Neueröffnungen in Nürtingen Gastronomen trotzen der Coronakrise
Ob Bäckerfiliale, Kaffeerösterei oder Craftbeer-Bar – in Nürtingen haben gleich drei neue Gastrobetriebe ihre Pforten geöffnet – und das trotz Corona.
Ob Bäckerfiliale, Kaffeerösterei oder Craftbeer-Bar – in Nürtingen haben gleich drei neue Gastrobetriebe ihre Pforten geöffnet – und das trotz Corona.
Nürtingen - Früher wurden hier Teppiche aus fernen Landen gehandelt – heute stammt die Ware ebenfalls aus Übersee. Äthiopien, Brasilien, Honduras, Indien, Nepal und Peru sind die Herkunftsländer des Rohkaffees, den Matthias Gohl und Mathis Hutfilter in ihrer kleinen Kaffeerösterei Qaweh in Nürtingen verarbeiten. Dort haben sie an der Brunnensteige 19 im ehemaligen „Bazar“ ihren Trommelröster aufgestellt, und bieten Kaffeespezialitäten auf Feinkostniveau an.
Der exotische Name Qaweh soll übrigens an den altarabischen Begriff „qawah“ genauso erinnern wie an das im osmanischen Reich gebräuchliche „kaweh“, die sich in unseren Breiten schließlich zu „Kaffee“ verwandelten. Mit ihrer Geschäftsidee verwirklichen die beiden Quereinsteiger – Gohl ist von Beruf IT-Systemelektroniker, Hutfilter Automobilverkäufer – nun den Traum vom nachhaltigen Wirtschaften. Der Rohkaffee stamme ausnahmslos von Farmern und Kooperativen, die nachhaltig, organisch und sozialverträglich anbauen und wirtschaften, erklären die beiden Jungunternehmer. In Nürtingen engagiert sich das Duo deshalb auch in der Weltladen-Bewegung und unterstützt die Kommune auf dem Weg zur Zertifizierung als Fairtrade Stadt.
Um den eigenen ökologischen Fußabdruck möglichst klein zu halten, haben sich die Unternehmer beim Außerhausverkauf für Kaffeebecher aus Recyclingkunststoff entschieden, die Kaffeebohnen werden in gut kompostierbaren Tüten aus Kraftpapier sowie im benachbarten Unverpacktladen verkauft und die Milch soll demnächst von einem Bauernhof aus Oberbohingen kommen.
Naturnah kommt auch die Ladeneinrichtung daher: Die Küche ist aus Eiche gefertigt, der hochwertige Tresen aus recyceltem Holz, und die Freude sei groß gewesen, als sie beim Sanieren unter dem Fußboden das alte Fischgradparkett entdeckt haben, berichtet Gohl und strahlt. Obwohl sie den Laden an der Brunnensteige bereits seit 2019 im Auge hatten, sei ihnen die Corona-Pandemie nicht wirklich in die Quere gekommen. „Wir haben noch etwas gewartet, um uns Zeit zu geben. Und durch Corona mussten wir nicht zu 100 Prozent sofort da sein“, beschreibt Gohl das Prozedere. Dann ging es schließlich an die Restaurierung des Altbaus samt Gewölbekeller, der als Lager und Eventraum für Verkostungen dienen soll. Ein paar Steinwürfe entfernt hat Santiago Ramirez Aguilar seine Gerstenfux Craft-Beer Bar eröffnet. Die neue Kneipe sei am schönsten Fleck der Altstadt entstanden, lobt der Geschäftsführer der Brauerei die idyllische Lage am Schlossberg 6 gleich unterhalb des beliebten Café Schümli. Tatsächlich ist Nürtingen hier besonders verwinkelt und kann mit einem beeindruckend großen Ensemble von Fachwerkgebäuden punkten.
Die Bierbar sei für ihn eine Flucht nach vorne gewesen, berichtet Aguilar, denn seiner Gaststätte am Stammsitz der Brauerei im Ortsteil Zizishausen fehle ein Biergarten und unregelmäßig besucht worden sei sie allemal. Die mangelnden Außenplätze hätten sich nicht nur im Sommer als großer Nachteil erwiesen, sie fehlten dem Betrieb besonders in den Phasen der Pandemie, in denen nur im Freien bewirtet werden konnte. Nach einer passenden Gaststätte mit Außenbereich habe er zwei Jahre lang gesucht. Nun will er den Wandel in der Nürtinger Altstadt mitgestalten.
Die neue Bar am Schlossberg, die im coolen Industrial Style saniert wurde, kann immerhin mit 16 Außenplätzen aufwarten. Und Aguilar hofft, dass er bald noch Tische im kleinen Hof am Amtsgericht aufstellen darf. „Ich wollte das nicht unversucht lassen, sonst hätten wir gleich einpacken können“, beschreibt er die Entscheidung für das neue Lokal, dessen Sanierung Aguilar auch mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne finanziert hat. In seiner neuen Bar gibt es die bekannten Biersorten seiner Brauerei vom Fass wie Märzen, India Pale Ale und Helles Münchner Art sowie saisonale Sorten vom frühlingshaften Sauerbier bis zum dunklen Lagerbier für den Winter. Auch mit Cocktails, Longdrinks und gegrillten Paninis möchte der Gastronom Gäste locken, kräftig unterstützt vom Nürtinger Oberbürgermeister Johannes Fridrich, der die Werbetrommel auf den sozialen Kanälen rührt. Immerhin hat Fridrich die Belebung der Altstadt zur Chefsache erklärt und will erreichen, dass mehr Menschen den Weg in die malerischen Gassen und zum nahen Neckarufer finden.
Auf Nürtingen setzen auch die Inhaber der Bäckerei Ochsen Beck aus Grabenstetten. Mit der neuen Filiale in der Neckarstraße 20 haben sich Verena und Jochen Ladner den Traum von einem Standort in Nürtingen erfüllt. Nürtingen sei einfach von der Größe her sehr interessant, erklärt Verena Ladner und der Standort an der stark frequentierten Bundesstraße gut fürs Geschäft, zumal es dort auch mehrere Parkplätze gibt.
Die Nürtinger Filiale ist mit rund 350 Quadratmetern Fläche die größte der zehn Niederlassungen der Bäckerei-Gesellschaft, deren übrige Filialen sich vor allem im Lenninger Tal konzentrieren. Diese zehn Standorte seien genau die Größe, die „wir anstreben“, erklärt die Chefin. Mit weniger funktioniere es nicht, dafür sei die vor fünf Jahren neu gebaute, zentrale Backstube ausgelegt, aber mehr sollten es auch nicht sein.
In dem großzügig bemessenen Cafébereich kann nun auch gefrühstückt werden. In Nürtingen stehen 60 Sitzplätze im Café und zusätzliche auf der Terrasse bereit. Ein Angebot, auf das viele Kundinnen und Kunden bereits gewartet hätten, berichtet die Chefin. Wegen der Auflagen im Lockdown habe ihr Betrieb damit warten müssen, zumal das Frühstücksgeschäft recht personalintensiv sei. Stattdessen lief der Thekenverkauf von Backwaren, Kuchen, belegten Brötchen und Getränken weiter. Und im nächsten Schritt konnte die neue Filiale dann auch mit dem Kaffee- und Kuchen-Geschäft beginnen.