Neues Münchner Volkstheater Das muss sich Stuttgart unbedingt genauer anschauen!
Der Neubau des Münchner Volkstheaters ist ein Glücksfall für die Isar-Stadt. Das Stuttgarter Architekturbüro LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei wird dafür gefeiert.
Der Neubau des Münchner Volkstheaters ist ein Glücksfall für die Isar-Stadt. Das Stuttgarter Architekturbüro LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei wird dafür gefeiert.
München - Ganz München redet über einen Theaterneubau: das Volkstheater im Schlachthofviertel. Öfters ist dabei vom „Wunder von München“ die Rede. Damit macht an der Isar auch der Name eines Stuttgarter Architekturbüros die Runde, denn das Büro LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei hat den Bau entworfen. Der Architekt Arno Lederer hat das Wunder nicht alleine vollbracht, sondern im Verbund mit einem Generalübernehmer, der Baufirma Georg Reisch aus Bad Saulgau, sowie einer Reihe von Fachplanern. Gemeinsam entschieden diese Partner ein EU-weites Vergabeverfahren für sich. Der Deal: das Theater planen, bauen und schlüsselfertig zum festgelegten Preis und Termin abliefern.
Sie haben geliefert. Mitte Oktober war Eröffnung, 131 Millionen Euro hat’s gekostet. Alles wie geplant. Jetzt stehen bei Lederer, Reisch und auch Helmut Krist vom Baureferat der Stadt München die Telefone nicht mehr still. Dabei haben sie eigentlich nur geschafft, was für jedes öffentliche Bauvorhaben gelten sollte. Ein Großprojekt im Generalübernehmer-Verfahren zu bauen, darin sind die Beteiligten einig, ist kein Patentrezept dafür, dass die Dinge nicht aus dem Ruder laufen. Zumal das Verfahren im Ruf steht, häufig schlechte Architektur zu produzieren, weil Gewinnmaximierung über allem steht. Beim Volkstheater ist die Architekturqualität nicht unter die Räder gekommen.
Es sei ein eingespieltes Team am Werk gewesen, Lederer und die mit Architektursinn ausgestattete Baufirma haben schon mehrmals gemeinsam gebaut. Vertrauen, „die menschliche Komponente“ – auch solche Begriffe fallen, wenn nach einer Erklärung gesucht wird. Und dass die Theaterleute rund um den Intendanten Christian Stückl vorab schon ganz genau wussten, was sie haben wollten. Dass ihnen ein Feuerwehreinsatz im November – die Sprinkleranlage hatte sich aus ungeklärten Gründen in Gang gesetzt – die 1a-Bilanz ein wenig verwässerte, ist ein Ärgernis, ändert aber am Rundumerfolg wenig.
Warum ein neues Volkstheater? Das alte, seit 1983 in einem Provisorium – einer umgebauten Turnhalle – in der Brienner Straße untergebracht, war zu klein und mit zahlreichen ausgelagerten Depots unpraktikabel. Das neue in der Isarvorstadt bietet 900 Zuschauern Platz, alles ist unter einem Dach, es gibt eine Hauptbühne, zwei kleinere Bühnen sowie modernste, flexibelste Theatertechnik inklusive Kreuzbühne und Hubpodien.
Ein weiße Stele mit rotem Band streckt sich dort, wo früher die Viehhofhallen standen, wie ein Zeigefinger in den Himmel. Weithin sichtbar auch die Dachaufbauten, die sich nach Bauklötzchen-Art gestaffelt aus dem an Zenetti- und Tumblinger Straße gelegenen Bau herausschieben: ein von einem Gittergeflecht geschickt getarntes Technikgeschoss und der Bühnenturm mit seiner Membranbespannung im Chesterfield-Look.
Die Schichtung lässt den Bau mit der Größe eines Fußballfelds nicht gewaltig wirken. Die Architekten hüllen den Theatersockel in ein Ziegelkleid und verweben ihn so mit dem Mauerwerk der denkmalgeschützten Altbauten an der Zenettistraße. Diese Bestandsbauten aus den 1920ern wurden dem Theater einverleibt, Künstlerwohnungen und die Verwaltung sind dort untergebracht.
Ein weit geschwungener Torbogen verbindet Alt und Neu, winkt einen hinein in den Hof, der durch den sich herauswölbenden Eingang sinnvoll gegliedert ist. Braucht es den Bogen? Wer seiner einladenden Geste folgt, fühlt sich sofort dem Alltag entrückt – schon hier beginnt das Bühnenstück. Die Antwort lautet also: Ja, den Bogen braucht’s!
Tatsächlich doppelt die bildreiche Architektur, die unweigerlich an die Berliner Schaubühne, 1928 von Erich Mendelsohn entworfen, denken lässt, das Theatererlebnis: Wenn sich der Vorhang hebt, eröffnet sich eine neue Welt. Genauso führt in dem Neubau jeder Raum, der sich an den anderen anschließt, zu einem neuen Aha-Erlebnis. Der Organik des Torbogens lassen die Architekten noch weitere Rundungen und handwerklich tadellos ausgeführte Details folgen: etwa im Foyer das große Bullauge zum Hof oder das skulpturale Halboval der Treppe hinauf zu den oberen Bühneneingängen. Dazu die Lufträume, die erstes und zweites Geschoss die Orientierung fördernd zusammenbinden, oder die Terrasse im zweiten Geschoss, von der man in der Pause hinab aufs Hoftreiben blicken kann.
Und die Architekten haben sich getraut, für Wände und Decken in den Farbtopf zu greifen, das Goethe-Haus in Weimar hat Arno Lederer dazu inspiriert: Lindgrün, Taubenblau, Dunkelblau, Terrakottarot, ein helles Sonnengelb – die Töne fügen sich zu einem stimulierenden, edlen Ganzen. Wo LRO bauen, gibt es was zu schauen, zu fühlen, zu erfahren. Das gilt sogar für die im Grunde keinen gestalterischen Spielraum gewährende Blackbox des Zuschauerraums. Hier hat Arno Lederer eine schon lange von ihm gehegte Idee umgesetzt und handelsübliche Blumentöpfe zu Wandleuchten umfunktioniert. Den weitaus größten Teil des Theaters freilich macht die Produktionszone aus, in der Sichtbeton das Sagen hat.
München hat einen neuen, anziehenden Kulturort. Die jungen Zuschauer strömen in Scharen. Wunder lassen sich nicht so einfach wiederholen. Doch für Stuttgart mit seinen Kulturbauplänen könnte es sich lohnen, das neue Volkstheater genauer anzuschauen.
Sie wollen auf dem Laufenden bleiben, was vor Ihrer Haustür und in der Welt passiert? Mit den kostenlosen E-Mail-Newslettern der Stuttgarter Zeitung auch zum Thema Architektur und Wohnen unter StZ Bauwelten erhalten Sie hier die wichtigsten Nachrichten und spannendsten Geschichten direkt in Ihren Posteingang.
Neues Büro in Berlin
Architekten
Arno Lederer und Jórunn Ragnarsdóttir haben in Berlin gemeinsam mit ihrem Sohn Sölvi Lederer das Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir gegründet. Das Stuttgarter Büro LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei wurde in LRO umbenannt; ihm bleiben sie in einer ständigen Arbeitsgemeinschaft verbunden.
Volkstheater
Das angestammte Publikum erhalten, gleichzeitig mit jungen Theatermachern und Regisseurinnen neue Zuschauerschichten gewinnen ist das Ziel von Christian Stückl, der die Intendanz des Münchner Volkstheaters 2002 von Ruth Drexler übernahm.
Buch
Im Stuttgarter Verlag avedition ist ein Buch über den Neubau erschienen: Jürgen Tietz: Münchner Volkstheater – Lederer Ragnarsdóttir Oei. avedition, Stuttgart. 152 Seiten, 39 Euro.