Neuer Vertrag Müssen Hebammen und Mütter die Änderungen ausbaden?
Ein neuer Vertrag regelt die Vergütung von Hebammen. Die Kreis-Hebammensprecherin findet kritische Worte. Was bedeuten die Änderungen für Schwangere, Mütter und Hebammen?
Ein neuer Vertrag regelt die Vergütung von Hebammen. Die Kreis-Hebammensprecherin findet kritische Worte. Was bedeuten die Änderungen für Schwangere, Mütter und Hebammen?
Wieder einmal ein Gefühl der Verunsicherung, wieder einmal erklären Hebammen, bestimmte Leistungen nicht mehr anbieten zu können, wieder einmal könnten Schwangere und frischgebackene Mütter die Hauptleidtragenden sein, wenn der am 1. November eingeführte Hebammenhilfevertrag so Bestand haben sollte. Auch im Kreis Böblingen wird Kritik an dem Vertrag laut, der auch die Vergütung der freiberuflichen und angestellten Hebammen sowie der Beleghebammen regelt.
Die Kreis-Hebammensprecherin, Simone Müller-Roth, bringt die Aspekte, die sie besonders kritikwürdig findet, auf den Punkt: „Wenn der neue Vertrag seine Wirkung so entfaltet, wie es derzeit geplant ist, müssen freiberuflich tätige Hebammen und nicht angestellte Hebammen an Kliniken mit finanziellen Einbußen und deutlich mehr bürokratischem Aufwand rechnen. Das ist nicht hinnehmbar und stellt für die Versorgung von Frauen eine Gefahr dar.“
Der größte Interessensverband der Hebammen in Deutschland, der DHV mit seinen rund 20 000 Mitgliedern, hat sich der Unterzeichnung des neuen Hilfevertrags verweigert. Aktuell klagt der DHV gegen die Vereinbarungen, die der Dachverband der Krankenkassen (GKV) mit kleineren Hebammenvertretungen geschlossen hat. Seit 2017 hätten die Hebammen keine Gehaltsanpassung mehr erhalten. „Und das, obwohl Lebenshaltungskosten wie Lebensmittel-, Energie-, Benzin- und Mietpreise angestiegen sind“, sagt Simone Müller-Roth.
Konkret bemängelt die Kreis-Hebammensprecherin vor allem zwei Aspekte. Die erste Kritik betrifft die telefonische Betreuung von werdenden oder frischgebackenen Müttern, die heutzutage eine großen Teil des Arbeit einnehme. „Hebammen, die Schwangere vor der Geburt und Eltern im Wochenbett betreuen und telefonisch beraten, müssen für jedes Mal eine Unterschrift einholen, damit sie die Leistung abrechnen können. Auch wenn der Einsatz nur eine Minute dauerte“, erläutert Müller-Roth. Das sei ein „enormer“ Aufwand, weil sie und ihre Kolleginnen das Dokument per Mail schickten, es dann wiederbekämen oder es sogar bei den betreuten Eltern vorbeibringen müssten. „Das ist ein Fehler im System. Das geht gar nicht“, betont Müller-Roth.
Zum zweiten, so die Kreis-Hebammensprecherin, brächte der neue Vertrag für die freiberuflichen Kolleginnen negative Veränderungen mit sich, die Kurse anbieten. Ab November dürfen Fehlstunden bei Geburtsvorbereitungs- oder Rückbildungskursen weder den Krankenkassen noch den angemeldeten Frauen in Rechnung gestellt werden. Erscheinen die Frauen nicht, blieben die Kursplätze meist leer. „So kann es passieren, dass Frauen, die gerne teilnehmen genommen hätten, außen vor bleiben. Ich weiß von zwei Kolleginnen, dass sie ihre Kurse vorerst auf Eis gelegt haben. Ihnen ist die Situation zu unsicher, sie können mögliche finanzielle Verluste nicht mehr tragen“, erklärt die Sprecherin.
Für den Bereich Böblingen-Sindelfingen sei die Versorgungslage in puncto Hebammenbetreuung ohnehin angespannt. Immer wieder meldeten sich Frauen bei Simone Müller-Roth und klagten, dass sie keine Hebamme gefunden hätten. „Das passiert häufig. Die Frauen sind verzweifelt. Sie haben oft schon alles probiert. Dann biete ich die Hebammensprechstunde an, die wir im Kreis in Böblingen, Herrenberg und Leonberg aufgebaut haben“, erklärt die Geburtshelferin. An allen drei Standorten können Mütter an drei Nachmittagen in der Woche in die Sprechstunde kommen. „Das lindert die Not etwas. Aktuell werden die Angebote auch sehr gut genutzt“, so Müller-Roth.
Ein Hauptkritikpunkt des DHV, dass die Beleghebammen künftig deutlich schlechter gestellt werden, betrifft den Kreis Böblingen nicht. „Da wir keine freiberuflichen Beleghebammen einsetzen, sind wir von den aktuellen Änderungen nicht direkt betroffen“, erklärt der Klinikverbund Südwest auf Anfrage. Die in den Geburtsstationen tätigen Hebammen sind nämlich allesamt angestellt. Grundsätzlich ging es darum, dass Beleghebammen nur dann voll entlohnt werden, wenn sie einer Gebärenden vor, während und nach der Geburt zu 100 Prozent zur Seite stehen konnten. Das sei angesichts des Personalmangels und einer Mehrfachbetreuung gebärender Frauen unrealistisch, so der DHV.
Die Versorgung von Schwangeren, Gebärenden und neuen Eltern wird im Kreis Böblingen weiterhin dynamisch bleiben. Das liegt an der geplanten Umstrukturierung der Krankenhaus-Geburtshilfe. Die über Jahre beliebte Station am Klinikum Herrenberg wird zum 8. Mai 2026 schließen und nach Nagold umziehen. Schwangere aus dem Raum Herrenberg können für Geburten vor allem die Klininen Nagold und Böblingen aufsuchen. Mit der Fertigstellung des Flugfeldklinikums im Herbst 2028 wird die Geburtshilfe im Kreis dann in Böblingen konzentriert sein. Simone Müller-Roth geht wie auch der Klinikverbund aktuell davon aus, dass auch das bewährte Modell des hebammengeführten Kreißsaals wieder Verwendung finden wird. Solange wünscht sie sich, dass die Herrenberger Station rege genutzt wird: „Das Team dort macht eine hervorragende Arbeit und freut sich auf werdende Eltern – unabhängig davon, wie es mit dem Hebammenvertrag weitergehen wird.“
Klinikhebammen
Aktuell beschäftigt der Klinikverbund Südwest rund 130 Hebammen in den drei Geburtskliniken Böblingen, Nagold und Leonberg.
Hebammenvertrag
Es gibt auch Pluspunkte im Vertrag. So steigen die Stundensätze für freiberufliche Hebammen um 30 Prozent auf rund 74 Euro. Auch Geburten, die von Beleghebammen begleitet werden, sollen besser bezahlt werden: Die Vergütung pro Stunde für die Eins-zu-eins-Betreuung einer Geburt würde von 41,40 Euro auf 85,40 Euro steigen.