Neues Buch über Hitler Den Raum unterwarf er sich mittels Karte

Von Werner Birkenmeier 

Der Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta setzt Adolf Hitlers Verbrechen mit seinen künstlerischen Ambitionen in Verbindung. Sein Buch „Hitler – Der Künstler als Politiker“ vermittelt neue Einsichten in das Wirken des Diktators.

Die Lagebesprechungen wurden zum letzten Reservat des politischen Aufführungskünstlers Hitler. Foto: dpa, Ullstein Bild
Die Lagebesprechungen wurden zum letzten Reservat des politischen Aufführungskünstlers Hitler. Foto: dpa, Ullstein Bild

Stuttgart - Warum noch eine weitere Monografie über Hitler?“, fragt der in Stuttgart lehrende Historiker Wolfram Pyta selbst und nimmt damit den Einwand auf, zum Thema Hitler hätten die Fachleute längst jeden Stein tausendfach hin und her gewendet. Aber noch niemand ist konsequent der Frage nachgegangen, wie Hitlers „Künstlertum“ ihn als Politiker und Kriegsherr geprägt hat. Mit der Verbindung von Kultur und Politik gelingen Pyta vertiefende und auch ganz neue Einsichten in das Wirken des Diktators. Auch wer sich viel mit Hitler beschäftigt hat, muss nach der Lektüre dieser Monografie sagen, er sehe manches anders und verstehe vieles besser. Und das will angesichts der Flut der Hitler-Literatur viel heißen. Dafür ein großes Lob.

Nicht nur die Laien, auch die Wissenschaftler fragen: War Hitler denn überhaupt ein Künstler? Und tut man dem Menschheitsverbrecher nicht zu viel Ehre an, wenn man ihn mit dem Prädikat des Künstlers schmückt? Hitler war doch als Maler und Architekt gescheitert. Aber laut Pyta geht es hier nicht um das überaus bescheidene Kunstschaffen Hitlers, wohl aber um sein Verständnis der Welt. Die Wiener Kunstszene hat den jungen Theater- und Opernliebhaber geprägt. Am Gesamtkunstwerk Richard Wagners hat er sich berauscht. Allein die „Meistersinger“ hat er 135-mal besucht.

Nach dem fehlgeschlagenen Versuch, in die Malschule aufgenommen zu werden, wandte sich Hitler der Theaterarchitektur zu, er wollte Architekturmaler werden. Das war mehr als Spielerei. Er fertigte szenische Entwürfe zu Wagners „Tristan“ an, er zeichnete Opernhäuser, Konzert- und Festsäle. Diese Zeugnisse waren dem Autodidakten immer wichtig. Bei allen Vorbehalten nimmt Pyta den „Künstler“ Hitler durchaus ernst. Er nähert sich ihm interdisziplinär mit weiten Ausgriffen in die Literatur, Soziologie und Psychologie. Thomas Mann hat ihn als Künstler akzeptiert und ihn widerwillig als „Bruder Hitler“ bezeichnet. Walter Benjamin sah in der NS-Bewegung und ihrem Anführer eine „Ästhetisierung der Politik“. Pyta kommt zu dem Schluss: „Der Politiker Hitler ist ohne den Künstler Hitler nicht denkbar.“

Die Welt vermaß er visuell

Im Nachkriegsklima Münchens, wo der ehemalige Frontsoldat mit der Politik in Berührung kam, gelang es Hitler, seine künstlerischen Neigungen für seine politischen Aufführungen nutzbar zu machen. Eine politische Veranstaltung musste sich nach Hitlers Vorstellungen wie eine Theateraufführung durch die Verschmelzung von Raum und Atmosphäre in einen Erlebnisraum verwandeln. Weil er die Welt vor allem visuell vermaß, war er für den politischen Aufführungsmarkt bestens präpariert. Hitler hielt die klassische Schriftkultur für ungeeignet, die breite Masse des Volkes zu gewinnen. Die Rede war für ihn der Königsweg. Er gestaltete sie zu einem raum-zeitlichen Ereignis, bei höchstem stimmlichem und körperlichem Einsatz. Weil die Rede für ihn eine originäre politische Handlung war und kein Diskussionsbeitrag, ließ er Gegenreden nicht zu. Noch 1944 empfand er es als tödlichen Affront, als Feldmarschall Erich von Man­stein es bei einer Rede vor Offizieren wagte, ihm ins Wort zu fallen.

Hitlers Beitrag zu Politik und Kriegsführung war der Monolog. Der Künstler war über Argumente erhaben. Er war der unantastbare Charismatiker, dem es gelang, zunächst das politische und dann auch das kriegerische Geschehen zu beherrschen. Die militärischen Erfolge ermutigten ihn zur Umsetzung des Holocaust, und dies erst recht, als sich Niederlagen abzeichneten.

Der von Hitler entfesselte Zweite Weltkrieg nimmt bei Pyta breiten Raum ein, und dies deshalb, weil Hitler hier auf ein rationales System traf, dessen Vertreter sich zum Teil vom politischen Erfolgsmenschen Hitler beeindrucken ließen, nicht aber von dessen militärischen Fähigkeiten. Die Generäle, die in ihrer strengen Ausbildung an Clausewitz und dem älteren Moltke geschult wurden, hielten nicht viel von dem Gefreiten Hitler. Hier entstand ein Dauerkonflikt, der in den Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 mündete. Hitler hielt dem Generalstab elitäres Bewusstsein vor, und es gefiel ihm, dass einer seiner Vertrauten, Oberst Walter Scherff, den Generalstab als „quasi jesuitische Institution“ bezeichnete. Hitler hatte sich die Armee durch Aufrüstung und Beförderungen gefügig gemacht. Deshalb wagte das Offizierskorps dem Kriegseintritt nicht zu widersprechen. Den Feldzug gegen Polen gestaltete die Generalität noch weitgehend selbst, was Hitler aber missfiel. Erst der Krieg gegen Frankreich, auf den er unablässig drang, eröffnete ihm die Chance, sich zum Feldherrn aufzuschwingen.

Etablierung eines Geniekults

Nach dem raschen Sieg, der eigentlich Erich von Mansteins Strategie zu verdanken war, ließ er sich als militärisches Genie feiern. Der Künstler-Charismatiker, der im Verlauf des Krieges kaum noch Reden hielt, bedurfte einer Ergänzung durch das Geniekonzept. Damit verband sich eine unbegrenzte Generalermächtigung. Das Genie ist gegen rationale Argumente immun. Es lässt sich auch durch Rückschläge nicht erschüttern und meistert alle Schwierigkeiten. Die erfolgreiche Etablierung eines Geniekults, sagt Pyta, stellt den höchsten Grad an ästhetisch flankierter Omnipotenz dar. Die Gefolgschaft liefert sich dem Genie­anspruch auf Gedeih und Verderben aus.

Zur Genialität gehört aber auch das Publikum. Das waren nun nicht mehr die vollen Säle, sondern der erlesene Kreis der Offiziere, die sich um den Lagetisch versammelten. Hier eröffnete sich dem Augenmenschen Hitler ein neues Feld: die visuelle Erschließung des Kriegsgeschehens über die Lagekarte. In der Tat können wir uns den Kriegsherrn Hitler gar nicht anders vorstellen als vor dem Lagetisch, umgeben von hochdekorierten Statisten. Nun aber versteht man besser, warum der Krieg, insbesondere der Russland-Feldzug, so ablief, wie er ablief.

Der Hitler an der Karte war fixiert auf den Raum, den er sich mittels Karte unterwarf, zum Nachteil des Faktors Zeit, der im Bewegungskrieg eine entscheidende Rolle spielt. Die Lagebesprechungen wurden zum letzten Reservat des politischen Aufführungskünstlers Hitler. Sein Architektenauge liebte die Linien und Striche des Kartenmaterials, und mit ihm konnte er zugleich Distanz wahren zum realen Kriegsgeschehen. Hitler begnügte sich nicht mit herkömmlichen Lagekarten, sondern ließ eigene Reliefkarten anfertigen. In der Kunst der Kartenanalyse fühlte sich Hitler den Generalstäben überlegen. Die Dienststelle für Kriegskarten reichte bis zur Frontlinie, wo jede Veränderung aufgenommen wurde. Das ergab oft bis zu hundert neue Karten am Tag. Weil Hitler sich kartografisch bestens informiert fühlte, konnte er die operative Bewegungsfreiheit der Truppenführer massiv einschränken.

Die Illusion dcer Karten

Aber die Karten waren eine Illusion. Sie gaben nicht wieder, dass die Truppe vor Moskau im Winter 1941 zunächst im Schlamm, dann im Schnee und Eis stecken blieb. Es kam zum Aufstand der Panzerführer Hoepner und Guderian. Sie wollten zurück, was Hitler nicht erlaubte. Er beherrschte ja den Raum mittels Karte, und das blieb so bis zum bitteren Ende. Weil der Luftkrieg nicht kartografisch darstellbar war, nahm Hitler die Zerstörung der deutschen Städte durch alliierte Bomberflotten kaum wahr. Allenfalls reizte das den Architekten in ihm zu dem Ausspruch, man könne dann neu aufbauen, was man ohnehin hätte abreißen müssen.