Neues Buch von Lucia Zamolo „Du kannst nicht von hier sein!“

„Von hier“ wäre für Lucia Zamolo die beste Antwort auf die oft gehörte Frage „Woher kommst du eigentlich?“. Aber die meisten mögen es kompliziert. Foto: Lucia Zamolo/Bohem-Verlag

Typisch italienisch? Die deutsche Illustratorin Lucia Zamolo kann die Frage nach ihrer Herkunft nicht mehr hören. In „Jeden Tag Spaghetti“ hat sie ihre Geschichte aufgezeichnet.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - Solange sie antworten kann, begleitet Lucia Zamolo, 1991 in Münster geboren, diese Frage: „Woher kommst du eigentlich?“ Und wie ein konditioniertes Wesen aus einer behavioristischen Versuchsanordnung hat die Illustratorin bislang brav ihr Sprüchlein aufgesagt: „Mein Vater kommt aus Italien.“

 

Doch mit der braven Antwort ist nun Schluss. „Jeden Tag Spaghetti“ heißt das freche Protokoll eines Denkprozesses, den Lucia Zamolo aufgezeichnet hat, mal komisch, mal grüblerisch, aber immer mit umwerfender Offenheit. Ausgangspunkt der im Buch locker aneinandergereihten Szenen ist eine Party; die niedliche Comicversion der Künstlerin hat einen Hammersong im Ohr und einen Makkaroni-Halm im Getränk, als sie die übliche Woher-Frage aus der Feierlaune holt.

„Moment mal!“ – spätabends liegt die Comic-Lucia im Bett, als ihr endlich klar wird, was sie am Interesse an ihrer Herkunft grundlegend stört. „Na ja, eigentlich sagt die fragende Person ja nix anderes als: Du bist aber für mich nicht wie die Menschen von hier. Du kannst nicht von hier sein.“

Der Begriff Migrationshintergrund grenzt aus

Für Lucia fühlt sich das an wie ein Vorwurf. Und wer sieht, wie sich die zarte Figur ihrem Sherlock-Holmes-Gegenüber zu entwinden versucht, kommt selbst ins Grübeln. Zum Beispiel über den Begriff Migrationshintergrund. Ziemlich flott wird dieses Etikett vielen Menschen angeheftet, ohne die Ausgrenzung zu bedenken, die da immer mitklingt. Außer für statistische Zwecke, ist Lucias Folgerung, taugt der negativ besetzte Begriff nur dazu, zu verwirren und Menschen auszugrenzen.

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„Dieser Migrationshintergrund steht eigentlich unverhältnismäßig im Vordergrund“, lässt die Zeichnerin Zamolo ihre Lucia über die Verwechslung von vorn und hinten nachdenken und hat sich schlau gemacht. „Eine Person hat laut Statistischem Bundesamt Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt.“

Nach der dritten Generation dürfte also in den meisten Fällen das Thema vom Tisch sein. Eigentlich.

Mafia, Großfamilie, Tomatensoße: Klischees sind hartnäckig

Doch wer Lucia Zamolo auf ihrem lockeren Exkurs über gängige Klischees folgt, ahnt, dass man die nicht so leicht loswird. Da ist die Lehrerin, die dem Vater toxische Komplimente macht („Ihr Kind spricht ja auch akzentfrei Deutsch!“) und bei Lucia einen Gastarbeiteraufsatz bestellt, da sind die Mitschülerinnen, die selbstverständlich von Lucias Vater am Mittagstisch die beste Tomatensoße der Welt erwarten, da sind die Fragen nach Mafia und Großfamilie, da sind die von Lucia eingeforderten Statements zum Abschneiden der italienischen Fußball-Nationalmannschaft oder zum Abstimmungsverhalten des italienischen Wahlvolks.

Und da sind die viel zitierten Spaghetti, die sich wie eine Plage über Seiten und aus Ohren winden. Wie fühlt man sich in solchen Schubladen? Wie kommt man aus ihnen heraus? Das Nachdenken darüber hat die mehrfach ausgezeichnete Buchkünstlerin mit sperrigen Möbelstücken anschaulich umgesetzt.

Wieso müssen wir alles und jeden in Schubladen sortieren?

Lucia Zamolo zeigt, dass zwischen Empathie auf der einen Seite, Intoleranz und Egoismus auf der anderen ein schmaler Grat und vor allem sehr viele Schubladen sind. Wieso sortieren wir gerade jemanden wo ein? Diese Frage wird sich nach der Lektüre jeder häufiger stellen. Kann und muss überhaupt immer alles eingeordnet werden? Darüber sinniert die Comic-Lucia mit einer Schublade unterm Arm.

Ja, die Comic-Lucia sehe ihr sehr ähnlich, sagt Lucia Zamolo am Telefon und lacht. Im echten Leben hat die Woher-Frage einer Journalistin auf der Buchmesse 2019 bei der Zeichnerin die Idee zu diesem Buch ausgelöst. „Ich bin niemandem böse, es steckt ja keine schlechte Absicht hinter dieser Frage“, erklärt die Künstlerin. „Das Problem ist aber, dass sie nicht positiv ankommt und immer ausgeblendet wird, was sie für die befragte Person bedeutet.“

In jedem Menschen das Besondere sehen

Der Fragende und sein Interesse stehen für Lucia Zamolo zu sehr im Vordergrund. Und oft werde übersehen, dass jemand unter Rechtfertigungszwang gesetzt oder möglicherweise an eine sensible Geschichte erinnert werde. In jedem Menschen das Besondere zu sehen, ist die schöne Botschaft von Lucia Zamolos in luftigen Episoden gezeichnetem Buch. Hör zu, schau hin, denk nach, lautet seine Aufforderung.

Entlarvend, aber auch sehr unterhaltsam aufgezeichnet hat die Illustratorin in „Jeden Tag Spaghetti“ ebenfalls, was ein Bonner Architekt mit einer am Rhein untypischen Hautfarbe und Frisur erlebt hat. „Erzähl doch mal von Afrika!“ Die Aufforderung einer Lehrerin würde er heute mit einem ebenso coolen Spruch kontern wie die Frage einer Bauherrin in spe, die vor seiner Bürotür von ihm wissen will, ob er hier putze. „Nee“, informiert er knapp, „ich bin der Architekt!“

„Putzen Sie hier?“

Nachwuchsillustratorin mit schönen Büchern

Person
Lucia Zamolo, geboren 1991 in Münster, studierte Design mit den Schwerpunkten Illustration und Kommunikation sowie Englische Philologie und Bildungswissenschaften. Sie arbeitet als freie Grafikerin. Für ihr Menstruationsbuch „Rot ist doch schön“ erhielt sie 2019 den Serafina-Preis für Nachwuchsillustratoren. Ihr Liebeskummer-Buch „Elefant auf der Brust“ ist unter den 25 schönsten deutschen Büchern 2021.

Buch
Lucia Zamolo: Jeden Tag Spaghetti. Bohem-Verlag. 128 Seiten. 16 Euro. Ab 12

Zielgruppe
„Jeden Tag Spaghetti“ hat Lucia Zamolo für Menschen jeden Alters geschrieben. „Auch Kinder können das Buch lesen. Viele im jungen Alter sehen sich bestimmt in der Person der Lucia. Und andere Kinder werden für das Problem sensibilisiert und die Woher-Frage verfestigt sich in ihnen erst gar nicht“, hofft die Autorin.

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