Herr Blume, Sie waren Ende vergangener Woche auf einem Management-Treffen in Lissabon. Was sind die zentralen Botschaften, die Sie Ihren Führungskräften mitgegeben haben?
Zentrale Punkte waren meine Führungsprinzipien, Prioritäten und strategischen Schwerpunkte. Meine Konzentration im Volkswagen-Konzern liegt auf den Marken, Produkten, Menschen, Unternehmertum und Nachhaltigkeit. Mir hilft, dass ich seit 28 Jahren im Konzern beschäftigt bin. Ich habe bei vier Marken gearbeitet, bin seit über vier Jahren im Konzern-Vorstand und weiß genau, wo ich anpacken muss.
Ein Thema – die Verkleinerung des Vorstands – haben Sie bereits kommuniziert. Was sind darüber hinaus die nächsten strategischen Schritte?
Ich nehme mir pro Jahr ein Programm mit zehn Punkten vor. So haben wir Porsche in den vergangenen Jahren erfolgreich geführt. Diese zehn Bälle müssen am Ende des Jahres im Tor liegen. Durch Tore gewinnt man Spiele. Die ganze Mannschaft konzentriert sich dadurch auf die wesentlichen Punkte. Die großen Überschriften habe ich im Kopf, jetzt geht es an die Detailarbeit.
Was haben Sie konkret geplant?
Es geht zunächst um eine robuste Finanzplanung, die Weiterentwicklung unserer Produkte inklusive dem Hochlauf der Elektromobilität, Regionen wie China und Nordamerika, Software und Technologien, aber auch Nachhaltigkeit und den Kapitalmarkt. In den nächsten vier Wochen soll feststehen, was in diesem Jahr noch zu tun ist. Bis Ende des Jahres stehen unsere Ziele für 2023. Messbarkeit in der Umsetzung ist mir wichtig. Daran lasse ich mich auch persönlich messen.
Die Anteilseigner setzen große Erwartungen in Sie. Konnten Sie überhaupt ablehnen, als die Familien Porsche und Piëch bei Ihnen angeklopft haben?
Gefragt zu werden, war eine große Ehre für mich. Ich habe für mich abgewogen, ob die Führung des Volkswagen-Konzerns die richtige Aufgabe für mich ist. Zum einen habe ich große Lust darauf, zum anderen spüre ich nach rund drei Jahrzehnten im Konzern eine persönliche Verpflichtung, in schwieriger Zeit Verantwortung zu übernehmen.
Insgesamt gilt der Konzern als unführbar. Was macht Sie zuversichtlich, dass Sie den Teamgedanken in eine Unternehmenskultur bringen können, die bislang stark durch Machtkämpfe, Intrigen und Dysfunktionalität geprägt ist?
Ich führe Volkswagen nach den gleichen Prinzipien, nach denen ich auch Porsche führe. Teamgeist, Fairness und Leidenschaft. Ich mag den Vergleich, ein Unternehmen so zu führen wie ein Sportteam. Mir kommt es auf Leistung an, auf den Willen, gemeinsam gewinnen zu wollen, aber auch auf das richtige Zusammenspiel. Gute Führung ist der Schlüssel zum Erfolg. Dazu gehört ein hohes Maß an Transparenz und gegenseitigem Vertrauen. Vertrauen erreicht man nicht, indem man oft darüber spricht, sondern durch Vorleben. Das beginnt bei mir persönlich. Was bei Porsche funktioniert, möchte ich auf den Konzern übertragen.
Was macht Sie so sicher, dass sich die Prinzipien, nach denen Sie Porsche führen, ohne Weiteres auf einen heterogenen Konzern wie VW übertragen lassen?
Ich habe den Vorteil, dass ich lange im Unternehmen bin. Die Menschen kennen mich und wissen, was sie von mir erwarten können. Außerdem macht mich zuversichtlich, dass ich die letzten vier Jahre für die Konzernproduktion verantwortlich war. Das sind zwei Drittel der Belegschaft. Auch dort ist es gelungen, diese Prinzipien zu verankern – dann sollte es bei dem verbleibenden Drittel auch funktionieren.
Sie wollen Porsche auch nach dem Börsengang langfristig führen. Bleibt es dabei?
Eindeutig ja. Es war für mich eine maßgebliche Entscheidungsgrundlage. Das strategische Führen des Konzerns und das operative Leiten einer Marke ergänzen sich ideal. Aus meiner Sicht ist diese Verknüpfung sogar erforderlich. Damit bin ich eng an die Technologien, die unternehmerischen Prozesse und die Teams angebunden. Auf dieser Basis kann ich die richtigen strategischen Entscheidungen für den Konzern treffen. In der Autoindustrie ist es nicht ungewöhnlich, dass der Konzernchef auch eine Marke führt.
Herbert Diess wurde die Aufgabe entzogen, gleichzeitig als Konzernchef und als Markenchef zu fungieren. Was machen Sie besser?
Am Ende ist es immer eine Frage der Organisation: mit Teamwork, einer straffen Planung und klaren Prioritäten. Von außen betrachtet kann man sich kaum vorstellen, dass es möglich ist, Konzern und Marke gleichzeitig zu führen. Tatsächlich werde ich zukünftig in denselben Meetings sitzen, die auch in den vergangenen Jahren zu meinem Pflichtprogramm gezählt haben. Lediglich die Rolle ist jetzt eine andere. Um zusätzliche Zeit zu gewinnen, werde ich die Konzernproduktion und den Konzernumweltschutz abgeben. Außerdem werde ich mehr als zehn Mandate in Aufsichtsräten und Beiräten ablegen.
Porsche sucht mehr Selbstständigkeit, VW die Synergien. Wie wollen Sie Interessenskonflikte vermeiden?
Diese Frage würde sich relativieren, wenn Porsche an die Börse käme. Durch den möglichen Börsengang würde Porsche zu einem komplett eigenständigen Unternehmen ohne Weisungsbefugnisse durch den Volkswagen Konzern. In meiner Konzernverantwortung werde ich parallel daran arbeiten, dass auch zukünftig Synergien in beide Richtungen für Einkaufsvolumina, Komponenten, Technologien oder Werke realisiert werden. Sollte es dennoch zu einem möglichen Interessenkonflikt kommen, werden wir diesen eindeutig trennen. Der Porsche Vorstand würde immer eigenständig entscheiden können. Und am Ende hätten der Volkswagen Konzern und Porsche das gleiche Ziel: eine nachhaltig wertschaffende Entwicklung von Porsche mit attraktiven Dividenden.
Worauf werden Sie sich bei Porsche fokussieren?
Auf das Kerngeschäft: die Führung der Vorstandsgremien, Produkt- und Strategietage und Fachfunktionen wie Qualität, Produkt, Baureihen, Recht, Revision oder die Kommunikation. Im operativen Geschäft werde ich entlastet: Albrecht Reimold wird die Anläufe neuer Produkte gesamthaft koordinieren, Lutz Meschke die Beteiligungen außerhalb des Automobilgeschäfts führen. Auch meine Beiratsmandate werden unter den Kollegen aufgeteilt.
Wie teilen Sie die Arbeitswoche zwischen Stuttgart und Wolfsburg auf?
Kaum anders als bisher. Montags finden im Volkswagen Konzern die Vorstandssitzungen in den Marken statt, da bin ich in Stuttgart. Am Dienstag finden die Konzernsitzungen in Wolfsburg statt. Dann bietet es sich an, den Mittwoch dort anzuhängen. Die Tage sind aber flexibel, und auch am Wochenende bearbeite ich so wie bisher bestimmte Themen.
Ihr Lebensmittelpunkt bleibt Stuttgart?
Absolut, auch meine Familie bleibt hier. Aber ich habe in der Nähe von Wolfsburg noch ein Haus, wo ich an den Tagen wohnen werde, an denen ich in der Konzernzentrale bin.
Sie stehen bei Porsche für Technologieoffenheit, auch für die Förderung klimaneutraler E-Fuels. Herbert Diess war ein Bannerträger des batteriebetriebenen Autos. Ändert sich nun die Gesamtstrategie des VW-Konzerns?
Der Elektromobilität gehört die Zukunft, und Porsche ist dabei ein Pionier. Das wird ganz eindeutig die Konzernstrategie sein. Wo es sinnvoll ist, werden wir sogar beschleunigen. Wir prüfen bei jeder Marke, was realistisch umsetzbar ist.
Warum dann noch E-Fuels?
Hier denken wir bereits einen Schritt weiter. Wir sehen Klimaschutz nicht als regionale, sondern als globale Aufgabe. Man muss fragen: Wie viele Bestandsfahrzeuge gibt es auf der Welt, die auch in 30 oder 50 Jahren noch fahren? Jedes Prozent als Beimischung im Kraftstoff kann hier den CO2-Ausstoß senken. Der Blick geht aber auch in andere Sektoren wie die Schiff- oder Luftfahrt. Deshalb ist es gut, dass sich Unternehmen wie Porsche für die Produktion von E-Fuels engagieren. Die Technologie steht noch am Anfang. Das werden wir künftig über Porsche weiterführen, aber nur über Porsche.
In der politischen Diskussion, in der auch Ihr enger Draht zu Finanzminister Christian Lindner publik wurde, ging es aber nicht um die Bestandsflotte, sondern um die Neuzulassung von Verbrennerfahrzeugen nach 2035 . . .
Wenn man E-Fuels kategorisch ausschließt, gäbe es keinen Anreiz für Unternehmen, diese Technologieentwicklung voranzutreiben. Ein mögliches Aus von Verbrennungsmotoren hat nichts damit zu tun. Es geht um den ganzheitlichen Blick auf den Klimaschutz. Jede Maßnahme hilft, hier schneller voranzukommen.
Warum braucht Herr Lindner bei dem Thema Ihre Beratung?
Ich möchte vorausschicken: es gab zu keinem Zeitpunkt eine Beeinflussung der Koalitionsverhandlungen. Wir haben im Vorfeld mit verschiedenen Parteien, die auf uns zugekommen sind, Fachgespräche geführt. Außerdem hatte ich einen Austausch mit Herrn Lindner einen Tag vor einer Betriebsversammlung, in dem es um eine dpa-Meldung zur Position der Bundesregierung ging. Das habe ich geantwortet, als ein Mitarbeiter gefragt hat, wie unsere Position zur politischen E-Fuels-Diskussion in der EU ist. Dieser Teilsatz wurde herausgegriffen und in einen anderen Zusammenhang gestellt. Ich sehe es als meine gesellschaftliche Pflicht, mich mit der Politik fachlich auszutauschen – das gehört zum demokratischen Prozess.
Ist Ihr Start als VW-Chef dadurch beeinträchtigt?
Nein, da muss ich drüber stehen. Hier wurde im übertragenen Sinne aus einer Mücke ein Elefant gemacht. Herr Lindner hat alle unsere Kontakte veröffentlicht. Vor den Koalitionsverhandlungen gab es ein Telefonat, nicht mehr und nicht weniger. Im Übrigen habe ich Herrn Lindner noch nie persönlich getroffen.
Stimmt der Zeitpunkt für das Verbrenneraus?
Porsche hat die Ambition, im Jahr 2030 mehr als achtzig Prozent aller Fahrzeuge vollelektrisch auszuliefern. Damit haben wir eine der progressivsten Hochlaufkurven der Automobilindustrie. Wichtig ist in der Phase der Transformation ein flexibles Antriebsangebot für Kunden, weil sich die Regionen weltweit unterschiedlich schnell entwickeln. Der Umstieg auf Elektromobilität muss in der gesamten Industrie gut vorbereitet werden. Es geht auch um Rahmenbedingungen wie verfügbare Rohstoffe, den Batteriehochlauf oder die Ladeinfrastruktur. Ehrgeizige Ziele sind wichtig, um etwas in Bewegung zu setzen. Die Latte darf aber nicht zu hoch liegen und muss realistisch sein.
Wann läuft der letzte 911er mit Verbrennungsmotor vom Band?
Der 911er ist unsere Ikone, hochbeliebt bei den Kundinnen und Kunden. Die Auftragseingänge sind zurzeit so hoch wie nie zuvor. Das führt zu Lieferzeiten von mehr als einem Jahr. Unsere 911er mit Verbrenner werden ins nächste Jahrzehnt fahren. Am Ende zählt immer der Wunsch des Kunden. Unser Anspruch ist, den Motor mit jeder Generation effizienter und die Emissionen immer geringer zu machen. Beigemischte E-Fuels können unterstützen.
Sie nennen keine Jahreszahl, nicht einmal ein Jahrzehnt . . .
Bewusst nicht. Weil Jahreszahlen meine Argumentation nicht besser machen würden. In der EU ist 2035 im Gespräch, allerdings auch die optionale Betankung mit E-Fuels.
Im wichtigsten Markt China läuft es für den VW-Konzern schlecht. Wie sieht Ihr Konzept aus?
China ist eines unserer größten Handlungsfelder. Die junge Generation kauft zunehmend Fahrzeuge aus heimischer Produktion. Wichtig sind die richtigen Produkte. Dabei geht es weniger um Porsche. Die Marke ist als Luxusprodukt sehr gut positioniert. Insbesondere im unteren und mittleren Fahrzeugsegment müssen wir nachbessern. Maßgeblich ist, dass unsere Produkte den Geschmack der chinesischen Kunden treffen. Traditionell ist der VW-Konzern in China mit langjährigen Partnerschaften fest verankert. Das ist eine gute Basis.
Die politischen Risiken in dem Land nehmen zu, wie der Konflikt mit Taiwan zeigt. Wie gehen Sie damit um?
Wir stehen zu unserem Engagement in China und investieren massiv in innovative Technologien. Es gibt viele Weltregionen, die geopolitisch kritisch sind. Wir müssen uns von dem Gedanken lösen, dass es eine Welt ohne Konflikte geben wird. Für uns als Unternehmen geht es darum, uns wirtschaftlich robust aufzustellen. Hilfreich ist zudem eine möglichst ausgeglichene Verteilung der Absatzmärkte. Porsche ist strategisch bereits gut aufgestellt – mit jeweils einem Drittel China, Nordamerika und Europa. Das müssen wir auch bei anderen Marken schaffen. Der Ukraine-Krieg oder unsichere Lieferketten zeigen uns deutlich, wie wichtig Flexibilität und finanzielle Robustheit sind.
Was bedeutet Flexibilität konkret?
Nehmen Sie das Beispiel Halbleiter. Über diesen Cent-Artikel hat man sich früher keine Gedanken gemacht. Die Lieferung war garantiert. Seit das elektronische Bauteil knapp ist, geht es darum, die gesamte Wertschöpfungskette mit voller Transparenz zu verstehen. Auch die Belieferung von Rohstoffen ist ein Thema, das wir heute anders absichern.
Die Material- und Energiekosten steigen enorm. Hebt Porsche die Preise für seine Fahrzeuge an?
Auch wir können die gestiegenen Kosten nicht komplett selbst tragen, sondern müssen einen Teil davon an unsere Kunden weitergeben. Wir gehen damit besonnen um.
Um wie viel Prozent erhöht Porsche die Verkaufspreise? Die Inflationsrate liegt bei acht Prozent, der Wert könnte bald zweistellig ausfallen.
Wir nutzen die Situation nicht für Preissprünge aus, sondern verfolgen eine kontinuierliche Preisstrategie. Diese muss für unsere Kundinnen und Kunden nachvollziehbar sein.
Lässig im Auftreten, streng bei den Renditezielen
Style
Schwarzes Hemd, dunkle Röhrenhose, schwarze Sportstiefel, im Sakko nur kurz zur Begrüßung: Oliver Blume (54) pflegt den lässig-eleganten Stil auch als Konzernvorstand von VW, wo er zum 1. September 2022 das Ruder übernommen hat.
Vita
Blume kommt aus Braunschweig, hat dort Schule und Universität besucht. Das ganze Berufsleben des Maschinenbau-Diplomingenieurs findet bisher im VW-Konzern statt.
Karriere
Nach Stationen bei Audi, Seat und VW übernahm er 2013 Produktion und Logistik bei Porsche, 2015 den Vorstandsvorsitz. Mit 5,7 Milliarden Gewinn und einer Rendite von 16 Prozent zementierte Blume 2021 Porsches Rolle als Ertragsperle im VW-Konzern.
Meilensteine
Bei Porsche soll Blume den Börsengang über die Bühne bringen. Bei VW muss vor allem die Softwaresparte und das Chinageschäft flottgemacht werden.