Zwischen der Stuttgarter Straße und dem Neckar stehen bereits die neuen Wohngebäude des künftigen Nürtinger Neckarparks. Doch inmitten dieser modernen mehrgeschossigen Wohneinheiten erinnert ein besonderes Gebäudeensemble an die geschichtsträchtige Vergangenheit des Areals.
Viele kennen das ehemalige Siechenhaus noch als Teil der psychiatrischen Abteilung des Nürtinger Kreiskrankenhauses, manch andere erinnern sich sogar noch an die Zeit zurück, in der es selbst als Krankenhaus diente. Doch die Geschichte des Siechenhauses geht noch weiter zurück, wie ein Blick ins Nürtinger Stadtarchiv zeigt.
Unterbringung für Menschen mit Infektionskrankheiten
Bereits zu Beginn des 15. Jahrhunderts werden sogenannte Feldsiechen – meist kleine Hütten für die Unterbringung von Menschen, von denen Infektionsgefahr ausging – erwähnt. In den Aufzeichnungen ist 1410 das erste Mal die Rede von einem städtischen Siechenhaus. Dieses wurde demnach jedoch um 1541 abgerissen und durch das heutige Gebäude ersetzt. 1609 begann zudem der Bau der Siechenkapelle, die das Gebäudeensemble noch immer ergänzt. Mit der Zeit konnten hoch ansteckende Infektionskrankheiten immer weiter eingedämmt werden, in manchen Jahren war das Siechenhaus komplett verwaist. So wurden dort später auch verarmte Kranke gepflegt.
Aus dem alten Krankenhaus wurde ein Politikum
In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Siechenhaus, mittlerweile als Krankenhaus genutzt, zum Politikum. Unter anderem aufgrund schlechter Hygienezustände gab es eine große öffentliche Debatte um das Krankenhaus. Diese gipfelte im Entschluss der Stadtverwaltung, das Siechenhaus an den Kreisverband Nürtingen zu verkaufen. 1950 eröffnete schließlich das modernisierte und erweiterte Kreiskrankenhaus, dessen Kern noch immer das alte Siechenhaus war. 25 Jahre lang wurden hier die Kranken und Verletzten aus dem Kreis Nürtingen – später Esslingen – versorgt und gepflegt. 1975 wurde das Krankenhaus auf dem Nürtinger Säer bezogen, womit eine erneute Umwidmung des Siechenhauses anstand. Die Klinik sollte von 1979 an die psychiatrische Abteilung des Kreiskrankenhauses beherbergen.
Mit dem Umzug der Abteilung in einen Neubau in Kirchheim im Jahr 2017 war die Zeit für einen Umbruch gekommen. Der Kreis verkaufte Gelände und Gebäude an den Immobilienentwickler BPD, der dort ein neues Wohnquartier erstellen sollte. 2021 kaufte die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen das Areal mitsamt Wohngebäuden, die von der BPD fertiggebaut werden.
Die künftigen Wohnhäuser sind im Rohbauzustand
Die zehn Wohnhäuser befinden sich im Rohbauzustand, manche sind schon weiter ausgebaut. Im Kontrast zu den mehrgeschossigen Häusern mit Photovoltaikanlagen und Gründächern stehen das Siechenhaus und die Siechenkapelle. „Die Symbiose von Alt und Neu schafft immer Herausforderungen“, sagt Georg Glaser von der Immobilien-Treuhand-Gruppe Esslingen, einer Tochtergesellschaft der Kreissparkasse.
Aufgrund des Denkmalschutzes habe man bereits vor dem Bau gewusst, dass die Gebäude stehen bleiben würden. Deshalb seien sie nun so angeordnet, dass sie ein gutes und sinnvolles Bild ergäben, sagt Glaser. Um die Siechenkapelle, an der kein großer Umbau vorgenommen wird, soll eine „grüne Mitte“ im Viertel entstehen. „Die Kapelle steht im Herzen des Quartiers“, sagt Glaser. Die großen Bäume in ihrer Nähe überragen teilweise sogar die Neubauten.
Im Siechenhaus wird derzeit saniert
Das Siechenhaus befindet sich derweil inmitten von Renovierungsarbeiten. Die alten, nicht unter Denkmalschutz stehenden Anbauten wurden im Vorfeld abgerissen. In enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege werde das Gebäude nun saniert, so Glaser. Die Fertigstellung ist für Anfang 2025 geplant. Auf der Baustelle sind die Arbeiten in vollem Gange. So viele Materialien wie möglich sollen erhalten bleiben. Die Zimmermänner haben an dem Gebäude mit seinen vielen Holzbalken einiges zu tun. „Es macht Spaß, an so einem Projekt zu arbeiten“, sagt Bauleiterin Lisa Kroll.
Über der Kita soll Gewerbe einziehen
Schon vor dem Bau des Neckarparks stand fest, dass das Siechenhaus für eine Nutzung als Wohngebäude ungeeignet sei. Nun soll eine Kindertagesstätte in das historische Gebäude einziehen. Die Kita werde vermutlich aus dem Quartier selbst viel Zulauf bekommen, da viele der Wohnungen auch für Familien geeignet seien, erklärt Glaser. Zudem erfüllt das ehemalige Siechenhaus so eine wichtige städtebauliche Aufgabe. „Die Kita füllt eine Lücke im Bedarfsplan der Stadt Nürtingen aus“, sagt Glaser. Über der künftigen Kindertagesstätte ist eine Gewerbeeinheit geplant. „Ideal wäre für uns eine Nutzung im Bereich Kinderarztpraxis, Logopädie oder Kinderpsychologie“, sagt Glaser.
Historisches Ensemble mit vielseitiger Nutzung
Baujahr
Die Zahlen 13 und 15, die bis zum Umbau in den 1940er Jahren neben dem Eingang des Siechenhauses eingemeißelt waren, sorgten lange für eine Debatte um das Baujahr. Die ersten urkundlichen Erwähnungen finden sich 1410, der Bau des jetzigen Hauses wird auf 1541 datiert.
Siechenfriedhof
Bei archäologischen Grabungen vor dem Baustart im neuen Wohngebiet Neckarpark wurde in der direkten Nähe des historischen Siechenhauses ein zu diesem Zeitpunkt noch unbekannter Friedhof gefunden, der vermutlich Teil des Siechenfriedhofs war.
Siechenkapelle
Die Kapelle wurde erst ab dem Jahr 1796 mit dem Bau des Kinderfriedhofs als Friedhofskirche genutzt. 1952 wurde sie geschlossen, mit der Eröffnung der psychiatrischen Abteilung wieder geöffnet. In Zukunft soll sie für die Öffentlichkeit zugänglich sein.