Neues Kinderbuch Sigrid Klausmann lädt zur Weltreise auf 16 Schulwegen

Cynthia (rechts) lebt in Burundi in großer Armut – und hat große Pläne: Sie will Abitur machen und ins Parlament: „Nur so kann ich etwas verändern“, hat sie der Filmemacherin und Autorin Sigrid Klausmann anvertraut. Foto: Schneegans Productions, Gemini Film/ 19/9 kleine Held*innen

Die Stuttgarter Regisseurin Sigrid Klausmann hat aus ihrem Dokufilmprojekt „199 kleine Held*innen“ ein Kinderbuch gemacht. „Ich wünsch mir die Welt“ öffnet Türen in andere Lebensrealitäten.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Wie kommen die Kinder dieser Welt zur Schule? Die meisten sind auf ihre Füße angewiesen wie Annalena aus dem Schwarzwald. Zum Glück kennt die Neunjährige eine Abkürzung, die sie von ihrem einsam gelegenen Elternhaus schneller zum Bus ins Tal bringt. Ekhlas aus Jordanien hat auch Glück, ihr „Schulbus“ ist ein Esel. Aber weil sie mit jüngeren Geschwistern unterwegs ist und der Esel immer nur zwei von ihnen tragen kann, läuft auch die Zwölfjährige viel, eine Stunde dauert ihr Weg über wüstenartige Berge.

 

Wer läuft, kann besser denken. Um Sorgen und Ängste, Wünsche, Hoffnungen kreisen die Gedanken, die Kinder im Dokuprojekt „199 kleine Held*innen“ mit der Stuttgarter Filmemacherin Sigrid Klausmann auf ihrem Schulweg teilen. Für die einzelnen Filmepisoden ist sie mit ihrem Regieteam seit zwölf Jahren unterwegs, 37 Kinder aus 35 Ländern auf allen Kontinenten haben bereits erzählt, wie sie leben. Einblicke vermitteln die interaktive Internetseite www.199kleinehelden.org, der Kinofilm „Nicht ohne uns!“ sowie das Buch „Open Your Heart“, dessen Verkaufserlös komplett in das Projekt fließt. Zudem hat es den Karibu-Verlag auf „199 kleine Held*innen“ aufmerksam gemacht. Der ermöglicht nun mit seinem Kinderbuch „Ich wünsche mir die Welt“ einem jungen Lesepublikum eine ungewöhnliche Weltreise: Auf ihr begegnet man nicht nur Annalena und Ekhlas, sondern insgesamt 16 Kindern aus fast ebenso vielen Ländern, zwischen acht und 13 Jahren sind sie alt.

Weltreise in 16 Schulwegen

Sigrid Klausmann Foto: PR/privat

Einfühlsam und leicht lesbar hat Sigrid Klausmann die Filmbeiträge zu jeweils vierseitigen Porträts zusammengefasst; auch mithilfe vieler Fotos öffnen sich Türen zu neuen Welten. Da ist zum Beispiel Cynthia aus Burundi, die Wasserkanister schleppen muss, bevor sie zur Schule aufbricht. Das Leben im ärmsten Teil eines der ärmsten Länder sei nicht einfach, sagt die Zwölfjährige, aber auch: „Eigentlich ist es hier wunderschön, die Natur ist voller Farben und Klänge . . .“ Es gehe nicht darum, auf Armut zu fokussieren, erläutert Klausmann die Idee hinter „199 kleine Held*innen“. „Wir möchten die Welt und die Gegenden, in denen Kinder leben, möglichst breit und quer durch alle Schichten abbilden“, betont die Autorin und: „Über den Schulweg können wir auch von der Schönheit der Welt erzählen.“

Armut steht nicht im Fokus

Fragil wie diese ist das Leben in Armut; für viele Kinder ist es leider Alltag. Klausmann verfolgt den Weg mancher der Porträtierten weiter und bekommt nicht nur gute Nachrichten. Von Diego etwa. Der Junge, der die Schönheit seines Dorfs in Guatemala preist und als Lehrer für immer dort bleiben wollte, lebt inzwischen bei einem Onkel in den USA. „Nach dem Tod des Vaters muss er arbeiten, um die Familie zu unterstützen“, sagt die Autorin. Ängste und Hoffnungen paaren sich im Blick der Kinder auf ihre Welt. Annalena, 2010 überhaupt die erste der „Kleinen Held*innen“, plagte schon damals die Sorge, dass es in ihrem Leben „Krieg geben könnte“. Cynthia träumt in Afrika von einer Welt, „in der sich die Menschen wie Brüder und Schwestern lieben“. Sie will das Abitur schaffen, Mitglied im Parlament sein: „Nur so kann ich etwas verändern in meinem Land und den Menschen zu einem besseren Leben verhelfen, ohne Hunger.“ Miral aus Palästina wünscht sich eine Land ohne Mauern. Empathie fördern, Einblicke in die Welt anderer geben: Die Motivation von „199 kleine Held*innen“ spricht auch aus dem Kinderbuch. „Kinder, die es lesen, erkennen: Die anderen wollen genau dasselbe im Leben wie ich“, hofft Sigrid Klausmann. Dass der beste Weg zu einem guten Leben über die Schule führt, zeigen ihre Porträts immer wieder. „Allein Bildung verändert das Leben der Kinder zum Positiven“, so die Autorin.

Der Vater von Matis hat eine Rentierherde in Schweden. Foto: Schneegans Productions/Gemini Film

Bildung verändert das Leben zum Positiven

Miral aus Palästina träumt von einem Land ohne Mauern. Foto: Schneegans Productions/Gemini Film

Dass Sigrid Klausmann selbst einmal Lehrerin war, erleichtert ihr den Zugang zu ihren jungen Gesprächspartnern. Dass ihr Mann, der Schauspieler Walter Sittler, als Initiator und Mitproduzent hinter dem Projekt steht, ist ebenfalls hilfreich. Die Finanzierung, sagt er, sei kein Selbstläufer. Das Ziel, in jedem Land der Erde ein Kind porträtiert zu haben, ist noch fern. Das bisher Erreichte ist aber ein sichtbarer Schatz.

Lobby für die Mädchen

Rund 40 000 Euro, rechnet Sigrid Klausmann vor, koste jedes Filmporträt. Gedreht werde immer im kleinem Team; ein zu großer Apparat sei zu auffällig, sagt die Filmemacherin, die im neuen Kapitel bewusst nur Heldinnen befragt. „Durch die Coronapandemie hat sich die Lebenssituation vor allem für Mädchen verschlechtert, sie werden zum Beispiel zuerst von der Schule genommen“, hat die Filmemacherin beobachtet, die inzwischen an der dritten Porträtstaffel arbeitet.

„Mädchen weinen nicht“ heißt das neue Kapitel. „Wir haben Mädchen in den Fokus genommen, weil sie dringend eine Lobby brauchen“, sagt Sigrid Klausmann. „Wenn wir eine gerechte und prosperierende Gesellschaft möchten, müssen wir uns ganz besonders um die Mädchen kümmern.“

Info

Buch
Sigrid Klausmann: „Ich wünsch mir die Welt“. Karibu-Verlag, 76 Seiten, 22,99 Euro. Ab 8 Jahren. Das Kindersachbuch basiert auf der Dokumentarfilm-Reihe „199 kleine Held*innen“, für das die Autorin und ihre Teams Kinder in der ganzen Welt interviewt haben. QR-Codes am Ende des Buchs leiten zu den Filmtrailern.

Schule
„Das Land Baden-Württemberg hat die Lizenzen für alle Filme erworben, Lehrkräfte können auf sie und das begleitende Unterrichtsmaterial kostenlos zugreifen“, wirbt Sigrid Klausmann für den Einsatz von „199 kleine Held*innen“ und sagt: „Wir bekommen starke Rückmeldungen von Lehrern und Schülern.“ Verfügbar ist das Projekt auch über die Internetseite von Matthias-Film.

Autorin
Sigrid Klausmann, 1955 in Furtwangen geboren, war Lehrerin, Tanzpädagogin und Choreografin. Mit 50 Jahren betrat die dreifache Mutter ein neues Arbeitsfeld als Dokumentarfilmerin. Viele Festivals zeigten ihre Filme und zeichneten sie mit Preisen aus.

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