Neues Dorfmuseum in Deizisau Die Heimatgeschichte hat jetzt ein Dach über dem Kopf

In der Ausstellung ist unter anderem das Schlafzimmer von Hilde Clauß, der Schwester von Martha Clauß, der das Gebäude zuletzt gehörte, zu sehen. Foto: /Andreas Kaier

Was ist eigentlich Heimat? Die Antwort gibt es jetzt in Deizisau. Zumindest will der Heimatverein zum Nachdenken darüber anregen. Dass das alte Bauernhaus in der Neckarstraße zu einem Ausstellungsort werden konnte, ist ein Glücksfall für den Ort.

Es scheint, als ob die Zeit stehen geblieben sei. Alte grobschlächtige Landmaschinen lassen vermuten, wie schwer das bäuerliche Leben früher einmal gewesen sein muss. Vergilbte Bilder an den Wänden und alltägliche Gegenstände wie Bügeleisen, Kochtöpfe und Werkzeuge erinnern an die Menschen früherer Zeiten und an ihren täglichen Kampf ums Überleben. Im liebevoll hergerichteten Schweinestall grunzt es aus kleinen Lautsprechern und im Kuhstall muht es. Wer das neue Dorfmuseum an der Neckarstraße 1 in Deizisau besucht, erfährt viel über die vergangenen Zeiten und das schwierige Leben der Bewohner, die früher einmal in diesem Haus lebten und in der Scheune arbeiteten.

 

Ab September ist das Museum einmal monatlich geöffnet

Am Samstag, 1. Juli, öffnet das von Mitgliedern des Deizisauer Heimatvereins in den vergangenen drei Jahren konzipierte und weitgehend in Eigenleistung aufgebaute Dorfmuseum offiziell für Besucher seine Pforten. Ab 14 Uhr kann die Ausstellung in der Scheune besichtigt werden und auf Wunsch gibt es für besonders neugierige Besucherinnen und Besucher Führungen. Ab September kann das Museum dann einmal im Monat immer sonntags besichtigt werden – oder für Gruppen auch nach Absprache.

Feierlich eröffnet wurde das Museum bereits am Dienstagabend von Franz Bingel, dem Vorsitzenden des Heimatvereins, und von Bürgermeister Thomas Matrohs. Bevor die geladenen Gäste durch die Ausstellung streifen durften, hatten die beiden gemeinsam den Schriftzug „Dorfmuseum – Heimatverein Deizisau“ an der Fassade des Gebäudes enthüllt. „Ich bin begeistert von dem, was Franz Bingel und sein Team geleistet haben“, zeigte sich Matrohs von dem neuen Museum sehr angetan. Das letzte im Ort erhaltene Bauernhaus gehörte bis vor kurzem noch der betagten Deizisauerin Martha Clauß. Die hatte vor einigen Jahren der Gemeinde ihr 1891 erbautes und danach immer wieder erweitertes Elternhaus nebst Scheunen und großem Garten an der Neckarstraße 1 zum Kauf angeboten mit der Bedingung, dass in Deizisau ein Heimatverein gegründet und in ihrem Wohnhaus an das bäuerliche Leben im Ort erinnert wird. Alles wurde notariell abgemacht. Als Martha Clauß, die zuletzt im benachbarten Quartiershaus Palmscher Garten lebte, im vergangenen Sommer im Alter von 94 Jahren starb, nutzte die Gemeinde das Vorkaufsrecht und erwarb das Anwesen. Ihr Einverständnis für das Dorfmuseum hatte sie schon früher, nach der Gründung des Deizisauer Heimatvereins im Jahr 2020, gegeben.

Ehrenamtliche stecken 5000 Stunden Arbeit in das Bauernhaus

Der Vereinsvorsitzende Franz Bingel bedankte sich während der kleinen Eröffnungsfeier bei seinen Leuten für deren Engagement. Die haben seit August 2020 bei rund 250 Arbeitstreffen mehr als 5000 Arbeitsstunden in das Dorfmuseum gesteckt. Es sei für alle ein „sehr anstrengender Weg“ gewesen. „Die meisten Arbeiten konnten wir selbst erledigen“, sagte Bingel. Dort, wo etwas nicht selbst gemacht werden konnte, sprangen befreundete Fachleute ein und griffen dem Heimatverein unter die Arme, etwa beim Bau und Einbau stabiler Stahltreppen oder beim Herrichten des geschotterten Innenhofs, wo die Besucherinnen und Besucher bei schönem Wetter an Bierbänken Kaffee und Kuchen oder erfrischende Getränke genießen können. „Anfangs haben wir einmal in der Woche gearbeitet, dann zwei Mal und seit einigen Wochen täglich“, sagte Bingel und bezifferte den Wert der geleisteten Arbeitsstunden auf rund 80 000 Euro.

Viele Exponate stammen aus dem 18. Jahrhundert

Eine zentrale Rolle spielen in der Ausstellung die rund 1000 historischen Objekte, die der Heimatverein in den vergangenen Jahren von Deizisauern als Spende erhalten hat. Viele davon stammen laut Bingel aus dem 18. Jahrhundert. „Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass wir mit den Sachen sorgsam umgehen“, versicherte er noch einmal den Spendern. Ein Großteil davon ist in der Dauerausstellung zu sehen. „Alle Gegenstände haben ihre eigene Geschichte und diese Geschichte lebt in den Gegenständen“, sagte der Vorsitzende des Heimatvereins.

Was bedeutet eigentlich Heimat?

Für Bürgermeister Thomas Matrohs gibt das Museum Impulse zur Beantwortung der Frage, was Heimat für jeden einzelnen bedeutet. Die Ausstellung mache neugierig auf das, was war und auf das, was sein wird. Im Hinblick auf die nähere Zukunft haben Vereinschef Bingel und sein Stellvertreter Horst Hermann klare Vorstellungen. Als nächstes wollen sie sich mit ihrem Team um die Gestaltung des Gartens kümmern und die beiden Scheunen im Außenbereich sanieren.

Von der Vergangenheit in die Gegenwart

Exponate
Das neue Deizisauer Dorfmuseum zeigt auf mehreren Ebenen Exponate, die an das bäuerliche Leben früherer Zeiten erinnern. Nach dem Eingang gelangen die Besucher ebenerdig in die Stallungen, in die Waschküche und zum Zugang in den Innenhof und in den Garten. Innentreppen führen über eine Zwischenebene hinauf in die so „Dreschwunderebene“, wo unter anderem die mehr als 70 Jahre alte Maschine „Dreschwunder“ bestaunt werden kann. Schautafeln informieren über das Leben der Menschen zu verschiedenen Zeiten.

Gegenwartskultur
Der Heimatverein möchte mit dem Museum auch einen Beitrag leisten, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deizisauer zu fördern. Zudem unterstützen die Mitglieder die Erforschung der Ortsgeschichte und setzen sich auch mit der Gegenwartskultur auseinander. Mit Ausstellungen und Vorträgen soll das Museum weiterentwickelt werden.

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