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Neues Album „Out“ Stuttgart ist das neue Seattle

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Die Nerven sind das Beste, was deutsche Gitarrenmusik derzeit zu bieten hat. Mit ihrem dritten Album „Out“ machen sie einen Sprung nach vorne. Und auf die Tanzfläche. Ja wirklich!

Sehen so Dancefloorkönige aus? Max Rieger  von der Band Die Nerven bei der Arbeit. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Sehen so Dancefloorkönige aus? Max Rieger von der Band Die Nerven bei der Arbeit. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Zumindest aus Sicht von „Spiegel Online“ taugt die Band Die Nerven nicht für ein neues Stuttgart-Image. Zwar macht das Stuttgarter Trio auch auf seinem kürzlich erschienenen, dritten Album „Out“ ganz fabelhafte, lärmende Musik – das allerdings nicht wegen, sondern trotz der schwäbischen Herkunft, befand das Hamburger Nachrichtenportal und unterstellte allen anderen Stuttgartern „Gartenzwergigkeit“.

Max Rieger ist Gitarrist und Sänger von Die Nerven. In Deizisau (Landkreis Esslingen) zur Welt gekommen, ist er zwar kein Lokalpatriot, liefert aber doch die richtige Antwort auf den Spott von „Spiegel Online“: „In Hamburg und Berlin sind die Leute so sehr mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigt. Man redet nur über die eigenen Pläne, statt selbst was zu organisieren.“ Das findet ein Macher wie Rieger nicht gut. Sein Arbeitsprogramm im Herbst: Der 22-Jährige war gerade mit seinem Kumpel Levin goes lightly auf Tour, im November und Dezember tourt er mit Die Nerven durch Deutschland, Österreich und die Schweiz; im Oktober sind vier Tonträger erschienen, an denen er maßgeblich mitgewirkt hat, vier weitere kommen bis Jahresende hinzu.

Der Kettenraucher sitzt auf 1000 Platten

Rieger sitzt in seinem Altbau-WG-Zimmer im Stuttgarter Osten und raucht Kette. Der Raum ist mit Instrumenten, Tonbandgeräten, Gitarrenverstärkern und 18 Kartons vollgestellt, Inhalt: 1000 Die-Nerven-Platten. „Verkaufen wir alle während der Tour“, ist Rieger überzeugt.

„Ich sage immer: ich habe noch nie gearbeitet“, erklärt Rieger. Das ist natürlich ein Witz, der Mann ist ein Workaholic. Formal ist er an der Kunstakademie eingeschrieben („Das Studium langweilt mich“), de facto beschäftigt er sich ausschließlich mit Musik – als Solokünstler, in zig Bands und als Produzent; zuletzt erschien das von ihm aufgenommene Album der Leipziger Band Fabian. Die Plattencover gestaltet er meistens gleich mit.

Rieger will für eine „Stuttgarter Schule“ stehen

Den Rieger-Sound hört man stets heraus. Der 22-Jährige liebt die Gegensätze: laut – leise, brutal – zärtlich. Dichter Klang, am Stück eingespielt statt Spur für Spur, ist für Rieger typisch. „Ich will, dass meine Musik jetzt gilt und in der Zukunft. Sie soll sich nicht an dem orientieren, was schon da war“, sagt er. Mit anderen Worten: Rieger sucht einen überzeitlichen Referenzsound. Der bisher keinen Namen hat. „Wie wär’s mit Stuttgarter Schule?“, fragt Rieger – angelehnt an die Hamburger Schule, deren Gitarrenpop Bands wie Tocotronic prägen.

Max Rieger ist ein musikalischer Botschafter Stuttgarts. Berliner Plattenhändler erzählen, dass einmal pro Woche alle Die-Nerven-Platten verlangt werden. Die Band wurde mit dem Via-Vut-Award ausgezeichnet, dem „Grammy der ‚unabhängigen’, also kleinen Musikunternehmen“. Vom Popbüro, einer Einrichtung der regionalen Wirtschaftsförderung, gab’s den Music Award für die beste Musikproduktion. Das ist eine Ansage für eine Band, die sich im subkulturellen Gemisch des Konzertwaggons am Nordbahnhof formiert hat.

Engagements für Cocktailpartys will Rieger nicht

Sind Die Nerven jetzt Establishment? Max Rieger überlegt kurz, grinst und sagt: „Wenn es Schampus gibt, komme ich immer.“ Ernsthaft schiebt er hinterher: „Wir haben uns nie angebiedert. Auf Cocktailpartys werden wir nie spielen. Man muss uns aufmerksam zuhören.“ Die Preise habe man angenommen, weil sie die Musik auszeichnen. Und: „Wenn wir jetzt nicht nominiert worden wären, wann dann?“

Wer da ein bisschen Eitelkeit heraushört – okay. Vor allem ist Max Rieger ein bemerkenswerter Musiker. In der Schule war er der mit den Röhrenjeans und der wöchentlich wechselnden Haarfarbe. Weil er als Sechsjähriger am Klavier bockig war, stellten die Eltern – die Mutter Hebamme, der Vater Teppichhändler – auf stur, als der 14-jährige Max Gitarre lernen wollte. Also brachte sich Rieger alles selbst bei.

Der Computer dient als komplettes Tonstudio

Zur Gnade der späten Geburt gehört es, dass er anschließend lernte, wie man den Computer als Tonstudio benutzt. Seine ersten Tonspuren sang er am Headset ein. Heute sind Riegers beste Mikros so empfindlich, dass er damit in seinem WG-Zimmer nicht arbeiten kann: „Ist sonst nur Verkehrslärm auf der Aufnahme.“ Wo nimmt er dann auf? Wo trifft sich die Szene? „Weiß ich nicht, ich bin nur noch selten in Stuttgart.“ Mit dem Konzertwaggon sei der zentrale Anlaufpunkt weggefallen. Man treffe sich bei den Wagenhallen oder im Plattenladen Second Hand Records. Aber aus der Enge entsteht ja vielleicht erst kreative Energie. Der „Musikexpress“ kam im Frühjahr zu dem Schluss, Stuttgart sei das neue Seattle. Musikkenner denken da an das Label Sub Pop und Nirvana, also die Weltklasse der alternativen Neunziger-Jahre-Gitarrenmusik.

Max Rieger mag nicht so weit denken. „Ich weiß ja nicht, wie es in den Neunzigern in Seattle war. Aber angeblich hat sich das dort alles so entwickelt, weil da nie bekannte Bands gespielt haben. Also hat man halt selbst Musik gemacht.“ Das, gibt Rieger zu, ist in Stuttgart auch so: Die Szene besteht aus zwei, drei Dutzend Leuten, die in wechselnden Formationen zusammen spielen. Und jetzt, „Spiegel Online“, herhören: „So etwas gibt es nirgendwo anders“, so Rieger.