Das morbide Ambiente der ehemaligen Pressehaus-Druckerei ist attraktiv für Fotoshootings und Filmteams. Jetzt ist die Staatliche Modeschule dort aktiv.

Lokales: Sybille Neth (sne)

Dieser Ort ist mit KI nicht zu ersetzen, schwärmt Steff Rosenberger-Ochs. Sie steht inmitten der stillgelegten Halle, durch die das Zeitungspapier bis vor zwei Jahren in der Druckerei des Pressehauses den Druckmaschinen zugeführt wurde. Das international gefragte Fotografenduo Frank Bayh und Steff Rosenberger-Ochs war in der stillgelegten Druckerei von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten für das Fotoshooting für die kommende Modenschau der Staatlichen Modeschule Stuttgart zu Gast. „Es gibt hier so viele Ecken mit interessanten Details und die Kulisse ist der ideale Kontrast zu der cleanen Mode.“ So beschreibt Frank Bayh den Charme dieses Lost Place an der Plieninger Straße. Die beiden Tunnels, durch die das Papier ein Stockwerk höher zu den Druckmaschinen geleitet wurde, sind lang – und dunkel und Steff Rosenberger-Ochs assoziiert damit eine S-Bahn-Station: „Jedes Mal, wenn ich dorthin schaue, denke ich, da muss gleich ein Zug rauskommen.“

 

Kulisse für Gefängnisszenen

Am 1. April 2024 war hier Schluss. Gedruckt wird seither in Esslingen. Die Hallen jedoch sind mittlerweile eine begehrte Location für Foto- und Filmshootings. Kürzlich nahm ein Fernsehteam die Hallen in Augenschein und drei Monate lang drehten hier Franz Böhm und Suli Kurban mit 100 Statisten die Gefängnisszenen für ihren Polit-Thriller über die Unterdrückung der Uiguren in einem Internierungslager der Chinesen mit dem Titel „Keep her quiet“. Und tatsächlich erinnern die Galerien mit ihren Gitterbrüstungen mit den dahinter liegenden Metalltüren an Gefängnisgänge.

Friederike Burgstahler (Mitte) managt die Events der Staatlichen Modeschule. Foto: Ferdinando Iannone

Das Werbevideo für die Staatliche Modeschule drehte Moritz Schmig, der an der Filmakademie Ludwigsburg studiert, während des Foto-Shootings gleich mit. „Wenn die Models schon geschminkt und angezogen sind, machen wir alles auf einmal“, erklärt Friederike Burgstahler das Aufgebot an Kameras und Beleuchtung. Sie organisiert an der Modeschule unter anderem die Events. „Es gibt hier dauernd etwas zu entdecken, zum Beispiel eine Raucherkabine. Der Aschenbecher ist noch voll.“ Und sie freut sich, dass das Shooting hier so unbürokratisch stattfinden kann.

Requisiten aus der Buchhaltung

Einen Tag zuvor hatte Jens Hummel, der Leiter des Facility Managements im Pressehaus, die Akteure eine Stunde lang durch verlassene Hallen, Flure und Büros geführt. In der ehemaligen Buchhaltung im fünften Stock des Pressehauses fanden Burgstahler und die Schülerinnen Requisiten, mit denen sie ein altmodisches Büro für eines der Motive nachstellen. Von der vernachlässigten Büropflanze über alte Rechenmaschinen, Leitzordner und magnetische Büroklammerbechern bis hin zum Schreibtisch über Eck haben sie hier Büroutensilien ausgesucht.

Die Absolventinnen und Absolventen der Staatlichen Modeschule haben sich wie jedes Jahr ein anspruchsvolles Motto für die Dramaturgie ihrer Kollektion ausgesucht. Dieses Mal ist es die „Ekliptik“, die scheinbare jährliche Bahn der Sonne, die durch den Umlauf der Erde um die Sonne verursacht wird. „Wir wollen so den Wandel der Zeit in unserer Schau zeigen. Das machen wir zum Beispiel durch die Änderung der Silhouetten und mit verschiedenen Materialien“, erklärt Modeschülerin Lorena D’Onofrio das Konzept der Abschlussklasse. Die von den Modeschülerinnen und -schülern entworfenen Modelle für die Kollektion wandeln sich vom bedrohlich strengen Military Look zu zunehmend weichen und weiblicheren Kleidungsstücken. Die Modenschau des Abschluss-Semesters findet auch in diesem Jahr wieder an einem spektakulären Ort statt, nämlich am 25. Juni in der Säulenhalle der alten Staatsgalerie.