, wie er betont – auch Routiniers wie Ex-Nationalspieler Mario Gomez. „Es wird sich zeigen, wie er drauf ist und wie er sich gibt“, sagt Walter und fügt an: „Keiner kann sich etwas kaufen für das, was war. Jeder wird nur daran gemessen, was momentan ist und was kommt.“