Neues Hospiz in Böblingen Wo gelacht, geweint und gestorben wird

In den Zimmern mit Blick in den ruhigen Innenhof werden Menschen auf ihrem letzten Weg betreut. Foto: Stefanie Schlecht

Mitten zwischen Bahnhof, Busbahnhof und Wohnhäusern hat das Hospiz in Böblingen eröffnet. Bis zu acht Menschen werden hier von nun an in den Tod begleitet. Der Standort hat gute Gründe.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Seit 2018 wurde geplant und diskutiert, vor allem über Finanzierung und Standort. Ende 2020 stand der Betreiber fest, im Frühjahr 2023 erfolgte der Baustart -nun ist es endlich da, das neue Hospiz der Region Böblingen-Sindelfingen. Seit Dienstag stehen seine Türen an der Ecke Talstraße/Karlstraße in Böblingen offen. In der Sterbeeinrichtung der St. Elisabeth-Stiftung sollen bis zu acht Menschen ihre letzten Lebenstage verbringen. Sie sind unheilbar krank, haben ihre Therapien abgeschlossen und sehen dem Tod ins Auge.

 

Zwischen 15 und 25 Mitarbeitende mit möglichst spezieller Weiterbildung in der Palliativpflege werden die Bewohner auf Zeit begleiten. Die Leitung hat der Pflegewissenschaftler Patrick Schlecht inne. Der erste Gast wird noch im Juli in die neuen Räumlichkeiten zwischen Bahnhof, Busbahnhof, dem Postareal und den angrenzenden Wohngebäuden in der Karlstraße einziehen. Auch bei diesem ersten Sterbenden ist keine Hoffnung auf eine Genesung mehr vorhanden. Die letzte Reise hat begonnen, in Böblingen wird sie enden. Das gilt auch für die drei nächsten, die für diesen Monat angemeldet sind.

Hospize sind Orte voller Leben und Menschlichkeit

Die Sterbebegleitung soll in aller Würde und mit Lebensfreude gestaltet sein, wie die Vorstandssprecherin der St. Elisabeth-Stiftung, Andrea Thiele, bei der feierlichen Eröffnung betont. Dabei erzählt Thiele von einer Geschichte, die symbolhaft für das Hospiz als Ort des Lebens stehe: „Ein Gast kämpfte neun Jahre gegen den Krebs. Dann zog er nach Nagold ins Hospiz. Dort heiratete er vor vielen Hochzeitsgästen standesamtlich kurz vor seinem Tod seine langjährige Partnerin. Sogar ein Lkw wurde als Hommage an sein Leben als Fernfahrer in das Hospiz gefahren.“ Die freudvolle und zugleich traurige Anekdote sei nur eine von vielen Geschichten voller Emotionen, die sich regelmäßig in Hospizen der oberschwäbischen Stiftung zutragen würden.

Andrea Thiele, Vorständin der St. Elisabeth-Stiftung. Foto: Eibner-Pressefoto

Auch im 20-Millionen-Euro-Neubau, den die Böblinger Baugesellschaft BBG übernommen hat, wird es solche bittersüßen Momente geben. Dass das Sterben nicht am Stadtrand, sondern inmitten der lebhaften und verkehrsträchtigen Innenstadt Böblingens stattfinden wird, hat mehrere Gründe. Einen davon nennt einer der Eröffnungsredner, Böblingens Oberbürgermeister Stefan Belz: „Die alte, aber barrierefreie Villa mit Bäumen wie in einem Park gibt es im Zentrum Böblingens nicht. Der Grundstücksmarkt ist leergefegt. Es musste also eine andere Lösung her. Und die wurde gefunden mit dem jetzigen Standort.“

Ein weiteres Motiv für die Ansiedlung eines Hospizes im Stadtzentrum ist von symbolischer Natur. „Wir sind es nicht mehr gewohnt, den Tod in unserer Mitte zu haben. Wir verdrängen Tod und Sterben. Das soll sich ändern. Das Sterben muss zurück in die Mitte der Gesellschaft, weg vom Rand hin zu den Orten mit Menschen“, erklärt Andrea Thiele die Entscheidung, die in Böblingen alles andere als ein Selbstläufer war.

Die symbolische Schlüsselübergabe mit Rainer Ganske von der BBG (links), Andrea Thiele und Patrick Schlecht. Foto: Stefanie Schlecht

Angebot passt sich individuellen Bedürfnissen an

Kritiker hatten anfangs moniert, dass an diesem Standort die Sterbenden ihre letzten Tage und Wochen nahe einer viel befahrenen Straße, nahe der Gleise und Bushaltestellen verbringen würden – und nicht naturnah und zurückgezogen. Doch diese Gegenreden waren zuletzt abgeklungen. Das sei auch das Verdienst des Hospizvereins gewesen, wie die Oberbürgermeister der beiden Städte betonen. Hospizleiter Patrick Schlecht sieht die Sorge von fehlender Diskretion nach der Fertigstellung des Baus noch weniger gegeben: „Hier wird beides garantiert: Ein stilles Sterben in schalldichten Räumen und das Angebot, aber auch mitten in der Stadt zu sein, vielleicht auch noch mal ein Eis essen zu gehen.“ Skepsis von Nachbarn, die teils Wand an Wand mit den Sterbenden leben werden, habe er im Austausch nicht erfahren.

Wie sich das Hospiz wirtschaftlich trägt, müssen die kommenden Jahre zeigen. Klar ist: Die Krankenkassen übernehmen 95 Prozent der Kosten, die restlichen fünf Prozent müssen Spenden einspielen. Sollten diese Zuwendungen nicht ausreichend sein, decken die Städte Böblingen und Sindelfingen, der Landkreis, die Kirchen und der Hospizverein den jährlichen Abmangel von circa 150 000 Euro. Nicht nur weil die St. Elisabeth-Stiftung als nicht-gewinnorientierte Organisation mit dem Betreiben des Hospizes in Vorleistung geht, sondern auch weil die Themen Sterben und Tod vermehrt ins Blickfeld rücken sollen, wollen Verantwortliche und Ehrenamtliche künftig viel Präsenz zeigen.

In Böblingen hätten sie dafür kaum einen zentraleren Ort finden können.

Hospiz inmitten der Stadt

Eröffnung
Ab Juli werden die ersten Gäste einziehen. Für Weitergereiste wird es ein Angehörigenzimmer mit Bett, für Momente des Innehaltens, Betens, Trauerns und Abschiednehmen ein Raum der Stille. Dieser wurde gestaltet von Sabina Hunger und geweiht von Vertretern verschiedener Religionen, darunter den beiden christlichen Kirchen, Judentum, Islam, der Bahai und Hindus.

Tag der offenen Tür
Am Samstag, 5. Juli kann das neue Hospiz von interessierten Bürgern von 13 bis 18 Uhr angeschaut werden.

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