Porky und Kryptik Joe, Sie waren in Stuttgart, um die Deichkind-Single „Geradeaus“ zusammen mit Felix Göppel alias Dexter zu produzieren. Wie hat es Ihnen getaugt, dieses Stuttgart?
Kryptik Joe Ich komme ursprünglich aus Schleswig-Holstein und wohne jetzt in Berlin. Stuttgart ist ganz anders, das Essen wird besser, das Wetter wird besser, das Leben findet im Sommer draußen statt. Berlin ist härter, Hamburg ist kühler. Ihr in Stuttgart habt mehr, wie nennt man das auf Französisch…
… Savoir-vivre?
Kryptik Joe Genau, das fängt bei euch so langsam an. Draußen Weißwein trinken. Die Ecke, in der Dexter wohnt, der Stuttgarter Westen, ist sehr schön.
Der Rest auch.
Kryptik Joe Das wissen wir. Unsere Connection zu Stuttgart besteht schon sehr lange: Das Kopfnicker-Album von Massive Töne von 1996 war für mich ein Grund, das mit der Musik so richtig in Angriff zu nehmen. Damals waren wir als kleine Hamburger Hip-Hop-Band bei der Stuttgarter Booking-Agentur 0711 Booking und sind eigentlich nur in Stuttgarter Outskirts auf irgendwelchen Jams aufgetreten, mit Skills en Masse und anderen. Einmal haben wir in Stuttgart auf einer Bühne gespielt, die war zehn Zentimeter hoch. Die Leute sind regelmäßig auf die Bühne getorkelt. Auf einmal war die Soundquelle weg und das Konzert musste abgebrochen werden.
Dafür entschuldige ich mich rückwirkend.
Kryptik Joe Einige Jahre später hatten wir dann intensive Auftritte im Rocker 33 und in der Röhre.
Das sind zwei Clubs, die bis heute fehlen. Zurück ins Hier und Jetzt. Wie haben die verschiedenen Welten, der Post-Techno-Dada von Deichkind und Dexters Sample-basierter, vom Jazz beeinflusster Sound zueinander gepasst?
Kryptik Joe Die ersten beiden Deichkind-Platten sind ja total Downbeat und Low Fi und alte Schule. Bei Deichkind wurde es erst mit „Aufstand im Schlaraffenland“ so kryptische Weirdo-Musik, die damit überhaupt nichts mehr zu tun hat. Das hat mir auch ein bisschen wehgetan, weil ich eigentlich einen anderen Sound machen wollte, bis ich verstanden habe, dass wir mehr auf den Inhalt und weniger auf den Sound gehen.
Porky, für gewöhnlich gut unterrichte Kreise behaupten, dass Sie die Bar im Stuttgarter Westen verlassen mussten, weil Sie gekifft haben.
Porky Ja, da gibt es zwar guten Whiskey, zum Kiffen musste ich aber raus, das kam drinnen nicht so gut an.
Auf dem neuen Album „Neues vom Dauerzustand“ sind wieder so viele subversive Zeilen zu finden: Brauchen Sie das Kiffen oder andere Stimulanzen, um solchen Output zu generieren?
Porky Nein. Wir sind aus dem Alter raus, dass wir uns wegblazen, wenn wir mitten in der Produktion stecken. Da wird gearbeitet, da muss man sich konzentrieren. Das hat sich noch nie damit vertragen, Texte zu schreiben. Bei Auftritten früher ja, da waren wir oft stoned…
Kryptik Joe … auch zu Stuttgarter Zeiten.
Porky In der Hip-Hop-Szene outen sich ja gerade alle als nüchtern, im Gegensatz zu früher, wo alle immer breit waren. Ich kann das verstehen: Wenn man sich jeden Tag wegmetzelt, brennt die Kerze von beiden Seiten ab. Es ist absolut wichtig, auch seinen Körper mit scharfem Verstand zu behandeln. Aber ab und zu einen zu rauchen und dann tun die Knie nicht mehr weh, das würde ich mir gerne fürs Alter bewahren.
Wie muss man sich den Schreibprozess bei Ihnen vorstellen?
Porky Es gibt ein Hotel, in das wir junge Autoren einladen, die Karriere gemacht haben. Da gehen wir hin, und wenn die gearbeitet haben, werden die bedroht und die Inhalte werden abgenommen. Für das geistige Eigentum kriegen sie ein bisschen Geld oder sie fliegen raus.
Das ist ja geistiges Raubrittertum!
Porky Das war natürlich ein Scherz.
Das habe ich fast vermutet.
Kryptik Joe Häufig ist es ein Herantasten an Themen. Wir haben einen riesigen Thementopf und einen riesigen Musiktopf und ich mache Skizzen mit Kauderwelsch drauf. „In der Natur“ ist als sehr kleine Text-Idee losgegangen. Es gibt diese romantische Vorstellung von Natur, aber eigentlich ist es voll nervig, die Brennnesseln, die Kälte, dann hat man sechs Strophen und muss gucken, dass man das musikalisch hinbekommt. Manchmal klappt es auch nicht. Ich habe für mich gelernt zu akzeptieren, dass mal ein paar Tage lang keine Ideen kommen.
Merken Sie beim Schreiben: Das ist jetzt eine Zeile, die besonders geworden ist?
Porky „Da gehst Du einfach lang und krepierst dann irgendwann“ bei „In der Natur“, die sagt alles! Wow.
Kryptik Joe Die ist glaub sogar von mir. Das freut mich.
Und wie kam es zu den Gästen auf dem neuen Album?
Porky Das war reine Strategie: Clueso hat so etwas Jugendlich-Schönes, der hat einen schönen Waschbrettbauch, das wollen wir absaugen. Und den Fans von Fettes Brot wollen wir anbieten, dass sie zu uns kommen, wenn die Jungs jetzt aufhören. Das haben wir also eiskalt Geschäfts-männisch durchgezogen.
Mich hat die Strophe „Auch im Bentley wird geweint / Auch im Learjet fließen Tränen“ aus dem Song mit Clueso beruhigt. Wann haben Sie beide zuletzt geweint?
Porky Ich habe zuletzt vor Erschöpfung geweint. Wenn ich merke, dass der Klos kommt aber nicht raus will, habe ich einen guten Draht zu meinem Unterbewusstsein. Dann kommt das meistens im Auto, da fühle ich mich sicher, und wenn die Tränen gar nicht fließen wollen, dann mache ich „Griechischer Wein“ an, oder „Wish you were here“ oder „Der Weg“ von Grönemeyer. Das hilft bei mir dann und Weinen entspannt.
Vom Weinen zum Zweifeln: Man sagt Ihnen nach, dass Sie nach dem Tocotronic-Motto „Im Zweifel für den Zweifel“ arbeiten.
Kryptik Joe Ich kreiere etwas im luftleeren Raum. Dann kommt das Feedback der Band, dass es gut ist, ich zweifle dann aber weiter: Ist es wirklich gut genug? Bei „In der Natur“ habe ich mich noch mit dem einen oder anderen außerhalb von Deichkind zusammengesetzt, bis es ganz fertig war. Zweifeln hindert einen manchmal. Andererseits findet man zu sich selbst und schafft Dinge, die andere nicht schaffen. Deichkind ist eine seltsame Band. Ich wäre lieber mainstreamig und würde gerne von allen verstanden werden. Es tut mir aber auch gut, das zuzulassen: Du bist ein seltsamer Typ, Du machst seltsame Musik, manche finden sie gut, andere nicht und ich stehe dazu.
Porky, Sie sind eigentlich Bassist. Was ist besser: Musiker oder Rap-Star zu sein?
Porky Das ist mittlerweile alles miteinander verbunden und Teil meiner Figur. Mein Wesen war schon immer ein Star, die Welt wusste es nur noch nicht. Ich bin ein Spätzünder und habe immer damit gerechnet, dass mein Glück nur auf Zeit ist. Jetzt hat sich alles geil gefügt: Ich spiele fast nur noch Gitarre, schreibe auch die Texte und stelle fest: Eine Fähigkeit als Autor zu haben ist ein schönes Gefühl, das neben den Rückenschmerzen dazugekommen ist, die man mit 40 kriegt.
Fehlt Ihnen Ihr Produzent und Freund Sebastian „Sebi“ Hackert manchmal, der 2009 gestorben ist?
Porky Ich glaube ganz fest an eine geistige Ebene in dieser Welt. Sebi ist mir total nah, genauso wie unser verstorbener Freund Andreas Herbig. Trauer ist Arbeit, da muss man durch. Wenn man sich dagegenstellt, fängt man an zu leiden. Ich fühle mich so sehr mit der universellen Seele verbunden, dass ich Sebi ganz nah an mich ranholen kann, wenn ich ihn vermisse, dann weiß ich genau, wie seine Jacke gerochen hat, wie seine Stimme war.
Wird dieses Gefühl des Vermissens stärker, wenn Sie ein neues Album ohne ihn produzieren müssen?
Kryptik Joe Ich denke nicht im Arbeitsprozess an ihn, sondern eher in Momenten, die von persönlicher Natur sind. Wir waren privat befreundet, wir haben mit unseren damaligen Partnerinnen zusammen eine WG gehabt.
Porky Es war schwierig, Deichkind wieder zusammenzuwürfeln nach dem Loch, das er hinterlassen hat. Deichkind hat aber eine eigene Dynamik, die größer ist als der einzelne. Gerade live ist Deichkind ein Uhrwerk, ein Apparat, der mich selber immer beeindruckt. Das ist wie ein riesiges Atom-U-Boot, wo jeder seinen Handgriff hat, das trägt einen, wenn man mal nicht so einen guten Tag hat. Wenn Du 23 Shows am Stück hast, bist Du irgendwann psychisch am Limit.
Kryptik Joe Man muss nicht Udo Jürgens sein, sondern kann sich auch mal gut zurücknehmen. Man ist als einzelner nicht abhängig vom Gelingen einer Show.
Wie schaffen Sie den Sprung vom Popstar zum Papa nach der Tour?
Kryptik Joe Wieder auf Schwingung zu kommen mit der Partnerin und den Kindern ist eine Herausforderung. Um 20 Uhr geht die Entertainer-Birne an, wenn man zuhause sitzt, dann fragt man sich: Wo ist das Mike?
Porky Wenn man mit Deichkind in die Halle kommt, ist das so „Hey, hi, wow“. Wenn man zuhause in den Flur kommt, ist das dann etwas anders. Das dauert ein paar Tage, bis man die weltbekannte Muckerstarre wieder aus dem Körper kriegt. Wir haben aber unsere Performer-Whatsapp-Gruppe, da kann man dann fragen, geht’s euch genauso? Und wenn man ehrlich ist: Touren ist geil. Du kriegst geil zu essen, kriegst Applaus, das ist eine tolle Welt. Wenn man ein bisschen auf sich aufpasst, ist das das Geilste, was einem passieren kann.
Deichkinder
Neue Musik
Das Album „Neues vom Dauerzustand“ erscheint am 17. Februar, beinhaltet Stücke mit Clueso und Fettes Brot sowie die Single „Geradeaus“, die der Stuttgarter Dexter produziert hat. Am 4. August spielen Deichkind live auf dem Cannstatter Wasen.
Alte Hasen
Philipp Grütering alias Kryptik Joe ist seit der Bandgründung vor über 20 Jahren mit dabei. Der 48-Jährige ist Vater von drei Kindern und lebt in Berlin. Porky, bürgerlich Sebastian Dürre, hat als Bassist bei Deichkind angefangen und ist seit 2007 festes Mitglied. Der 45-Jährige hat zwei Kinder und lebt in Malente in Schleswig-Holstein.