Die Zukunft ist weiblich: Wie der auf einer Frauendemo geäußerte Wunsch aussehen könnte, beschreibt der Jugendbuchautor Tobias Elsäßer in „Matria“. Foto: Peter Andreas, Imago/Panama Pictures
„Matria“, das neue Jugendbuch des Stuttgarter Autors Tobias Elsäßer, spielt in einem friedlichen Frauenstaat. Jungs müssen in einer Prüfung beweisen, dass sie keine Gefahr darstellen.
Der Stuttgarter Jugendbuchautor Tobias Elsäßer hat für seinen neuen Roman ein ungewöhnliches Setting gewählt: Die Welt wird von männlicher Gewalt beherrscht, nur eine kleine, von Frauen regierte Zone leistet sich ein friedliches Zusammenleben. „Matria“ ist zugleich Titel und Ort des neuen Buchs. Die Söhne dort sind als Sicherheitsrisiko permanenter Kontrolle ausgesetzt, als Jugendliche müssen sie ihr Bleiberecht in einem Camp unter Beweis stellen. Elsäßers Protagonist Elias gerät bei diesem Test in einen Strudel der Gewalt und der Selbstzweifel.
Herr Elsäßer, Sie schreiben im Nachwort von „Matria“, dass Sie selbst Opfer eines gewalttätigen Vaters waren. Warum war jetzt die Zeit reif für diesen Roman?
In meinen Büchern taucht das Thema immer wieder am Rand auf. Ich habe mich aber bislang nicht getraut, so offen darüber zu schreiben. Dass mein Vater seit fünf Jahren tot ist, macht sicherlich einen Unterschied. Ich bin mit einem konservativen Männerbild aufgewachsen, in dem Stärke und Erfolg an erster Stelle standen. Das hat mich schon als junger Leistungssporter abgeschreckt. Ich mochte Handball als Sport, aber ich mochte nicht die Gespräche in der Kabine oder auf der Fahrt.
Hat sich aus Ihrer Sicht nichts zum Positiven entwickelt?
Nein, es hat sich kaum etwas verändert, obwohl wir so viel über Emanzipation und Feminismus gesprochen haben. Ich bin viel an Schulen unterwegs, spiele mit erwachsenen Männern Fußball und bin immer wieder geschockt, wie Männlichkeit immer noch als Überlegenheit und Macht gefeiert wird. Mit Beginn des Ukraine-Kriegs hat sich mir dann die Frage gestellt, was dieser Krieg mit Vätern und ihren Kindern macht. Mein größter Wunsch als Kind war, stärker als mein Vater zu werden, um meine Mutter zu beschützen. Aus dem allem habe ich versucht, eine fiktive Geschichte zu machen und das Verständnis von Männlichkeit neu zu beleuchten.
Tobias Elsäßer: Matria. Eine Stadt. Eine Prüfung. Ein Schicksal.
Thienemann-Verlag.
240 Seiten. 16 Euro. Ab 14 Jahren
Sie beschreiben in „Matria“ mit Humor, wie ein Mädchen ganz selbstverständlich bei einem Date die Initiative ergreift. Wie fühlt sich das an beim Schreiben – als Zukunftsvision?
Nein, für mich war das Realität, ich wusste als Junge nicht, wie man mit Mädchen umgeht. Mein Vater hatte mir vorgelebt: Ich kriege alle Frauen; viele hat sein Charme und seine Macht tatsächlich angesprochen. Ich dachte lange, dass der Stärkste das hübscheste Mädchen bekommt, und hatte keine Ahnung, wie man sich einem Mädchen nähert. Elias ist in „Matria“ umgeben von Frauen, die vor männlicher Gewalt geflüchtet sind, und weiß: Männer sind in ihren Augen potenziell gefährlich, er darf es auf keinen Fall sein. Deshalb beobachtet er sich viel genauer als ein normaler Jugendlicher, wenn es um die Anbahnung einer Beziehung geht.
Wenn Sie sich aus diesem Zukunftsort etwas herbeiwünschen würden, was wäre das „Matria“-Tool, das Zusammenleben verbessern könnte?
Empathie, sich in jemand anderen hineindenken zu können! Daran müssen wir arbeiten, dass wir Jungs Empathie als Stärke vermitteln und nicht als Schwäche. Wenn man diese Gabe hat, fängt man keine Kriege an, dann wird Männlichkeit zu Menschlichkeit. Ich wurde schon früh gefragt, warum ich so sensible Männerfiguren erfinde. Aber ich beobachte die Welt und sehe leider bei allem, was männlich konnotiert ist, sei es Wirtschaft oder Kapitalismus: Der Mann hat kläglich versagt. Die Rettung der Welt wird sein, dass Frauen an die Macht kommen. Trump, Putin, Epstein: alles, was aufgedeckt wird, zeigt mir, dass der Mann seine Chance vertan hat. Es gelingt ihm nicht, Verantwortung für eine Gesellschaft zu übernehmen, die zusammenhält.
Elias ist so ein netter Typ, einfühlsam, ein Träumer. Im Matria-Camp braucht es allerdings nur wenige Reize, um ihn in einen Schläger zu verwandeln. Das macht wenig Hoffnung. Sind heranwachsende Männer tickende Zeitbomben?
Nein, ich würde Elias nicht als Zeitbombe aufgrund seines Geschlechts sehen. Die Matria will etwas Gutes, nämlich Frauen schützen. Statistisch gibt es dort nur einen sehr kleinen Anteil von Männern, die gewalttätig werden. Trotzdem stehen alle wegen ihres Geschlechts unter Verdacht, werden beobachtet und geprüft. Bei Elias gibt es gegen dieses Begrenzen seiner Freiheit und dieses Misstrauen von Beginn an unterdrückte Wut. In der besagten Kampfszene bricht sie offen aus ihm heraus. Für mich war wichtig, dass er an diese Grenze geführt wird. Und ich wollte zudem zeigen, dass ein geschlossenes System wie die Matria auch Fehler macht.
Sie bezeichnen Ihren Roman als „Femtopie“. Eine Gemeinschaft, die vor allem aus Mädchen und Frauen besteht - eher Utopie oder Dystopie?
Ich wollte etwas zwischen den beiden, so kam ich auf den Begriff „Femtopie“. „Matria“ ist keine klassische Dystopie wie „Die Tribute von Panem“, in diesen gibt es eine klare Abgrenzung von Gut und Böse, Unterdrückung, ein autoritäres System mit einer kleinen Elite. Das alles will die Matria ja nicht, aber trotzdem geht sie einen Schritt zu weit.
Sie haben in „Matria“ einen für Frauen und Mädchen guten Ort ausgestaltet. Wie ist es, nach dem Schreiben wieder auf die Gegenwart zu schauen?
Das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen ist riesig, die Zahl von Femiziden und häuslicher Gewalt nimmt zu. Mein Blick geht auch auf die Kinder, die davon betroffen sind. Das hat sicherlich mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Wir standen mehrmals mit gepackten Koffern vor der Tür, haben den entscheidenden Schritt aber nicht getan, was ich meiner Mutter oft vorgeworfen habe. Der Blick auf die Gegenwart tut da schon weh, weil alles so weiterläuft und ich keine Besserung sehe.
Als Autor von Kinder- und Jugendbüchern leben Sie ja in einer Art Matria; das Verlagswesen ist in diesem Bereich sehr weiblich aufgestellt. Wie fühlen Sie sich da?
Ich fühle mich sehr wohl und finde es schade, dass viele Jungen und Männer immer noch nicht gelernt haben, offen über ihre Emotionen zu reden. Und dieses Unvermögen wird immer so weitergegeben. Wir müssen das Bild hinter uns lassen, dass Männlichkeit etwas mit Härte, Abwertung oder Statussymbolen zu tun hat. Ich wünsche mir mehr prominente Männer, die ihre Reichweite nutzen um Jungs das zu zeigen.
Von der Boygroup auf die Literaturbühne
Termin Tobias Elsäßer stellt „Matria. Eine Stadt. Eine Prüfung. Ein Schicksal “ bei einer Lesung in der Reihe „Klasse(n)bücher – Lesungen für Schulklassen“ am 26. Februar um 9.30 Uhr im Literaturhaus vor.
Buch Tobias Elsäßer: Matria. Eine Stadt. Eine Prüfung. Ein Schicksal. Thienemann-Verlag. 240 Seiten. 16 Euro. Ab 14 Jahren