Neuer Trainer des VfB Stuttgart Warum sich der VfB für Sebastian Hoeneß entscheidet
Der VfB Stuttgart trennt sich von Trainer Bruno Labbadia und verpflichtet schon wieder ein Gegenmodell: Sebastian Hoeneß. Wir beleuchten die Gründe dafür.
Der VfB Stuttgart trennt sich von Trainer Bruno Labbadia und verpflichtet schon wieder ein Gegenmodell: Sebastian Hoeneß. Wir beleuchten die Gründe dafür.
Bruno Labbadia hat noch einmal auf die Uhr an seinem Handgelenk geschaut. Und schon hatten alle Kameramänner und Fotografen am Rande des Trainingsplatzes an der Mercedesstraße ihr Motiv: Die Zeit des 57-jährigen Fußballlehrers beim VfB Stuttgart ist abgelaufen, bereits nach vier Monaten. Das war am Sonntagvormittag, aber erst am Montagnachmittag vermeldete der Verein, dass er sich tatsächlich von Labbadia getrennt habe. Der Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle und der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth teilten es ihm in einem Gespräch mit. Das Kommando übernimmt Sebastian Hoeneß.
Es war Zeit zu handeln, da sich die Nachricht von Labbadias bevorstehendem Aus seit Samstagnachmittag verselbstständigt hatte. Zudem treten die Stuttgarter am Mittwoch (18 Uhr) im DFB-Pokal beim Zweitligisten 1. FC Nürnberg an. Eine wichtige Partie, und noch bedeutender ist die Begegnung am Sonntag (17.30 Uhr) beim VfL Bochum – eine Art Finale im Abstiegskampf der Bundesliga. Lange war dabei nicht klar, ob Labbadia dann auf der Trainerbank sitzt oder ob schon ein neuer Coach in der Kabine einen frischen Impuls setzen soll.
Noch vor Kurzem hatte vor allem Wehrle auf das Modell Feuerwehrmann vertraut. Erfüllt wurden die Erwartungen jedoch nicht. Labbadias Zahlen seit seinem Amtsantritt lesen sich wie eine Schreckensbilanz: In elf Ligaspielen verbuchte er nur einen Sieg und drei Unentschieden, dafür gab es sieben Niederlagen. „Wir haben Bruno im vergangenen Dezember verpflichtet, weil wir fest davon überzeugt waren, mit ihm eine Trendwende einleiten zu können. Bruno hat vom ersten Tag mit großem Einsatz und großer Leidenschaft mit der Mannschaft gearbeitet, leider hat sich dies aber nicht in Form von Punkten ausgezahlt“, sagt Wehrle.
Jetzt gibt es einen anderen Ansatz, mehr von Wohlgemuths Überzeugung geprägt. „Es geht um die unmittelbare Wirkung, aber auch um das, was wir über die Saison hinaus beim VfB vorantreiben wollen. Sebastian Hoeneß hat unter Beweis gestellt, dass er Mannschaften führen und gleichzeitig auch die Entwicklung einzelner Spieler sehr positiv beeinflussen kann“, sagt der Sportdirektor. Hoeneß, dessen Vertrag ligaunabhängig bis 2025 datiert ist, wird zugetraut, schnell die richtigen Worte zu finden.
An diesem Dienstag legt Hoeneß mit der Arbeit los. Damit ist die Hängepartie in der Trainerfrage beendet. Beim Blick zurück bleibt indes das Bild eines geschwächten Bundesliga-Urgesteins, das nach dem 0:3 beim 1. FC Union Berlin die Ersatzspieler im Training anleitet, während im Clubheim nebenan die Elefantenrunde tagt: der Vorstandsboss und Sportvorstand Wehrle, der Sportdirektor Wohlgemuth, der Leiter der Lizenzspieler Christian Gentner, das Aufsichtsrat- und Präsidiumsmitglied Rainer Adrion diskutieren über den angezählten Labbadia. Zeitweise ist der externe Berater Sami Khedira zugeschaltet.
Viele Stimmen, aber zunächst keine Entscheidung. Noch am Montagmittag wurde beim VfB nicht ausgeschlossen, dass Labbadia die Mannschaft in Nürnberg aufstellt. Der Nochtrainer gab sich bis zuletzt überzeugt davon, die Mission Klassenverbleib erfüllen zu können. Acht Spiele verbleiben noch plus eine eventuelle Relegation.
Doch nicht nur der Absturz auf den letzten Tabellenplatz nährte die Zweifel auf der Führungsetage, ob Labbadia noch der Richtige sei. Seine Maßnahmen griffen nicht. Die Spielverläufe folgten meist einem Schema: vorne keine Tore und hinten nicht stabil genug. Eine einfache Wahrheit, der jedoch schwer zu begegnen ist. Zumal eine Trennung von Labbadia auch das Eingeständnis eines Scheiterns von Wehrle und Co. darstellt. Der AG-Chef hat die sportliche Leitung nach dem Aus von Chefcoach Pellegrino Matarazzo neu besetzt. Denn es folgte zudem der Abschied von Sportdirektor Sven Mislintat. Dessen Kaderzusammenstellung gilt bei den jetzigen Verantwortlichen als ein Hauptgrund für die Misere.
Mit Hoeneß (zuletzt TSG Hoffenheim) versucht sich jetzt also der Trainer Nummer vier, um noch zu retten, was für zahlreiche Fans nicht mehr zu retten ist. Zunächst hatte in Matarazzo ein unverbrauchter Trainer gehen müssen, weil er nicht eines der ersten neun Ligaspiele gewann. Sein Punkteschnitt betrug mit fünf Unentschieden schwache 0,55. Auf die gleiche Zahl kommt der Trainerveteran Labbadia nach elf Spielen. Am besten schneidet die Interimslösung Michael Wimmer ab – 1,5 Punkte im Schnitt bei sechs Spielen. Für eine Beförderung reichte das nicht, trotz Mislintats Fürsprache. Womöglich aber auch wegen Mislintats Plädoyer für den einstigen Co-Trainer.
Nun stellt sich Hoeneß der Herausforderung. „Für uns gibt es jetzt drei Aufgaben, und zwar genau in dieser Reihenfolge, erstens: das Pokalspiel in Nürnberg erfolgreich zu gestalten. Zweitens: den Klassenerhalt in der Bundesliga zu schaffen. Drittens: nach der Saison zusammen mit der sportlichen Führung eine klare Analyse vorzunehmen, um die notwendigen Schritte einzuleiten für eine erfolgreiche Zukunft des VfB Stuttgart“, sagt der 40-Jährige. Mit ihm soll beim VfB eine neue Zeitrechnung beginnen.