Viele Frauen empfinden die Mammographie als unangenehm. Foto: Michael Hanschke/dpa
Längst nicht jede Frau nimmt Krebsvorsorgeangebote wahr. Ein neues Angebot in einer Marbacher Praxis kann die Angst nehmen, sollte aber nicht die einzige Maßnahme sein.
Brustkrebs zählt immer noch zu den Schreckgespenstern der Frauen. Dabei ist er inzwischen gut heilbar – vorausgesetzt, er wird rechtzeitig erkannt. Je kleiner der Tumor, desto besser auch in der Regel die Heilungschancen.
Dennoch verzichten viele Frauen auf eine Mammographie – weil die Untersuchung unangenehm und schmerzhaft ist und die Brust dabei Röntgenstrahlen ausgesetzt wird. Zudem können auch bei einer Mammographie oder beim Ultraschall Tumore übersehen werden. In der Praxis des Marbacher Frauenarztes Roland Kirchner wird deshalb ab 2026 – erstmals im Kreis Ludwigsburg – eine ergänzende Untersuchungsmethode angeboten: die sogenannte Taktilographie. Kirchner sieht darin eine wertvolle Bereicherung, da den Patientinnen neben Mammographie und Brustultraschall nun eine weitere, gründliche, sanfte und apparatefreie Möglichkeit zur individuellen Brustkrebs-Vorsorge zur Verfügung steht. In Marbach dafür zuständig ist Dorothea Albrecht, ausgebildete medizinisch-taktile Untersucherin (MTU).
Die Stuttgarterin wurde blind geboren und hat inzwischen zwar ein minimales Sehvermögen, aber ihren ausgeprägten Tastsinn behalten. „Wenn man blind ist, tastet man sich immer durchs Leben“, erklärt sie. Und wenn ein Sinn ausfalle, würden die anderen – bei Blinden etwa das Gehör und der Tastsinn – durch das ständige Training gestärkt und verfeinert. Doch allein der bessere Tastsinn reiche nicht aus. „Man muss auch verschiedene Parameter kennen – beispielsweise: Wie hart ist der Befund, wie ist die Konsistenz, sind Lymphknoten in der Nähe geschwollen? Deshalb besteht die Ausbildung zur MTU nicht nur aus Praxis, sondern auch aus Theorie.“
Dorothea Albrecht ist ausgebildete medizinisch-taktile Untersucherin. Foto: privat
Etwa ein Jahr dauere die Ausbildung. Dazu gehörten auch ein Praktikum in einer Klinik – „da hat man dann auch Tumore in den Händen“ –, außerdem Untersuchungen in einer Frauenarztpraxis. „Bevor man keine 100 Untersuchungen absolviert hat, wird man nicht zur Prüfung zugelassen“, erklärt Albrecht. Inzwischen hat sie, seit sie ihre Ausbildung im April 2021 beendete, bereits mehr als 2500 taktile Untersuchungen durchgeführt.
Die Diagnose stellt der Arzt oder die Ärztin
Wichtig sei, dass immer der Arzt oder die Ärztin das letzte Wort und die Verantwortung habe. „Wir dürfen und können nicht diagnostizieren, wir können im Fall der Fälle nur sagen: Da ist was“, erklärt sie. Diese Information gebe man dann an den jeweiligen Mediziner weiter, der beispielsweise eine zusätzliche Sonographie mache oder die betreffende Patientin zur weiteren Klärung überweise. „Wir sind kein Arztersatz“, sagt Albrecht ausdrücklich. „Wir fordern sogar dazu auf, zum Arzt zu gehen.“ Die taktile Untersuchung sei nicht mehr und nicht weniger als eine wertvolle Ergänzung der anderen Untersuchungsmethoden.
Man solle weder auf Mammographie noch auf Ultraschall verzichten, betont sie. Aber „man bekommt in einem Tastbefund Sachen raus, die man in der Sonographie und der Mammographie nicht sieht“, ist sie überzeugt. Mit allen drei Untersuchungen bekomme man die maximale, wenn auch nicht völlige Sicherheit.
Blinde Profis ertasten mehr und kleinere Gewebeveränderungen als Ärzte
Tatsächlich legen Studien nahe, dass professionelle MTU etwa 30 Prozent mehr und auch deutlich kleinere Gewebeveränderungen ertasten als Ärzte. Dabei gehen sie nach einem standardisierten und evaluierten Verfahren vor. Die Brust der Patientin wird vollständig und gründlich in drei Ebenen abgetastet. Ihr Untersuchungsgebiet markiert die MTU mit verschiedenen Klebestreifen, um nicht die Orientierung zu verlieren.
Bis zu einer Stunde dauert die Untersuchung – wobei es dabei nicht unbedingt auf die Größe der Brust ankomme, sagt Albrecht: „Große Brüste sind zwar mehr Arbeit, aber dafür manchmal sehr eindeutig.“ Rund 2500 Brüste habe sie schon „in der Hand gehabt“. Und dabei auch schon Tumore entdeckt. Doch in den meisten Fällen, in denen sie an den Arzt oder die Ärztin übergeben habe, sei beim Ultraschall nichts herausgekommen. „Ich lasse aber lieber etwas zweimal überprüfen, anstatt was durchgehen zu lassen“, sagt sie.
Auch Selbstuntersuchung immens wichtig und erlernbar
Entwickelt wurde die Taktilographie vom gemeinnützigen Mülheimer Inklusionsunternehmen „Discovering hands“ (entdeckende Hände), das von einem Frauenarzt gegründet wurde. Die Wirksamkeit der Methode wurde in wissenschaftlichen Studien belegt. Für Albrecht ist es ein Glücksfall, dass sie das Unternehmen entdeckte und von diesem auch angestellt wurde. Denn wegen ihrer Sehbehinderung konnte sie ihre bisherigen Berufe nicht länger ausüben. Ihr Wunschberuf Krankenschwester sei gar nicht erst in Frage gekommen. Nun hat sie in der Taktilographie ihre Berufung gefunden: „Ich kann in der Medizin arbeiten und für andere Menschen da sein.“
Das Bild zeigt eine medizinisch-taktile Untersucherin bei der Arbeit in einer Stuttgarter Arztpraxis. Foto: Lichtgut
Unabhängig davon solle aber auch keine Frau darauf verzichten, sich selbst regelmäßig abzutasten, betont Albrecht. „Das ist immens wichtig.“ Tatsächlich entdecken viele Frauen Veränderungen an der Brust selbst zuerst. Deshalb kann man bei Albrecht auch lernen, wie man beim Abtasten richtig vorgeht.
Ab wann kann man Termine vereinbaren? Das Angebot gibt es ab dem 12. Januar jeden Montag zwischen 8.30 und 16.30 Uhr in der Frauenarztpraxis von Roland Kirchner in Marbach. Dazu muss man nicht Patientin bei ihm sein. Die Terminvereinbarung erfolgt jedoch über die Anmeldung in der Praxis.
Wer zahlt es und was kostet es? Aktuell erstatten 44 gesetzliche und alle privaten Krankenkassen (auf Basis des individuell gewählten Kostenerstattungstarifs) die Kosten für die Untersuchung ganz oder teilweise. Anderweitig versicherte Frauen können sie als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) wahrnehmen und zahlen dann 79 Euro.