The-Killers-Frontmann Brandon Flowers (frisch 40 geworden) hat jetzt sein ganz eigenes „Wrecking Ball“ erschaffen. Auf dem siebten Album „Pressure Machine“ steht seine Vergangenheit in Nephi, Utah, im Zentrum. Nephi, ein 5000-Seelen-Kaff ohne Ampeln, dafür mit einer Reifenfabrik und endlosen Weizenfeldern: nicht gerade der Inbegriff des amerikanischen Traums. Doch für Flowers die Palette, mit deren Farben er jetzt ein zurückhaltendes, elegisches und von monumentaler Schönheit durchzogenes Gemälde malt, bei dem man noch öfter an Springsteen denkt als in den grellen Songs der Killers sowieso schon.
Ein Ritterschlag für Söhne Springsteens
Probleme, Hoffnungen, Träume und Ängste bestimmen die Songs der Band seit ihrer Gründung 2001. Nie wirkten die Herren aus Las Vegas jedoch so introspektiv, so narrativ und so geerdet wie auf „Pressure Machine“, einem Album wie eine Chronik über das ganz normale, anstrengende, öde Leben in einer ganz normalen Stadt. Das klingt lange nach. Trotz oder vielleicht auch aufgrund der deutlich spärlicheren Instrumentierung, als man das von der letzten großen amerikanischen Rockband gewöhnt ist.
The Killers sind seit ihrem Debüt „Hot Fuss“ (2004) bekannt für große, cinematische, dramatische Rocksongs. „Mr. Brightside“, „Human“ oder „Somebody told me“ wurden bei den Streamingdiensten Hunderte Millionen Mal geklickt, das Geheimnis der Band ist, dass sie nie nur einer bestimmten Generation angehörte. Sie bedient ein junges Indie-Publikum ebenso wie den gesetzten Heartland-Rock-Hörer, von Anfang an hörbar geprägt vom großen Idol Springsteen. Der ist selbst großer Killers-Fan, sang erst kürzlich die alte Killers-Nummer „A Dustland Fairytale“ mit Brandon Flowers als Duett neu ein. Ein Ritterschlag für die Söhne Springsteens.
Zurückhaltende Drums, akustische Gitarren
Die Auseinandersetzung des Vorbilds mit den Orten seiner Jugend hat jetzt auch Flowers erreicht – bedingt durch die Pandemie, wie er sagt. Erstmals seit 2004 fand sich der Sänger nicht als Galionsfigur einer weltweit tourenden Stadionband wieder. Sondern allein zu Hause. „Das erste Mal seit Jahren umgab mich Stille“, so Flowers. „Und aus der Stille erblühte dieses Album, voller Songs, die im Lärm eines Killers-Albums normalerweise untergehen würden.“
Zurückhaltende Drums, akustische Gitarren, Geigen, Synthesizer und Bläser bestimmten das instrumentale Bild. Melancholische Songs voller Sehnsucht, voller Nostalgie und Erinnerung, bestückt von Flowers Erlebnissen und Erinnerungen. Von zehn bis 16 lebte er hier an diesem Ort, der in den Neunzigern immer noch so wirkte wie in den Fünfzigern. Als er 1991 nach Nephi kommt, ist das ein Kulturschock für den Jungen, der in einem Vorort von Las Vegas groß geworden ist. „Wir haben uns viel darüber unterhalten, wie es für Brandon war, als er als Kind nach Nephi zog und mitten im Nirgendwo gestrandet war“, so Schlagzeuger Ronnie Vannucci jr. „Und während der Pandemie fühlte es sich plötzlich für uns alle so an, mitten im Nirgendwo gestrandet zu sein.“
Fast 30 Millionen verkaufte Platten
Entstanden ist in der Isolation ein introspektives Album mit starker Symbolik und einem uramerikanischen Gefühl von überwältigender Weite. Es hätte gar nicht früher passieren können, ist sich Flowers sicher. „Ich stieß auf eine Menge Schmerz, mit dem ich mich noch nie auseinandergesetzt hatte“, sagt er. „Heute kann ich mich diesen Dingen eher stellen als damals, als wir mit den Killers begannen.“
Seither ist viel passiert. Aus einem 20-jährigen Flowers ist ein 40-jähriger Musiker geworden, der fast 30 Millionen Platten verkauft und auf sechs Kontinenten gespielt hat. The Killers sind eine der wenigen überlebensgroßen Rockbands des 21. Jahrhunderts, eine Erinnerung an eine Zeit, als der Rock noch die Erde, Überschriften und Charts beherrschte. Ohne seine Erinnerungen an Nephi, ohne sein Gefühl, ein Schiffbrüchiger auf einem einsamen Eiland zu sein, hätte Flowers diese Band sehr wahrscheinlich nicht gegründet. „Pressure Machine“ erzählt davon. Und liefert mit dem anmutigen „West Hills“, dem beseelten „Runaway Horses“ mit einem Gastauftritt von Phoebe Bridgers oder dem sehnsüchtigen „In Another Life“ den Soundtrack für den untergegangenen Mythos Amerika, gesehen durch ein Brennglas, das auch auf jedes andere Kaff gerichtet werden könnte.
Wohltätigkeit und Glaube
O du fröhliche
Von 2006 bis 2016 brachten The Killers jedes Jahre eine Weihnachtssingle mit einem zugehörigen Videoclip heraus – mit prominenter Unterstützung von Elton John oder den Pet Shop Boys. Die Erlöse kamen dem Kampf gegen Aids, Tuberkulose und Malaria zugute.
The Book of Mormon
Der Frontmann Brandon Flowers ist bekennender Mormone, genauer gesagt ein Mitglied der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints. Flowers spricht offen über seinen Glauben, hält ihn aber aus den Texten seiner Band heraus.