Neues Banksy-Buch Wie Banksy vielleicht die Kunst rettete

Einkaufswagen im Seerosenteich: Banksys Gemälde „Show Me the Monet“ (Ausschnitt) von 2005. Foto: Banksy

Kein Künstler hat so viele Fans wie der anonyme Künstler Banksy. Aber die Graffitis, die er irgendwo in der Stadt hinterlässt, sind tiefgründiger, als es auf den ersten Blick scheint.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Es war eine dieser Geschichten, die auch jene neugierig machten, die sich sonst nicht für Kunst interessieren. Da schlurfte 2005 ein unansehnlicher Kauz mit Plastiktüte durch das British Museum in London und klebte plötzlich mit dickem Klebeband ein Werk an die Wand: eine Betonplatte, auf der eine prähistorische Figur einen Einkaufswagen schiebt. Als das Werk entdeckt wurde, war die Aufregung groß, das Museum blamiert – und einer hatte schon wieder einen tollen Coup gelandet: Banksy.

 

Es ist dieser anarchische Gestus, der Banksy weltberühmt gemacht hat. Kein Künstler produziert so viele Schlagzeilen wie er, der es seit Jahrzehnten schafft, anonym zu bleiben und seinen gigantischen Fankreis regelmäßig mit neuen Werken zu überraschen, die irgendwo im öffentlichen Raum auftauchen.

Bei allem Spektakel, das er damit erzeugt, ist Banksy aber auch ein durchaus ernst zu nehmender Künstler, der auf aktuelle Missstände in der Welt hinweisen will – etwa als er auf einem Musikfestival ein Flüchtlingsboot mit Puppen in Schwimmwesten in die Menge hieven ließ.

Anspielungen auf andere Künstler

Eine wichtige Quelle für Banksy ist aber auch die Kunstgeschichte. Kelly Grovier ist sogar davon überzeugt, dass Banksy tot geglaubte Kunst wieder zu Leben erwecke. „Wie Banksy die Kunst rettete“ hat der amerikanische Kunstkritiker sein neues Buch überschrieben, das deutlich macht, wie direkt sich Banksy bei anderen Künstlern bedient: Hier hat er bei Keith Haring den Hund geklaut, dort die berühmte Pfeife von René Magritte durch einen gebogenen Wasserhahn ersetzt. Der verhüllte Reiter, den Banksy in Paris an die Wand sprühte, war eindeutig eine Anspielung auf das Napoleon-Bild von Jacques-Louis David.

„Schlechte Künstler imitieren, große Künstler stehlen“, meinte Pablo Picasso – 2009 meißelte Banksy den Spruch in Stein und setzte seinen eigenen Namen darunter als ironische Geste, dass er selbstverständlich zu den großen Künstlern gehört, die klauen und nicht nur nachahmen.

Kelly Grovier will mit seinem Buch nun beweisen, dass Banksy nicht nur einer der ganz Großen ist, sondern dass er die Meisterwerke der Kunstgeschichte vor ihrer „zunehmenden Bedeutungslosigkeit“ bewahre.

Als Banksy Anfang der 1990er-Jahre aus der Underground-Straßenkunstszene in Bristol bekannter wurde, hätten viele die Kunstgeschichte für tot gehalten, schreibt Kelly Grovier, denn anders als in all den Jahrhunderten zuvor, seien die alten Meister plötzlich unwichtig geworden für die Weiterentwicklung der Kunst. Die Kunstgeschichte, schreibt er, „war an ihrem Ende angelangt.“

Und dann kommt er, dieser unbekannte Straßenkünstler, der „die Wahrheit auf Gehwegen“ sagen will. Seine Werke sollen für alle sichtbar sein, ohne Einmischung von Kuratoren und Museumsdirektoren. Die Hausmauern sind für Banksy das, was für die ersten Künstler die Wände ihrer Höhlen waren, wo sie Zeichnungen hinterließen „als roher, ungebändigter Impuls“.

Schablonen erleichtern die Arbeit

Am Anfang entwickelte Banksy seine Motive noch vor Ort, was aber lang dauerte und ihn in brenzlige Situationen brachte. Als er einmal von der Polizei verfolgt wurde und sich in eine dornige Hecke flüchtete, kam ihm die Idee, Schablonen zu nutzen, wie es schon einer der frühen Street Art-Pioniere tat, der französische Graffitikünstler Blek le Rat.

Als 2014 in Bristol plötzlich das Mädchen mit dem Perlenohrring von einer Wand schaute, da wusste jeder sofort, dass Banksy Vermeer zitierte. Bei seinen Gemälden reagiert er noch direkter auf andere Maler und hat zum Beispiel ein Selbstporträt von Rembrandt kopiert, dem Maler aber Glubschaugen verpasst. Er hat Andy Warhols Stil übernommen, dessen Marilyn Monroe aber durch Kate Moss ersetzt. Und seine „David“-Skulptur trägt eine Militär-Schutzweste.

Dieser Dialog mit der Vergangenheit sei anders als alles zuvor, behauptet Kelly Grovier in seinem Buch. Er eigne sich Michelangelos „David“ oder Claude Monets Seerosen nicht an, sondern diese Ikonen würden in seinen „respektlosen“ Werken „entführt, radikalisiert und gegen uns gerichtet.“

Anders gesagt: Die großen Meisterwerke seien „müde“ geworden, weil sie zu oft reproduziert wurden. Und Banksy gebe ihnen Energie zurück.

Die Übersetzung ist nicht die beste

Nicht alle Parallelen, die Kelly Grovier zieht und nicht alle Thesen, die er behauptet, überzeugen. Auch sonst hat das Buch, das übrigens nicht vom Künstler autorisiert wurde, seine Schwächen.

Grovier ist auch Dichter, was vielleicht der Grund für seinen selbstverliebten Stil ist. Banksys Spraydose, heißt es da zum Beispiel „ist eine Art versklavende Kanüle geworden, mit der er sich in die Meilensteine der Kulturgeschichte injiziert.“ Auch die Übersetzung ist nicht die Beste.

Und doch ist es interessant und erhellend, den kunsthistorischen Bezügen in Banksys Motiven nachzuspüren. Als er in Calais auf einem Wandbild mit einem Flüchtlingsboot auf die überfüllten Migrantenlager hinweisen wollte, stand eindeutig Théodore Géricaults „Das Floß der Medusa“ Pate. Und wer weiß, vielleicht stammt das rote Herz, das auf „Girl with balloon“ als Ballon davonfliegt, ja tatsächlich von einem Bild von Joan Miró.

Begeisterter Fan

Autor
Kelly Grovier, geboren 1968, ist Kolumnist bei BBC Culture, schreibt über Kunst und hat mehrere Bücher veröffentlicht. Wer Banksy ist, weiß aber auch er nicht.

Buch
Kelly Grovier: Wie Banksy die Kunst rettet. Midas Verlag Zürich. 208 Seiten, 34 Euro. adr

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