Neues Esslinger Landratsamt Spitzenkunst im Neubau – „ERLEDIGT“-Schriftzug im Foyer begrüßt Besucher

Tobias Rehbergers Rauminstallation erfüllt das Foyer des neuen Landratsamts mit Farben, Formen, Schrift und Zeichen. Foto: Roberto Bulgrin

Abstrakte Kunst wird lesbar: Tobias Rehbergers Alphabet-Wandbilder im Foyer des neuen Esslinger Landratsamts sind ein ästhetisches Erlebnis – und eine Bürokratie-Satire.

Wenn das mal nicht zu viel versprochen ist: Ein leuchtend roter Schriftzug mit dem Wort „ERLEDIGT“ begrüßt Besucherinnen und Besucher im neuen Esslinger Landratsamt gleich im Foyer – noch vor jedem Büro- und Formularkontakt. Der Künstler Tobias Rehberger hat das signalhafte Signet geschaffen. Dass ihm dabei ein kleiner Schalk im Nacken saß, räumt er unumwunden ein bei der Eröffnungsvernissage seiner Rauminstallation in dem Behördenneubau in den Esslinger Pulverwiesen.

 

Tobias Rehberger, in Esslingen geboren, ist ein Künstler der Weltklasse, seine Kunst im Esslinger Neubau „Weltspitze“. Sagt Landrat Marcel Musolf. Und damit zumindest verspricht er keineswegs zu viel. Denn auch wenn rote Buchstaben nicht immer und nicht alle über die auf ihren vier Buchstaben abgesessene Wartezeiten trösten: Esslingen hat jetzt das wahrscheinlich ansprechendste Landratsamtsfoyer der Republik.

Fantastische Sinfonie der Farben und Formen

Wortwörtlich angesprochen wird man nicht nur von der ästhetischen Anmutung der wand- und luftraumfüllenden dreiteiligen Arbeit. Sondern von ihren Schriftzeichen. Die allerdings nicht immer so einfach zu erledigen sind wie im „Erledigt“-Fall. Ein Alphabet in Rehbergers eigens entworfener Typografie ziert in bunter Schönheit die Wände, sträubt sich aber gegen die schnelle Entzifferung. Wer sich auf sie nicht einlässt, erlebt immerhin die fantastische Farb- und Formsinfonie einer vielgestaltigen abstrakten Kunst, die den jovialen Zugriff auf Kunstgeschichte nicht scheut und doch stets Rehberger bleibt. Hypnotische Farbkreise à la Orphismus, altmeisterliche Raumperspektiven und Modelle des Grafikdesigns treffen sich mit den lebhaften Erfindungen eines zugleich spontanen, konstruktiven und der Betrachtung zugewandten Stils. 3-D-Effekte und Zebramuster, vielfach variierte Farbskalen oder wiederkehrende Merkmale wie die Keile, die in homogene Flächen eindringen, fügen sich zu einer faszinierend polyphonen, aber souverän balancierten Bildwelt.

Der Künstler Tobias Rehberger (links, mit Landrat Marcel Musolf) erläutert seine Arbeit. Foto: Roberto Bulgrin

Der Kunstexperte Tobias Wall wies mit gutem Grund auf die regionale Tradition konkreter Kunst hin, die Rehberger undogmatisch aufgreift und weiterführt. Beispielhaft für jene Kunst des geometrischen Kalküls nannte Wall den 1998 in Esslingen gestorbenen Maler und Grafikdesigner Anton Stankowski.

Im Gespräch mit Wall erläuterte Rehberger auch, was seine abstrakte Kunst lesbar macht: das redliche Bemühen, die Buchstaben zu erkennen. Kunst darf und muss auch etwas fordern von denen, die sie wahrnehmen und nicht nur angucken wollen. Landrat Musolf drückte es treffend aus: „In kindlicher Neugier lernt man ein neues Alphabet.“ Esslinger Behördengänge erschaffen künftig erwachsene ABC-Schützen.

Das Landratsamt ist das Landratsamt

Was sie nach erreichtem Lernerfolg zu lesen bekommen, führt freilich zurück in die Abstraktion, allerdings jene der Verwaltung, nicht der Kunst. Behördensprachliche Abkürzungen sind als sinnleere Botschaft zu entschlüsseln: „BETR“. „USW“, „UA“ und andere. Das großformatige „LRAES“ (so auch der Werktitel) ist dabei verhältnismäßig aussagekräftig, aber nur als tautologischer Jux: Das Landratsamt Esslingen ist das Landratsamt Esslingen.

„LRAES“: In Rehbergers abstrakter Malerei lässt sich die Abkürzung für Landratsamt Esslingen entziffern. Foto: Roberto Bulgrin

Derart dechiffriert offenbart sich Rehbergers künstlerische Intervention als Bürokratiesatire. Dazu passt eine von Musolf geschilderte Anekdote aus der Bauzeit. Als Mitarbeiter der Baufirma Züblin einzelne Vorgaben des Künstlers als nicht realisierbar zurückwiesen, sagte dieser: „Ihr Nein ist nicht mein Nein.“ Und dann ging’s doch. Empfiehlt sich vielleicht auch für manche Behördengänge.

Der Starkünstler ist nachhaltig geprägt von seiner Esslinger Heimat

In einem Kurzfilm seines Bruder Chris Rehberger zur Entstehung des Landratsamt-Kunstwerks erklärt der in Frankfurt und Berlin lebende, in der ganzen Welt ausgestellte Tobias Rehberger seine gelegentlichen Gastspiele in der alten Heimat mit nachhaltiger Verwurzelung: „Kulturtechniken wie Spätzle oder der schwäbische Dialekt prägen einen dann doch.“ Einen leisen Widerhall findet diese Prägung im dritten Teil der Installation. Schwebend vor der umlaufenden Galerie des Foyerraums teilt sie in leuchtend weißen, diesmal konventionellen Versalien mit: „DORT DER AKTENFLUSS, HIER DAS UFER.“ Ob es das rettende ist oder das des heimischen Neckars, bleibt offen und macht vielleicht gar keinen Unterschied. Blickt man von der Galerie auf das Kunst-Ensemble und zum nahen Fluss durch die Fensterfront, in der sich nachts die Leuchtbuchstaben vielfach spiegeln, scheint alles Bürokratische und Satirische aufgehoben in Utopischem, das laut Ernst Bloch nur ein stets neu zu findendes Ziel hat: Heimat.

Kunst im Neubau

Budget
Ex-Landrat Heinz Eininger hat das Rehberger-Projekt für den Landratsamt-Neubau angestoßen, sein Nachfolger Marcel Musolf setzte es fort. Daran erinnerte bei der Eröffnung Christian Greber, der Leiter des Amts für allgemeine Kreisangelegenheiten. Eininger wie Musolf setzten sich für das Kunst-am-Bau-Budget von 1,5 Millionen Euro ein: 400 000 Euro für das Rehberger-Projekt, 350 000 Euro für weitere Kunst-Ausstattung, der Rest für Kunstprojekte der Jahre 2026 bis 2028. Bisher wurde der Zeit- und Kostenrahmen laut Musolf eingehalten.

Ausstellungen
Zu den weiteren Projekten zählen Greber zufolge Wechselausstellungen auf der Galerie, wo die Werke in Dialog mit der Rehberger-Installation treten. Auf Werner Fohrer folgen Holzschnitte von Matthias Mansen und Arbeiten des Wettbewerbssiegers für die Kunstausstattung des Landratsamt-Innenhofs. Die Belegschaft kürt die Gewinnerin oder den Gewinner, drei Künstlerinnen oder Künstler sind noch im Rennen.

App
Das Rehberger-Alphabet kann auf der App https://trilg.app selbst angewandt werden. Die App kommt demnächst in die Appstores.

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