Neues Architekturbuch über Stuttgart Worin wir wohnen, arbeiten und leben

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Das Buch „Architekturstadt Stuttgart – Bauten – Debatten – Visionen“ versammelt Beiträge aus der Stuttgarter Zeitung aus den vergangenen fünf Jahren.

Die neue Stadtbibliothek am Mailänder Platz. Foto: dpa 16 Bilder
Die neue Stadtbibliothek am Mailänder Platz. Foto: dpa

Stuttgart - Architekturstadt Stuttgart“, so heißt der Band mit Kritiken, Gastbeiträgen und Fotos aus der Stuttgarter Zeitung, der von heute an im Buchhandel erhältlich ist. Der Untertitel „Bauten, Debatten, Visionen“ verrät, dass es sich trotz opulenter Bebilderung nicht um einen eher zum Blättern oder zu Dekorations­zwecken dienenden Hochglanzband handelt, in dem ausschließlich Prestigeprojekte versammelt sind, vom Mercedes-Benz-Museum bis zur Messe. „Architekturstadt Stuttgart“ ist vor allem auch ein Lesebuch: Texte nehmen breiten Raum ein, Dispute und Aus­einan­der­setzungen, die in Stuttgart gerade in jüngerer Zeit so heftig geführt wurden wie nirgends sonst in der Republik, werden als ebenso zum Thema gehörend betrachtet wie das hier Gebaute.

Trotzdem kann man fragen: Stapelt der Titel nicht reichlich hoch? Ist Stuttgart wirklich eine Architekturstadt? Klare Antwort: Jein.

Ja, Stuttgart ist eine Architekturstadt, weil in den Stuttgarter Bezirksgruppen der Architektenkammer Baden-Württemberg knapp 5000 Architekten registriert sind – jeder hundertste Einwohner übt hier einen Beruf in der Hochbau-, Landschafts- oder Stadtplanung aus. Ja, Stuttgart ist eine Architekturstadt, weil hier an drei Hochschulen Architektur gelehrt und gelernt wird: an der Universität, an der Hochschule für Technik und an der Kunstakademie. Ja, weil allein in Stuttgart zum Hugo-Häring-Preis, mit dem der Landes­verband des Bundes Deutscher Architekten alle drei Jahre gelungene Bauten in Baden-Württemberg auszeichnet, im Sommer 2011 mehr als neunzig Bewerbungen ein­gereicht wurden – fast doppelt so viele wie im Jahr 2009 beim BDA Niedersachsen für das ­gesamte Bundesland.

Ansehnliche Bauten prägen kaum das Stadtbild

Nein, ­Stuttgart ist keine Architekturstadt, weil sie ihre Ressourcen und Potenziale nicht zu nutzen weiß. Es gibt zahlreiche ansehnliche, zum Teil sogar hervor­ragende Bauten – das zeigt dieses Buch –, doch das Stadtbild prägen sie kaum. Auf dem Vormarsch ist die kalte Beliebigkeit schnell hochgezogener Büro- und Geschäftshäuser. Überall wird abgerissen und neu gebaut. Das ist im Prinzip kein ungewöhnlicher Vorgang, Städte sind stets im Wandel begriffen, und nicht immer muss man den Verlust ganzer Quartiere wie den des Gerberviertels beklagen. Von Anfang an kein architektonisches und städtebauliches Ruhmesblatt, hatte es seine besten Tage längst hinter sich.

Aber was nachkommt, ist selten besser, sei es nun „das Gerber“ oder das „Caleido“ am Österreichischen Platz oder das ECE-Shoppingcenter hinterm Bahnhof. Riesige Klötze, glatte, auswechselbare Fassaden, die genauso gut irgendwo anders auf der Welt stehen könnten. Mit der Stadt haben sie nichts zu tun, sie machen aus Stuttgart aber eine Stadt ohne Charakter, während die wenigen Baudenkmale oder auch nur die stadtbildprägenden, charaktervollen Bauten, die Krieg und Nachkriegszeit überlebt haben, nach und nach aus dem Stadtbild verschwinden – zum Kummer vieler Bürger. Wirklich unverwüstlich sind hier offenbar nur die Verwüstungen, die der auto­gerechte Wiederaufbau angerichtet hat. Eine „Kulturmeile“ etwa hat die Stadt bis heute nicht, nur eine euphemistisch auf diesen Namen getaufte, alle Diskussionen zäh überdauernde Stadtautobahn.

 

Im Zentrum schreitet die Ausweitung der Konsumzone dazu mit immer mehr immer gleichen Shoppingmalls fort, an den Rändern frisst sich das hässliche Neben­einander von Gewerbebauten, Discountmärkten, Tankstellen und Eigenheim­siedlungen in die Landschaft hinaus wie überall im Land. Die Außenwahrnehmung ist niederschmetternd: Hamburg sei ja schon schlimm genug, aber architektonisch längst nicht so „zerrüttet“ wie Stuttgart, schrieb Hanno Rauterberg Ende 2011 in der „Zeit“.

Architektur ist den Bürgern nicht gleichgültig

Urteile wie dieses lassen vermuten, dass den Stuttgartern nicht viel an ihrer gebauten Umwelt liegt, dass sie allenfalls komfortabel shoppen wollen. Und doch ist den meisten die Architektur, die Stadt alles andere als gleichgültig. Im Gegenteil, diese wecken Emotionen, Widerstandsgeist, Engagement, Bürgersinn. Gerade Stuttgart, wo der Konflikt über das Stuttgart-21-Projekt die Einwohner zu Tausenden auf die Straße trieb, hat in dieser Hinsicht alle Welt in Erstaunen versetzt.

Architektur, das macht das Buch im Kapitel „Bauten“ deutlich, ist keineswegs ­immer Glamour- oder Abschreibungsprodukt, das zu Vermarktungszwecken bei sogenannten Stararchitekten bestellt wird. Architektur ist das, worin wir den größten Teil unseres Lebens zubringen. Aus diesem Grund nimmt die Stuttgarter Zeitung insbesondere den gebauten Alltag in den Blick: Kindergärten zum Beispiel wie St. Hedwig in Möhringen, der wie ein Baumhaus zwischen Baumkronen thront oder einen Schnellimbiss in der Calwer Straße oder eine Singschule an der Landhausstraße oder einen Wohnblock im Stuttgarter Westen oder ein Rechenzentrum der Universität in Vaihingen. Aber natürlich auch Porsche-Museum, neue Messe und Stadtbibliothek. Das Kapitel „Stadt­erkundungen“ lenkt den Blick vom Einzelgebäude auf den Ist-Zustand einiger Innenstadtbezirke, die „Visionen“ namhafter Architekten sind sowohl Bestandsaufnahme als auch Vorausblick auf künftige (wünschenswerte) Entwicklungen.

Und so stellt dieses Buch mehr dar als ein Sammelsurium von Zeitungsaufsätzen. Es gibt einen Überblick über neuere Architektur in Stuttgart und die öffentliche Debatte und hofft damit dazu beitragen, dass der Bürgersinn nach der Schlacht um Stuttgart 21 wach bleibt für Sinn und Bedeutung von Architektur und Städtebau: für das eigene Leben und für das Gemeinwesen.