Neues Artenschutzkonzept Stuttgart hat ein Herz für Hirschkäfer und Co.

Von Josef Schunder 

Die Landeshauptstadt legt ein neues Konzept vor. Bis 2022 will sie gut 900 000 Euro für Maßnahmen zur Pflege von Biotopen ausgeben – und nicht nur die Ameisenjungfer retten.

Auch der Flussregenpfeifer (Bild) sei schon verschwunden, klagen die städtischen Umweltexperten. Foto: mirkograul, Wolfgang/Adobe Stock, StZ
Auch der Flussregenpfeifer (Bild) sei schon verschwunden, klagen die städtischen Umweltexperten. Foto: mirkograul, Wolfgang/Adobe Stock, StZ

Stuttgart - Das schleichende Artensterben in Stuttgart soll gestoppt, der Bestand an Tier- und Pflanzenarten bewahrt werden. Diese Botschaft hat am Mittwoch Umwelt- und Städtebaubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) ausgesandt, als er das neue Artenschutzkonzept der Landeshauptstadt vorstellte – dies nicht etwa in einem tristen Sitzungszimmer im Rathaus, sondern vor einem Naturdenkmal oberhalb von Rotenberg, vor einem sogenannten Sandsteinaufschluss in der Egelseer Heide.

Es ist ein Ort, wo noch die Ameisenjungfer vorkommt – ein Insekt, das sich in den Boden zurückzieht und dort auf Ameisen lauert. Aber nicht nur dieses Insekt macht die Egelseer Heide zu etwas Besonderem. Sie zählt mit ihrem Magerrasen zu 20 Biotopen in Stuttgart, wo mit vergleichsweise geringem Geldaufwand der Lebensraum für bedrohte Arten verbessert und fortan mit geringen Jahresraten gepflegt werden kann.

Manchmal bringen geringe Investitionen großen Nutzen

Im Fall der Egelseer Heide gehe es zunächst um 6000 Euro, sagte Hans-Wolf Zirkwitz, Leiter des Amtes für Umweltschutz, danach müsse man pro Jahr etwa 4500 Euro aufwenden. Bezahlt werden soll das mithilfe von 900 000 Euro, die der Gemeinderat bei Etatberatungen nebst zwei Stellen im Garten-, Friedhofs- und Forstamt und einer Stelle im Umweltamt gewährte. Das Geld soll bis 2022 für die Pflege von Flächen ausgegeben werden, die für den besseren Artenschutz wertvoll sind.

Im neuen Konzept, dessen Entwicklung rund drei Jahre gedauert hat, sind nicht nur die 20 Orte aufgelistet, an denen man mit wenig Geld viel erreichen kann, neben der Egelseer Heide beispielsweise auch der Waldrand am Lemberg in Feuerbach und der Probstsee in Möhringen. In dem 360 Seiten starken Buch – eine Bestandsaufnahme und ein Leitfaden zum Artenschutz – werden 24 Typen von Biotopen aufgelistet, darunter die Trockenmauer und der Weinberg. Ebenso 96 Tierarten und 93 Pflanzenarten, die beispielhaft für die Artenvielfalt in Stuttgart stehen.

Ausweitung der Siedlungsflächen bedroht Arten

Dass die Vielfalt kleiner wird, daran ließ Bürgermeister Pätzold keinen Zweifel: „Das Artensterben findet auch in Stuttgart statt“, sagte er. In Zeiten von Klimawandel, intensiver Landwirtschaft und – wie OB Fritz Kuhn (Grüne) im Vorwort sagt – in Zeiten von Siedlungsverdichtungen sei es wichtiger denn je, für den Artenschutz Maßnahmen zu ergreifen. Sonst drohten Kettenreaktionen. Ohne Insekten zum Bestäuben von Blüten wachse kein Obst. Ohne Obst gebe es keinen Most.

Von den Tierarten, die in Stuttgart verschwunden seien, nannten die städtischen Umweltexperten den Kleinen Heidegrashüpfer und die Samthummel, die Wechselkröte und den Flussregenpfeifer und sogar den früher gut bekannten Laubfrosch. Mit dem Artenschutzkonzept habe man nun einen Maßnahmenkatalog, in dem sogenannte Zielarten definiert werden, mit denen man eine Vielfalt erhalten will, darunter der Hirschkäfer und der Juchtenkäfer. Das Konzept sei eines der ersten seiner Art in Deutschland, allemal in den Großstädten, hieß es.

Es geht nicht um die Zucht weiterer Mauereidechsen

Mögliche Einwände, dass der Artenschutz bereits Projekte wie Stuttgart 21 erschwerte und verteuerte, die geschützte Mauereidechseaber gar nicht so selten auftritt, sprechen nach Meinung der Stadtverwaltung nicht gegen die Notwendigkeit des Konzepts. Der Schutz der Mauereidechse sei von der Europäischen Union ausgegangen, das geltende Recht zu beachten. Tatsächlich fühle sich die Mauereidechse in Stuttgart wohl, „daher reden wir auch darüber, wie wir mit dem Artenschutz für sie umgehen sollen“, sagte Pätzold. „Bei den meisten Arten nimmt das Vorkommen aber nicht zu wie bei der Mauereidechse, sondern ab.“ Und bei der Zauneidechse sei die Entwicklung auch anders als bei der Mauereidechse. Es sei keineswegs so, dass man mit dem Artenschutzkonzept noch mehr Eidechsen züchten wolle, um die Bahn AG als Bauherrin zu ärgern, stellte der Bürgermeister auf Nachfrage klar.

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