Stuttgart - Auf den ersten Blick scheint es paradox: Schönheitschirurgen schlagen Alarm aufgrund einer erhöhten Nachfrage für ihre Dienstleistungen. Vor allem die Zahl „leichterer“ Anwendungen mit Botulinumtoxin – besser bekannt als Botox – oder Hyaluron, steigen seit Jahren kontinuierlich an. Größere Lippen oder höhere Wangenknochen? All das dauert nur um die 15 Minuten. Und das ist nicht alles: Die Stoffe wurden über Jahre hinweg optimiert. Mittlerweile bekommt man dadurch nicht nur Volumen ins Gesicht, sondern kann auch ganze Knochen imitieren. Diese minimalinvasiven Eingriffe sind laut der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) auf den ersten drei Plätzen gemessen an allen Schönheitseingriffen. Der allgemeine Anstieg – sollte man annehmen – ist rein wirtschaftlich gesehen eine gute Nachricht.
Früher waren Stars die Vorbilder
Doch nicht jeder Mediziner ist darüber glücklich. Mehr noch bereitet es so manch einem Probleme. Diese Probleme fasst man zusammen unter dem Begriff „Snapchat-Dysmorphie“. Während früher vornehmlich ältere Frauen den Falten im Gesicht den Kampf ansagten, steigt heute die Zahl der jungen Frauen zwischen 18 und 25 Jahren rapide an, die sich solchen Eingriffen unterziehen. Warum? Sie wollen wie die am Computer bearbeitete Version von sich selbst aussehen.
Der Namensgeber für das Krankheitsbild ist die App Snapchat, welche hierbei stellvertretend für die sozialen Netzwerke steht. Im Unterschied zu Facebook oder Instagram sind versendete Bilder auf Snapchat nur für wenige Sekunden sichtbar. Dysmorphie leitet sich aus dem Altgriechischen ab und ist ein medizinischer Ausdruck für eine gestörte Selbstwahrnehmung bezogen auf den eigenen Körper.
„Früher wurden sorgfältig Bilder aus einem Magazin ausgeschnitten und als Vorlage für den Schönheitseingriff genommen“, erzählt Gregor Fuchshuber. Er ist Facharzt für plastisch-ästethische Chirurgie und arbeitet seit zehn Jahren in der Stuttgarter Sophienklinik. Zu ihm kommen häufiger junge Menschen – vornehmlich Frauen – die im Gespräch ihr Smartphone zücken und ein bearbeitetes Foto von sich selbst präsentieren.
Einigen reicht der Fotofilter nicht
Die gängigen Schönheitsfilter in den sozialen Netzwerken zaubern mit einem Klick größere Augen, einen Schmollmund, hohe Wangenknochen, ein schmaleres Gesicht. Doch für manche reicht der virtuelle Filter nicht. Fuchshuber bekommt dann zu hören: „Schauen Sie, genau so hab ich es mir vorgestellt.“ Gegenüber unserer Zeitung möchte jedoch kein Patient offen über seine Wünsche nach Gesichts-OPs sprechen.
Fuchshuber steht mit dem Phänomen nicht alleine da. In einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) gaben 59,1 Prozent der Chirurgen an, dass bereits vereinzelt Patienten in ihre Praxis gekommen sind, die über ein Bildbearbeitungsprogramm veränderte Fotos als Vorlage für einen Behandlungswunsch vorzeigten. Jeder Zehnte war mit diesem Phänomen sehr häufig konfrontiert. Eine Zunahme dieser Anfragen in den letzten Jahren konnten 71,4 Prozent der befragten Mediziner bestätigen – Tendenz: weiter steigend.
Der Leidensdruck nimmt immens zu
Der DGÄPC-Präsident Harald Kaisers sagt unserer Zeitung: „Wir haben zunehmend den Eindruck, dass sich viele junge Menschen – ausgelöst durch die sozialen Medien – von dem fragwürdigem Motto leiten lassen: außen schön, innen glücklich.“ Es sei wichtig, dieses Thema auch gesellschaftlich anzustoßen: Denn viele hätten einen zunehmenden Leidensdruck, „weil sie ständig einem vermeintlichen Idealbild ausgesetzt sind“. Von den befragten Patienten sehen gerade mal zwei Prozent einen Zusammenhang zwischen Schönheitseingriffen und bearbeiteten Fotos. Das überrascht Fuchshuber nicht: „Ich glaube, dass viele junge Menschen diese Netzwerke derart in Schutz nehmen, dass sie nicht zugeben wollen, dass sie dadurch negativ beeinflusst werden.“
Die idealisierten, manipulierten Selbstbilder konkurrieren mit dem realen Erscheinungsbild. „Da kann es nur Verlierer geben“, findet Fuchshuber. Denn es sei schlichtweg unrealistisch, diese Erwartungen zu erfüllen. Dominik von Lukowicz ist Kongresspräsident der VDÄPC und beobachtet zunehmend, dass junge Frauen mit bildbearbeiteten Selfies als Vorbild in seine Praxis kommen. Er mahnt: „Der Selfieboom ist gefährlich.“ Seiner Meinung nach blenden Jugendliche die möglichen Gefahren eines Eingriffs oft aus. Durch die zunehmend hohe Qualität der bildbearbeitenden Programme entstehen „Ideale“, die jeder seriöse ästhetisch-plastische Chirurg oftmals ablehnen muss.
Bis zum äußersten: Nur noch durch den Mund atmen
So ergeht es auch Fuchshuber in der Sophienklinik: „Wenn Patienten etwas fordern, was in der Natur selbst unter idealsten Bedingungen nicht existiert – zum Beispiel ein symmetrisches Gesicht“, müsse er sie abweisen und habe den Auftrag zu vermitteln, warum. Nicht jeder aber sei einsichtig. Und so kommt es vor, dass Patienten zum nächsten Arzt oder zum nächsten Schönheitschirurg gehen. Die Krux: Letzteres ist kein geschützter Begriff. Und die VDÄPC ist alarmiert, denn Unterspritzungen mit Hyaluron unterliegt keiner Rezeptpflicht. Tatsächlich dürfen auch in Schönheitssalons Lippen aufgespritzt oder Wangenknochen angehoben werden. Das bedeutet mehr Anlaufstellen und ein geringerer Zeitaufwand für junge Patienten.
Das Streben hin zu einem idealen Aussehen gibt es zeitlebens. Und völlig abwegige Wünsche sind nicht neu. Die Häufigkeit aber nimmt zu. Das Skurrilste, was dem Schönheitschirurgen Fuchshuber in letzter Zeit passierte: Eine Patientin hat sich bei ihm die Nase verkleinern lassen. Trotz der Operation entsprach das aber noch nicht ihrer Auffassung von Perfektion. „Deshalb kam sie nach einiger Zeit nochmals in die Praxis und fragte nach einer zweiten Operation“, erzählt Fuchshuber. Er erklärte der jungen Frau, dass das schlichtweg nicht möglich sei, weil die Nase dann zu klein wäre, um Luft zu bekommen. Daraufhin entgegnete sie: „Aber ich habe doch einen Mund zum Atmen.“