Abgrenzung zum Zwiebelfest
Oliver Brehmer etwa freut sich über den Neuanfang. Es sei Zeit für frischen Wind in der Esslinger Festleslandschaft – auch als Abgrenzung und in Distanzierung zum „Zwiebelfest“. Die Übernahme der Organisation durch die Stadt sei zu begrüßen, denn es sei nicht mehr zeitgemäß, dass ein „Fest dieser Größenordnung privat betrieben“ werde. Die Streitereien unter den Organisatoren und Veranstaltern hätten die Gäste des „Zwiebelfests“ nur noch angenervt: Er sei mit seiner Weinstube Eißele zunächst Teilnehmender am „Zwiebelfest“ gewesen, sei dann aber ohne jeden Grund „rausgeboxt“ worden. Als Anlass dafür könne er sich nur „den Neidfaktor“ vorstellen. Das „Estival“ setze in seiner Neukonzeptionierung auch auf ein breites kulinarisches Angebot, und würde sich damit positiv vom „Zwiebelfest“ abheben. Denn dort habe es an jedem Stand „Rostbraten und Maultaschen“ gegeben: „Das Zwiebelfest hat niemanden mehr vom Hocker gerissen. Auch das Erscheinungsbild war gewöhnungsbedürftig.“ Die Stände und Lauben seien nach der langen Nutzungsdauer in die Jahre gekommen.
Gäste und Besucher hätten eine Neuausrichtung gewollt. An dem „Estival“-Konzept gefällt Oliver Brehmer auch, dass es neben den Lauben Sitzgelegenheiten ohne Bewirtschaftung geben soll. Eine Beeinträchtigung durch die Pandemie fürchtet er nicht: „2022 ist Corona abgehakt.“
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Das „Estival“ ersetzt das „Zwiebelfest“
Frank Jehle, Mitorganisator und langjähriger Geschäftsführer der Zwiebelfestgesellschaft, wollte sich auf Nachfrage nicht zu dem geplanten Neuanfang des Sommerfests äußern, doch viele andere Gastronomen beurteilen den Restart positiv. Christian List zum Beispiel wird vom Strudel des „Estival“-Hypes mitgerissen: „Das Konzept könnte man noch viel weiter ausbauen, damit das neue Sommerfest wirklich zu einem Estival-Festival wird“. Denkbar wären neben dem Topact auf dem Marktplatz Aktionen, Führungen und Angebote in den einzelnen Restaurants und Gastronomiebetrieben. Allerdings, so bremst er sich selbst aus, sei diese Ausweitung natürlich wegen der kurzen Vorlaufzeit nicht schon bei der Premiere im kommenden Jahr zu leisten. Aber in den Jahren danach könnte das große Potenzial des „Estivals“ noch mehr ausgeschöpft werden. Auch der geplante Festaufbau mit einer Verlegung der optisch wenig attraktiven Versorgungsstationen in die Mitte gefällt ihm: „Das ist wie eine Wagenburg im Innern.“
Mitarbeitermangel in der Gastronomie
Der Aufbruch zu neuen Festufern ist auch nach Ansicht von Annette Currle mit dem „Estival-Konzept“ gelungen: „Das trifft den Zeitgeist. Das gibt es sonst nirgends. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal für Esslingen“, sagt die Gastronomin. Durch die Mischung aus Kultur, Events und Erlebnis würden den Besuchern viele „Leuchttürme“ geboten, die über die Stadt hinaus strahlten. Überzeugt ist auch Fotios Anastasiou vom Namen und der Struktur des „Estivals“. Das „Zwiebelfest“ sei am Ende nicht mehr so „glamourös“ gewesen, und mit dem 2019 als Zwischenlösung veranstalteten „Esslinger Sommer“ habe man gute Erfahrungen gemacht. Er werde sich auf jeden Fall um eine Teilnahme beim neuen Sommerfest bewerben. Vorausgesetzt er finde dafür das nötige Servicepersonal. Aushilfen seien nach den Lockdowns aufgrund der unsicheren Perspektiven schwer zu finden, viele Mitarbeitende der Gastronomie seien in andere Branchen mit attraktiveren Arbeitszeiten und Löhnen abgewandert.
Eine Weiterentwicklung des Zwiebelfests
Das „Zwiebelfest“ sei natürlich eine Institution mit Tradition gewesen, meint Christopher Baur von Kessler Sekt als einer der Sponsoren des „Estivals“: „Natürlich kann man dieser Tradition nachtrauern. Aber das neue Sommerfest richtet sich nicht gegen das Zwiebelfest, sondern ist eine Weiterentwicklung.“ Bei Salvatore Marrazzo löst die „Estival“-Idee Freudenstürme aus: „Ich bin restlos begeistert“, schwärmt der Wirt. So hält er die Ausweitung der Festdauer von elf auf 13 Tage für eine sinnvolle Idee. Das „Zwiebelfest“ gehöre in eine andere Zeit, eine Kehrtwendung sei dringend notwendig geworden, und es sei richtig, dass das neue sommerliche Event von der Stadt Esslingen organisiert werde: „So ist es offen für alle Gastronomen.“
Das „Estival“ und seine Vorgänger
Das Zwiebelfest
Die Sommersause wurde 32 Mal auf dem Esslinger Marktplatz als „Hocketse“ veranstaltet. 2018 ging die Veranstaltung nach Querelen um die Teilnahmebedingungen, nachlassender Besucherresonanz sowie Kritik an Konzept und dem engen Zirkel der Veranstaltenden zum letzten Mal über die Bühne.
Neues Fest
Als Ersatz für das „Zwiebelfest“ organisierten verschiedene Esslinger Wirte 2019 den „Esslinger Sommer“. Weitere Veranstaltungen mussten wegen der Pandemie abgesagt werden. Auch das eigentlich für dieses Jahr geplante Debüt des „Estivals Esslingen“ fiel der Pandemie zum Opfer. Start ist nun 2022.
Das „Estival“
Das neue Sommerfest soll von Freitag, 29. Juli, bis Mittwoch, 10. August 2022, auf dem Marktplatz über die Bühne gehen. An 13 Tagen ist täglich von 11.30 bis 23 Uhr sowie an den Wochenenden bis 24 Uhr ein Mix aus Kulturveranstaltungen, hochwertigen kulinarischen Angeboten und Geselligkeit geplant.