Neues Album von Casper Weltschmerz statt Ghettolyrik

Casper gehört zu den komplexeren Künstlerpersönlichkeiten. Foto:  
Casper gehört zu den komplexeren Künstlerpersönlichkeiten. Foto:  

Keine Lust auf bornierte Genrekonventionen: heute erscheint „Hinterland“, das neue Album des Rappers Casper.

Sport: Daniel Hackbarth (had)

Stuttgart - Künstler zu sein macht Spaß? Von wegen! Ein Dilettant ist vielleicht daran zu erkennen, dass ihm die Arbeit leicht von der Hand geht. Ein Genie dagegen leidet am eigenen Schöpfungsdrang. In dieser Hinsicht erfüllt Casper zumindest eine der Voraussetzungen, um zu den großen Künstlern der gegenwärtigen Popmusik gezählt werden zu können. Immer wieder erzählt der Rapper von Schreibblockaden und Depressionen, die ihn bei der Arbeit an einem Album begleiten. Er wolle etwas „Bedeutendes“ schaffen, sagt Casper, einen „Klassiker“. Doch die eigenen Ansprüche setzen ihn so unter Druck, dass es ihm das Schreiben vergällt.

Trotzdem hat er wieder ein neues Album aufgenommen. Auf den Titelseiten der Musikpresse ist der 31-Jährige derzeit omnipräsent, reihenweise erscheinen Interviews. Die Promo-Maschinerie läuft auf Hochtouren, heute kommt „Hinterland“, seine dritte Soloplatte, auf den Markt. Wieder ist es kein Hip-Hop-Album geworden, genauso wenig wie sein vorangegangenes Werk „XOXO“. Casper selbst spricht eher von einer „Folk-“ oder auch „Stadionrockplatte“, wenn er versucht, „Hinterland“ genremäßig einzuordnen. Produziert hat das neue Opus Markus Ganter. Außerdem stand Casper, der kein Instrument beherrscht, Konstantin Gropper vom Musikprojekt Get Well Soon beim Komponieren zur Seite – beide stehen nicht in dem Ruf, besonders viel mit Rapmusik am Hut zu haben.

Zum besten Rapper der Republik erklärt

Die Erwartungen sind hoch, schließlich war die 2011 erschienene Scheibe „XOXO“ eines der erfolgreichsten Alben des Jahres. Sie verhalf Casper zum Durchbruch in die erste Liga der deutschsprachigen Popmusik. Die Kombination aus rauem Sprechgesang und einer Musik, die eher an Indiebands denn an Hip-Hop-Formationen erinnert, kam bei der Kritik an. Die „Süddeutsche“ erklärte Casper damals zum „talentiertesten“, die „Spex“-Redaktion sogar zum „besten Rapper“ der Republik.

Dieser Zuspruch resultierte nicht nur daraus, dass Casper musikalisch wenig auf bornierte Genrekonventionen gab, sondern vor allem auch aus der Wertschätzung seiner Texte, die mit denen anderer deutscher Hip-Hop-Größen wie etwa Bushido oder Cro kaum etwas gemein haben. Statt an Ghettolyrik oder partytauglicher Prosa orientierte sich Casper eher an der Hamburger Schule. Heraus kamen dabei bisweilen aphoristische Verse („Wir scheitern immer schöner, sind Versager mit Stil“), die zur Folge hatten, dass manch Kritiker Casper als den Heilsbringer für eine darbende Musikrichtung identifizierte.

In der Szene stößt er auf wenig Gegenliebe

Den Song „Der Druck steigt“ beispielsweise kann man als Beschreibung des Lebensgefühls der jüngeren Generation unter härter werdenden Verhältnissen lesen. Ein politischer Künstler ist Casper trotzdem nicht, seine Sozialkritik bleibt dafür zu diffus. Thematisch steht ohnehin eher Autobiografisches im Vordergrund. Dabei hat der Rapper, der 1982 in Exertal bei Lemgo geboren wurde und mehrere Semester Pädagogik in Bielefeld studiert hat, nicht gerade eine Vergangenheit, die ihm Streetcredibility verschaffen könnte.

Leicht hatte er es als Scheidungskind aber wohl auch nicht; außerdem lebte er nach eigenem Bekunden immerhin einige Jahre mit seiner Familie in einem Trailerpark in Atlanta, ehe sich seine deutsche Mutter und sein amerikanischer Vater trennten. Trotzdem ist ein Künstler, der über zerbrochene Beziehungen, Selbstzweifel und Depressionen rappt, für Hip-Hop-Verhältnisse ungewöhnlich. Kein Wunder also, dass Casper in der Szene nicht nur auf Gegenliebe stößt. Manche bezeichnen ihn abschätzig als „Emo-Rapper“. Als 2012 auf dem Splash!-Festival bekannt gegeben wurde, dass im kommenden Jahr Casper der Headliner auf dem größten Stelldichein der deutschen Rapszene sein würde, quittierte das Publikum diese Ankündigung mit Buhrufen – wahrscheinlich aber auch aus Enttäuschung darüber, dass kein großer US-Musiker für das Festival gewonnen werden konnte. Ein Jahr später wurde Casper dort dann für seine melancholischen Reime trotzdem von mehr als zehntausend Zuschauern bejubelt.

Er kann auch austeilen

Auch aus seinen neuen Songs spricht viel Weltschmerz. In der Single „Ascheregen“ heißt es etwa: „Jede Nacht lang: Schlaf nur Probeliegen für’n Sarg / Werf ein Streichholz in die Luft auf den Rest meines Lebens / Und blicke nur zurück, um eure Gebäude brennen zu sehen, im Ascheregen.“ Das ist pathetisch, hart an der Grenze zum Kitsch, also genau der Stoff, nach dem Sinnsuchende in jungen Jahren verlangen. Wenn Haftbefehl Rap für Kids ohne Schulabschluss ist und Cro der perfekte Soundtrack für Abi-Feiern, dann sind Casper-Songs wohl wie geschaffen für Erstsemesterpartys, auf denen lauter Leute zusammenkommen, die noch keine neuen Freunde gefunden haben und sich deswegen in der unvertrauten Umgebung furchtbar verloren fühlen.

Dabei kann Casper auch anders, wenn er nur will. Der einzige echte Rapsong auf „Hinterland“ ist nach einem Reisgericht benannt – und neben dem schön betitelten Stück „. . . nach der Demo ging‘s bergab!“ das beste Stück des Albums: „Jambalaya“ ist eine Abrechnung mit all denjenigen, denen Casper vorwirft, nach dem Erfolg von „XOXO“ seinen Stil kopiert, dabei aber nur „Tagebuchpoesie“ und „gespielte Melancholie“ hervorgebracht zu haben. Zwar ist fraglich, ob eine Casper-Zeile à la „Man sagt: am Ende wird alles gut / und wenn’s nicht gut ist, kann es auch nicht das Ende sein“ besser ist. Aber auch mal ein bisschen auszuteilen, hat noch keinem geschadet. Zumindest nicht im Hip-Hop.




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