Neues Müllsystem im Kreis Ludwigsburg Jede Menge Ärger um eine kleine Glasbox

Alles neu beim Müll im Kreis Ludwigsburg: Seit dem 1. Januar sind die Firmen Prezero und Kurz für Glasmüll und sogenannte Leichtverpackungen zuständig. Foto: Prezero

Im Kreis Ludwigsburg sollen viele Bürger ihren Glasmüll künftig in einer Box lagern. Die Frage danach, wer ein Recht auf eine richtige Tonne hat, sorgt für Ärger. Fragen und Antworten zu dem Thema:

Digital Desk: Michael Bosch (mbo)

Kreis Ludwigsburg - Müll ist ein emotionales Thema. Das zeigt die Umstellung auf das neue System in und um Ludwigsburg. Offenbar knirscht es auch hinter den Kulissen.

 

Wo liegt das Problem? Im Grunde geht es um die Frage, ob ein Haushalt für den Glasmüll eine Tonne oder eine deutlich kleinere Box bekommt. Die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises Ludwigsburg (AVL) hatte sich vor der Umstellung des bisherigen Systems – Rund und Flach sind seit dem Jahreswechsel Geschichte – dazu entschlossen, neben drei größeren Behältern für den Glasmüll auch eine entsprechende Glasbox für kleinere Haushalte auszuliefern. Laut AVL-Geschäftsführer Tilmann Hepperle hätten sich viele Bürger eine solche Lösung gewünscht.

Bisher entsorgten die meisten Haushalte im Kreis Ludwigsburg ihren Müll in vier verschiedenen Tonnen – Rest-, Bio-, Flach- und Rundmüll. Weil bei der Umstellung zwei Tonnen hinzukommen – eine für Glas (blau) und eine für sogenannte Leichtverpackungen (gelb) –, aber nur die Rundtonne wegfällt, gibt es de facto nun einen Eimer mehr. „Auf uns sind immer wieder Bürger zugekommen und wollten wissen, wo sie die zusätzliche Tonne hinstellen sollen“, sagt Hepperle. Deshalb gebe es nun die Box, die eher einem Korb ähnelt. Mit dem System orientiert sich die AVL am Rhein-Neckar-Kreis, wo es sich über Jahre bewährt hat.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Fragen und Antworten zum neuen Müllsystem

Da im Kreis Ludwigsburg bislang Glas- und Leichtverpackungen, dazu zählen beispielsweise Plastikfolien, Konserven oder Kronkorken, nicht getrennt erfasst wurden, konnte nur geschätzt werden, welcher Haushalt welche Tonne benötigt. Und dabei lagen die Verantwortlichen nicht immer richtig – zumindest sehen das einige Bürger so. Bevor das System überhaupt richtig angelaufen ist, gab es einen Aufschrei. Die Größe der Körbe war nur ein Kritikpunkt. Es sei auch für alle ersichtlich, was man konsumiere, zudem würden Glassplitter von zerbrochenen Flaschen einfach durch das Gitter fallen.

Kann Box gegen Tonne getauscht werden? Wem der Glaskorb nicht reicht, der bekommt nicht automatisch einen neuen. Das zumindest hatte das Unternehmen Prezero, das für die Auslieferung zuständig ist, vor Jahreswechsel mitgeteilt. „Nur in begründeten Ausnahmefällen, zum Beispiel bei körperlichen Erkrankungen, hohem Alter oder der Bildung von Behältergemeinschaften, bekommen die Bürgerinnen und Bürger nach interner Prüfung einen Zwei-Rad-Behälter.“ Auf Antrag gebe es notfalls eine zweite Box.

Das rief die AVL auf den Plan. Sie pocht darauf, dass jedem Haushalt „bei Bedarf ein größerer Behälter“ zusteht. Dass Menschen inzwischen „wiederholt“ mitgeteilt worden sei, dass ein Umtausch „gegen einen größeren Behälter allenfalls langfristig oder nach guter Begründung infrage komme“, widerspreche dem Verpackungsgesetz „und den vertraglichen Grundlagen“.

Warum sind so viele Firmen beteiligt? „Eine kommunale Lösung aus einer Hand wäre wesentlich bürgerfreundlicher gewesen, entspricht aber nicht der Gesetzeslage“, sagt Tilman Hepperle. Wie bei solch großen Aufträgen üblich, waren diese europaweit ausgeschrieben worden. Das Rennen beim Glas machte der Mittelständler Kurz aus Ludwigsburg, bei den Leichtverpackungen der international tätige Umweltdienstleister Prezero. Sie haben sich bei der Verteilung der Tonnen den Landkreis aufgeteilt.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Es läuft nicht alles rund beim neuen Müll-System

Das eigentliche Problem der AVL ist ein anderes: Sie kann nicht direkt auf die Entsorger einwirken, da sie sie nicht beauftragt hat. Das ist nach dem Verpackungsgesetz des Bundes, das die Systemumstellung erst nötig machte, Sache der dualen Systeme. Im Kreis Ludwigsburg organisiert das Prozedere die Interseroh Dienstleistungs GmbH. Die AVL hat nach eigenen Angaben die Firma aus Köln aufgefordert, auf Kurz und Prezero, die in ihrem Auftrag arbeiten, einzuwirken.

Wie reagieren die Partner? Klare Aussagen trifft Interseroh nicht. „Wir stehen weiterhin in enger Abstimmung mit den Leistungspartnern und gehen von einer gemeinschaftlichen Einführung des Erfassungssystems aus“, so eine Sprecherin. Sie verweist darauf, dass man Sammelboxen „als Kompromisslösung zugestimmt“ habe, da es kurzfristig nicht möglich gewesen sei, Glascontainer, wie sie in weiten Teilen Deutschlands üblich sind, aufzustellen. „Insofern können wir die Kritik nicht nachvollziehen.“

Lesen Sie aus unserem Angebot: Blaue Glasbox: Probleme bei der Auslieferung

Dass die Bürger ihre leeren Flaschen und Gläser nicht in Containern oder gar auf Wertstoffhöfen entsorgen müssen, sondern diese weiterhin vor der Haustür abgeholt werden, sei der AVL besonders wichtig gewesen, so Tilmann Hepperle. Dass man sich in Ludwigsburg und der Umgebung den lästigen Gang zum Glascontainer sparen kann, dieses Plus sieht auch Martin Breitenberger, Prokurist bei Kurz. Er versucht zu beschwichtigen: „Jeder, der sie benötigt, bekommt eine Tonne“, so Breitenberger. Allerdings nicht jeder, der sie einfach so wolle. Deshalb bittet er – genauso wie Hepperle – darum, die ausgelieferten Behältnisse erst auszuprobieren. Ab Februar, nach der ersten Leerung, nehmen Kurz und Prezero Änderungswünsche entgegen, die dann geprüft werden. Breitenberger gibt aber zu bedenken, dass ein Umtausch nicht gerade ressourcenschonend sei, „die Körbe sind produziert und in der Welt“.

Wo fehlen noch Tonnen oder Boxen? Alle Haushalte, für die diese vorgesehen waren, haben eine große gelbe und große blaue Tonne erhalten. Dass 320 000 Haushalte innerhalb von fünf Monaten und noch vor Jahresfrist die neuen Behälter vor der Tür stehen hatten, war eine logistische Herausforderung – und ein Erfolg. Darüber sind sich alle Beteiligten einig. Wegen eines Produktionsfehlers fehlen derzeit noch in Bietigheim-Bissingen, Kornwestheim und in Teilen von Ludwigsburg die Glasboxen. Sie sollen aber bis Mitte Januar da sein.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Ärger wegen neuer Mülltonnen

Wie geht es weiter beim Tonnentausch? Haushalte, die für Flach- und Rundmüll bislang eine Tonne genutzt haben, dürfen diese behalten. Bei allen anderen sammeln Kurz und Prezero ab dem 17. Januar die nun überflüssigen grünen Rund-Tonnen ein. Als Erstes ist Bietigheim dran, Ludwigsburg folgt ab dem 24. Januar, Benningen am 31. Januar. Die weiteren Termine gibt es online unter www.verpackungsabfall-lb.de/termine.

Gab es Probleme beim Restmüll? In einigen Kommunen, darunter Erdmannhausen, Höpfigheim und Marbach, kam die Müllabfuhr nach dem Jahreswechsel nicht so wie im Kalender vorgesehen. Da für Rest- und Biomüll seit Neuestem die Firma Alba zuständig ist, könne es „zu Verspätungen und Nachfahrten kommen“, so die AVL.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Abfall Müll Ludwigsburg Tonne Glas