Neues Album von Schmutzki Die Punkrocker sind back am Bodensee

Schmutzki am heimischen Gewässer – dem Bodensee Foto: Lukas Held

Nach 13 Jahren in Stuttgart widmen Schmutzki aus Stuttgart ihrer alten Heimat mit „Bodensee Calling“ ein furioses, dezent bittersüßes Akustik-Punk-Album.

Punk ist in den Großstädten entstanden. Dabei ist er in der Provinz seither eigentlich viel besser aufgehoben. Tendenziell konservativere Verhaltensmuster, höhere Wahlergebnisse rechtsradikaler Parteien und mitunter fehlendes Verständnis für Individualität machen gerade das Dorfleben zur perfekten Bühne für den Punk-Antagonisten.

 

So ergeht es zumindest Schmutzki, als sie in den Neunzigern Punk mit all seinen wilden musikalischen und ästhetischen Facetten für sich entdecken. Mit Iro, bunten Haaren oder zerschlissenen Jeans fällt man in New York, London oder Berlin zumindest zwangsweise weniger auf als an den beschaulichen Ufern des Bodensees.

An jene kehren Schmutzki jetzt zurück – zumindest musikalisch. Ihr neues Album „Bodensee Calling“ (The Clash lassen grüßen) ist Autobiografie und Rückschau in einem, eine Aufarbeitung ihrer Jugend am Schwäbischen Meer. „Vor einigen Jahren nahm ich wieder Kontakt mit meinen alten Bekannten auf“, erklärt der Sänger und Bassist Dany Horowitz die Genesis des Albums. „Dabei entstand die Idee, ein Album über eine Dorfjugend am Bodensee zu schreiben.“

Badeausflug Foto: Lukas Held

Das macht „Bodensee Calling“ zum Punkrock-Gegenstück zu Heinz Strunks Roman „Fleisch ist mein Gemüse“, zu einer Bestandsaufnahme eines jungen Lebens zwischen Badestrand, Nebel, Dorffesten und den blutigen Nasen bei selbigen. „Natürlich gilt das nicht für alle, aber im Grunde kann man die Leute am Bodensee in zwei Kategorien einteilen: Spießig – oder Kiffer“, ergänzt der Gitarrist und Sänger Beat Schmutz. „Auf dem Dorf warst du vielen ein Dorn im Auge, wenn du so rumgelaufen bist wie wir. Da ist man sofort der Außenseiter.“

Deswegen ist für alle drei sehr bald klar: Sie müssen so schnell wie möglich fort von dort. Raus aus der Provinz. Stuttgart als Sehnsuchtsziel steht da längst fest, schon als Teenager fahren die drei regelmäßig zum Shoppen oder für Konzerte in die Landeshauptstadt. Jetzt führt sie der Weg aber zurück in die andere Richtung. Zurück zur Quelle.

Bock auf die große Retrospektive

„Wir sind wahrscheinlich einfach langsam in einem Alter für Nostalgie“, mutmaßt der Schlagzeuger Florian Hagmüller. Vor vier Jahren ist er zurück nach Konstanz gezogen, die anderen beiden Schmutzkis wohnen weiterhin in Stuttgart. Und haben nach 13 gemeinsamen Bandjahren richtig Bock auf die große Retrospektive.

Im Akustik-Punk-Gewand zwischen Abriss und Nostalgie erzählen sie vom Aufwachsen inmitten einer der touristischsten Gegenden Deutschlands, von Partys am Grillplatz, vom verhassten Ansturm im Sommer und der ebenso verhassten Flaute im nassen, kalten Winter. „Depriwinter“, wie die drei unisono sagen. „Natürlich hat uns vieles genervt, weshalb wir damals erst mal weg mussten, aber mit den Jahren kommt ein gewisser Abstand und kann die Dinge anders bewerten“, erklärt Beat Schmutz.

Viel Spaß auf’m See Foto: Lukas Held

In der Zwischenzeit ist viel passiert. Sie kommen in Stuttgart an, gründen die Band, spielen ihr erstes Konzert im Kap Tormentoso und werden schnell zu einer der größten Rockbands der Stadt. 2014 werden sie von Four Music unter Vertrag genommen, spielen die größten Festivals und veröffentlichen vier Alben in acht Jahren. Längst hat man sein eigenes Label gegründet, stemmt nach bester Punk-Manier die meiste Arbeit selbst. Punk geht so.

Es ist erst der zeitliche und räumliche Abstand, der den Musikern klargemacht hat, wie sehr eine Jugend wie diese die eigene Bandgeschichte geprägt hat. „Diese Schizophrenie zwischen Sommer und Winter, diese depressiven Phasen gerade in der kalten Jahreszeit haben da unten einen ganz bestimmten Humor hervorgebracht“, so Horowitz. „Das ist so eine Mischung aus Herzlichkeit und Selbstironie, die mir sehr dabei geholfen hat, meinen Stil für unsere Texte zu finden.“

Cover Foto: Bäm Records

So eine Jugend schweißt aber auch zusammen: Seit Tag eins spielen Schmutzki in derselben Besetzung. Mit „Bodensee Calling“, geschrieben und aufgenommen in einer Hütte in den Bergen, finden die drei engen Freunde wieder zur alten Sorglosigkeit zurück. „Wir haben keinen Anspruch an dieses Album“, stellt Hagmüller klar. Horowitz ergänzt: „Schmutzki lebt von einer gewissen Naivität. Unsere frühen Songs hatten diesen Zauber des Anfangs. Den haben wir jetzt wiederentdeckt.“

Die Band beschreibt „Bodensee Calling“ deswegen als Momentaufnahme. „Nächstes Jahr kann Schmutzki schon wieder ganz anders klingen“, sagen sie. Lange muss man nicht warten: Für den Winter haben sie die nächste Platte vorbereitet. Die wird mit Stuttgart abrechnen – der Stadt, die sie zu dem gemacht hat, was sie heute sind.

Schmutzki: Bodensee Calling. Bäm Records. Ab 16. August.

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