Konzerthaus in Stuttgart Initiative stellt im Hospitalhof ihre Pläne vor

So soll das neue Konzerthaus in München mal aussehen – ein Modell für die Zukunft? Foto: dpa/Cukrowicz Nachbaur Architekten

Stuttgart braucht ein neues Konzerthaus – so heißt es zumindest von der neu gegründeten Initiative Konzerthaus Stuttgart, die im Hospitalhof ihre Pläne vorgestellt hat. Womöglich geht das alles aber doch vorbei an den Vorstellungen der Besucher.

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

Stuttgart - Knapp zwei Stunden waren diskutiert im Stuttgarter Hospitalhof, als ein Mann im Publikum bat, ob freundlicherweise kurz alle diejenigen unter den 250 Besuchern aufstehen könnten, die unter 40 Jahre alt seien. Es waren dann zwölf – nicht mal eingerechnet, dass auch die jungen Musikschüler noch dasaßen, denen die Umrahmung zu verdanken war: vier Streicher, die strukturiert den ersten Satz von Beethovens c-Moll-Quartett und brillant Ravel (Tiyani Cui am Flügel) gespielt hatten.

 

Zwölf. In eine ziemlich lange Betroffenheitspause hinein sagte der Vorstandsvorsitzende der neuen „Initiative Konzerthaus Stuttgart“, Gernot Rehrl (vormals Intendant der Bachakademie) einen fast flehentlichen Satz, der schon zu Beginn es Abends gefallen war: „Wir machen das alles für sie – next generation!“

„Das alles“, der Anlauf also zu einer Bewegung, die Stuttgart ein „lebendiges Musikzentrum“ jenseits der vorhandenen Orte verschaffen will, hat nun Formen angenommen: Eingetragener Verein, Geschäftsführer (Ralf Püpcke), stellvertretender Vorstand (Felix Fischer, Geschäftsführender Orchestermanager des SWR-Symphonieorchesters), Schriftführerin (Michaela Russ von der SKS-Konzertdirektion). Erfahrene Leute. Gleichwohl ist es ihnen bisher einzeln nicht recht gelungen, eine anhaltende Diskussion darüber auszulösen, dass Stuttgart ein zeitgemäßes Konzerthaus (und welches?) brauche.

Nie der richtige Zeitpunkt

Nie, so Fischer, sei es „der richtige Zeitpunkt gewesen“: nicht als die Schlossgarten-Philharmonie als Zukunftsprojekt einmal aufschien, nicht als die Neckar-Philharmonie ins Spiel gebracht wurde, nicht vor, nicht nach der Beschlussfassung zu Stuttgart 21. Jetzt aber, da waren sich Rehrl und Fischer einig, verliere Stuttgart „den Anschluss“, ja, habe ihn als Landeshauptstadt vielleicht schon längst verloren. Etliche Orchester machten „einen Bogen“ um die Liederhalle (Rehrl).

Ebenfalls aus dem Publikumskreis heraus wurde erwähnt, welch triste Stimmung etwa anfangs beim letzten Meisterkonzert mit Marc-André Hamelin im Beethovensaal geherrscht habe: halb voll nur der Saal. Dass der Beethoven- wie der Mozartsaal immer noch gut klingt, bestreitet gleichwohl keiner, und wo es an Atmosphärischem (freundliches Licht, angenehmes Entree, adäquate Bewirtung) gebricht, ließe sich womöglich seitens der Stadt in einer konzertierten Renovierungsaktion so manches richten, ohne dass es direkt Millionen Euro kostete. Ebenso könnten die Garderobensituation hinter der Bühne und langwierige Auf- und Umbauphasen mit den richtigen Leuten womöglich verkürzt werden.

Nur Zweitspielstätte

Die Initiative Konzerthaus hat die Liederhalle konzeptuell allerdings nur noch als Zweitspielstätte im Sinn. Vor allem Laienorchester und -chöre könnten übernehmen, wenn Staats- und SWR-Orchester, Bachakademie und Gäste übersiedelten. Ziel wäre, so Felix Fischer, ein neuer großer Saal für 1700 Menschen, und ein kleiner für circa 500 Besucher (Vorbild: Pierre-Boulez-Saal in Berlin). Weiterhin sollte der Komplex mit diversen (Übungs-)Räumen dem Publikum auch tagsüber offenstehen: eine Begegnungsstätte. Anvisierte Standorte bleiben das schon häufig verhandelte Rosensteinquartier, die Königstraße 1-3, das Liederhallen-Areal oder die Kohlehalde am Neckar, vis-à-vis vom Daimler-Museum.

Felix Fischers Präsentation hatte es nicht weiter schwer, in Europa optische und akustische Vorbilder zu finden. Gebaut worden sind Konzerthallen vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten gewissermaßen am Fließband – von der für fast eine Milliarde Euro dann doch noch fertiggestellten Elbphilharmonie in Hamburg bis nach Kattowitz. Trotz ähnlicher Metropolregionenstärke sollte der Vergleich mit Hamburg aber besser nicht überstrapaziert werden. In der Elbphilharmonie – zu Zeiten geplant, als man noch „groß“ dachte - war seit der Eröffnung jedes Konzert (inklusive Ethno und Free Jazz) ausverkauft, was zeigt, dass es nicht ganz mit rechten Dingen zugehen kann: Noch dominiert touristische Sensationslust, nicht der „normale“ Betrieb. Zudem ist Hamburg eine Weltstadt. Auch der Hinweis auf den „Bilbao“-Effekt führt ein wenig in die Irre. Bilbao hat vor zwei Jahrzehnten angefangen, die halbe Stadt, die eine Industriekloake war, zu sanieren und umzubauen, und der eigentliche Effekt darüber hinaus hieß „Guggenheim“, bezogen auf das von Frank Gehry gebaute Museum. Das nebenan errichtete Kongresszentrum Palacio Euskalduna ist genau der Typ von „Mehrzweck ist kein Zweck“-Gebilde (Fischer), von dem die „Initiative Konzerthaus Stuttgart“ nichts wissen möchte – zugänglich nur während der Veranstaltungen.

Im Niedriglohnstadtteil

Naheliegender ist der Blick auf Dortmund, wo sich die Initiative zum Konzerthaus (50 Millionen Euro Baukosten, 1500 Plätze) aber vor allem Ulrich Andreas Vogt verdankt, einem Unternehmer, der dafür warb, im Jahr 2002 das Gebäude als „Leuchtturm“ auf eine Schattenseite der City zu stellen. Eine wirkliche Melange zwischen Hochkulturpublikum und Niedriglohnempfängern, die ringsum wohnen, hat sich vor Ort nicht recht eingestellt: Der neue Intendant Raphael von Hoensbroech, vorher Direktor im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt, versucht es derzeit mit einem Projekt namens „Community Music“. Die Auslastung liegt bei 76 Prozent; gut die Hälfte der Menschen kommt aus der Region. Wäre das in Stuttgart ähnlich, läge es also nur am Ort, der sich – außer bei Currentzis-Konzerten derzeit – bei weitem nicht mehr so verlässlich wie früher füllen lässt, wie alle Beteiligten der Initiative gut genug wissen.

Der Architektur- und Städtebauspezialist Niklas Maak hat anlässlich der Großsanierungsdebatte, die Schauspiel und Oper der Stadt Frankfurt betreffen, in der FAZ zuletzt davor gewarnt, sich gesamtgesellschaftlich allzu gehorsam „dem Imperativ einer Innovationskultur“ zu beugen, „für die Fortschritt vor allem spektakulärer Budenzauber bedeutet“.

Davon ist die Initiative Konzerthaus ein Stück entfernt. Aber auch sie argumentiert inhaltlich nicht zeitgemäß, sondern rückschrittlich, und man kann sich schon fragen, ob die nächsten Generationen, die am Gründungsabend nur fürs Dekor zuständig waren, tatsächlich die althergebrachten Formen und Inhalte der (klassischen) Konzertprogrammierung übernehmen wollen.

Tendenziell scheint vieles, nicht nur im Schauspiel, auf Partizipation und kleinere Aktionen hinaus zu laufen, kaum mehr aufs Große Welttheater, auch nicht in der Oper. Warum dann grundsätzlich Konzerthallen nicht ganz anders bauen, bestenfalls mitkonzipiert von Menschen, die nie besser ausgebildet waren und nie prekärer bezahlt als heute. Erst, wenn vom Inhalt her gedacht wird und von der Substanz derer aus, die ihre Haut zu Markte tragen, kann die Diskussion über Wert und Form von Musik und Musiktheater von morgen richtig in Gang kommen.

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