Navy verhält sich ganz ruhig auf dem Arm von Michelle Barnes, als die Chefpflegerin das Koala-Männchen für einen Moment vor die Terra Australis fürs Foto holt. Die Augen hat er geöffnet, mit dem Körper ganz nah dran an Barnes. Er dreht sich nur kurz mit dem Kopf um, als er Rufe hört. Dann ist er wieder da, ganz ruhig und fühlt sich offensichtlich wohl.
Navy und seine drei Artgenossen haben den Flug und die Reise nach Stuttgart augenscheinlich gut überstanden. „Der Jetlag ist weg. Sie sind gut angekommen“, sagt auch Barnes. Sie freut sich, dass das so gut geklappt hat. Ein bisschen traurig ist sie schon, die vier hier zu lassen, wenn sie am kommenden Sonntag wieder nach Queensland zurückfliegt.
In der vergangenen Woche sind die vier Koalas samt Barnes gut gelandet. Seitdem dürfen sich die Beuteltiere in der Wilhelma in der neu geschaffenen Terra Australis des ehemaligen Menschenaffenhauses einleben. Die Reise sei sehr lang, und sie sei nervös gewesen, weil sie nicht wusste, wie die Tiere dies überstehen, erzählt sie. Doch als sie sie bei der Ankunft gesehen habe, wie sie Eukalyptusblätter gefressen hätten, sei sie sehr beruhigt gewesen. Die Tiere hätten die Reise über geschlafen. Michelle Barnes, die aus dem australischen Queensland von Brisbane aus angereist war, setzte schließlich die vier Beuteltiere persönlich behutsam in ihren neuen Bereich auf die Bäume, wo sie sich am liebsten aufhalten.
Dort sind sie, bis zur Eröffnung der Australienwelt, hinter den Kulissen in Quarantäne: Die beiden Männchen Aero und Navy, fünf und zweieinhalb Jahre alt, sind Halbgeschwister. Ihnen zur Seite stehen die beiden Koala-Frauen Scarborough (vier Jahre) und Auburn (zweieinhalb Jahre). Sie stammen von der australischen Dreamworld-Wildlife-Foundation, einer Stiftung, die sich dem Schutz und Erhalt bedrohter einheimischer Tierarten verschrieben hat.
Die Tiere fressen den Eukalyptus aus Leipzig
Die Tiere leben sich von Tag zu Tag gut ein, berichtet Barnes. „Sie fressen den Eukalyptus, der ihnen angeboten wird, gerne.“ Eine Gärtnerei aus Leipzig liefert diese zweimal in der Woche an. Morgens und abends ist Barnes bei der Fütterung dabei und schaut sich die Tiere ganz genau an. Den Medizincheck mit dem Wilhelma-Tierarzt haben sie schon hinter sich. Auch da hat sie mitgeholfen, damit die Tiere dies gut überstehen. Und sie ist in engem Austausch mit den Tierpflegern in der Terra Australis.
A und O bei der Pflege der Koalas ist zu wissen, was normal ist, was man anschauen und kontrollieren muss, sagt sie. Wilhelma-Tierpfleger Marcel Schneider ist an Barnes Seite. Er hat auch schon die Koala-Neulinge auf dem Arm gehalten und einen Kratzer am Arm. „Sie haben eben sehr scharfe Krallen“, sagt er. Doch er freut sich. „Zehn Jahre habe ich darauf gewartet“, so Schneider strahlend. Mit Barnes klappe der Austausch hervorragend. Alles auf Englisch. Doch für Schneider kein Problem.
Barnes bringt eine lange Erfahrung mit Koalas mit: Seit 30 Jahren kümmert sich die Australierin um diese Tiere. Sie ist inzwischen die Chefin des Tierbereichs im Freizeitpark und Zoo Dreamworld in Australien. Der Zoo in Queensland hatte bis jetzt 55 Koalas, vier davon sind nun in Stuttgart. Pro Jahr bekäme der australische Zoo etwa vier bis zehn Nachkommen. In ihrem Zoo leben noch Tiger und andere australische Tiere wie Dingos, Baumkängurus und Krokodile.
Koalas sind auf der Roten Liste der IUCN als gefährdet eingestuft
In ihren Anfangsjahren hat Barnes sich auch in Australien um die Bildung von Schülern gekümmert und einige der Tiere samt Koalas in Schulen gebracht und dort über sie informiert. Die Information der Menschen über die Natur und Tierwelt ist ihr wichtig. Auch um den Zoo herum stünden Schilder, wie sich die Besucher verhalten sollen: Keinen Lärm, langsam fahren und vorsichtig sein, damit die Tiere nicht erschrecken, berichtet sie. Barnes hat auch schon Koalas zur Artenschutz-Projekten nach Japan und in die USA gebracht und jetzt nach Deutschland. Weitere Projekte sind derzeit nicht geplant, sagt sie.
Das Artenschutz-Erhaltungsprogramm der Wilhelma mit der Terra Australis findet Barnes sehr wichtig. Die Koalas sind auf der Roten Liste der IUCN als gefährdet eingestuft. Wegen großflächiger Abholzung der Eukalyptuswälder ist ihr Lebensraum bedroht. Bei den verheerenden Waldbränden an der Ostküste Australiens 2019/20 sind schätzungsweise 30 Prozent der Tiere umgekommen. Deshalb werden in Zoos Reservepopulationen aufgebaut.
Auch in der Wilhelma. Direktor Thomas Kölpin hatte sich jahrelang dafür eingesetzt, bis es jetzt geklappt hat. Auch Revierleiterin Thali Bauer in der Terra Australis sagte bei der Ankunft der Tiere: „Wir sind richtig happy, dass es so gut funktioniert. Wir haben so lange darauf hingearbeitet.“
Ideen zur Wissensvermittlung in der Terra Australis für Australien
Von den Waldbränden hat Barnes mitbekommen, dass in Queensland verletzte Koalas in einem Krankenhaus versorgt worden waren. In ihrem Umfeld an der Gold Cost sei die Zerstörung der Lebenswelt der Koalas durch Bebauungen ein großes Problem. Da ist die zertifizierte Tiermanagerin froh, dass für die Tierart auch hier in Deutschland eine Reservepopulation geschaffen werde. Und wenn sie ruhig mit Navy auf dem Arm spricht, ist ihr die Freude an den Tieren mit ihren flauschigen Ohren und dem netten Gesicht anzumerken, die sie hat und die sich auf ihr Umfeld überträgt.
Nach Down Under nimmt Barnes auch Ideen aus der Terra Australis mit, von der sie ganz begeistert ist. Sie ist sich sicher, dass sich die Koalas hier wohlfühlen, wie sie sagt. Besonders gut gefallen haben ihr die Info-Boxen im Boden, in denen die Wilhelma über Artenschutz und Umwelt informiert. Sie freut sich, wie freundlich sie hier aufgenommen wurde. So bleiben für sie nicht nur die vier Koalas zurück, auch viele erfreuliche menschliche Begegnungen.
Die Wilhelma-Besucher müssen sich noch ein wenig gedulden, bis sie die neue tierische Attraktion sehen können. Am 25. Juli soll die Terra Australis eröffnet werden.