Stuttgart - Nach 18 Jahren werden sich viele an den Gedanken erst gewöhnen müssen: Frank Bsirske ist nicht mehr Verdi-Vorsitzender. Was ändert sich? Der Nachfolger Frank Werneke muss neue Schwerpunkte setzen. So muss die Gewerkschaft im Einsatz für die Umwelt tief greifende Veränderungen der Arbeitswelt begleiten. Die vom Klimaschutz negativ betroffenen Belegschaften mitzunehmen, dürfte schwierig werden. Auch müssen die nachteiligen Folgen künstlicher Intelligenz auf die Beschäftigung aufgefangen werden; viele Menschen fühlen sich schon heute von der digitalen Entwicklung abgehängt. Werneke hat die Arbeit der Zukunft bereits als ein Megathema der nächsten vier Jahre identifiziert. Nun kann er beweisen, dass Verdi der herausragenden Stellung auf diesem Feld gerecht wird.
Mindestlohn von zwölf Euro ein Projekt der Zukunft
Sozialpolitisch wird er die Linie Bsirskes gewiss weiterführen. So fordert die Gewerkschaft künftig einen gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von zwölf Euro die Stunde. Dies zunächst bei den linksorientierten Parteien und – nach der nächsten Bundestagswahl – gegenüber der neuen Regierung durchzusetzen, ist nun Wernekes Job. Dass die Marke von derzeit 9,19 Euro in einer oder zwei Stufen so stark angehoben werden soll, obwohl es einen breit akzeptierten Mechanismus gibt, ist erklärungsbedürftig. Entsprechend groß sind die noch zu überwindenden Widerstände.
Bsirske hat sich eine hohe Akzeptanz in der Politik erworben. Diese muss Werneke sich erst noch erarbeiten. Sollten die zwölf Euro jemals Wirklichkeit werden, wäre dies sein Verdienst – so wie die 8,50 Euro einst Bsirskes großer Durchbruch waren. Doch kommt Verdi erfahrungsgemäß nur dann zu echten Erfolgen, wenn sehr beharrlich ein Ziel verfolgt wird. Diese Eigenschaft bringt Werneke offenbar mit.