Rom ist bekannt für sein Müllproblem – noch nahezu unbekannt hingegen ist ein neues Pfandsystem. Hier gibt es kaum Sammelstellen, aber als Belohnung ein Kaltgetränk in einer Bar.
Almut Siefert
29.03.2026 - 12:12 Uhr
Pfandsammeln, wie man es aus Deutschland kennt, gibt es in Italien nicht. In Rom wird schon mit respektvollem Nicken bedacht, wer in den Straßen brav seinen Müll in die dafür vorgesehenen Container unterschiedlicher Farbgebung sortiert: Grün ist für Glas, blau für Papier, gelb für Plastik und grau für Restmüll. Dass der Papiermüll in einer Plastiktüte gesammelt entsorgt wird, ist allerdings auch keine Seltenheit.
Allein, dass diese Container regelmäßig geleert werden, ist ein großer Fortschritt. Jahrelang war das Müllproblem der italienischen Hauptstadt Gesprächsthema Nummer eins, sei es beim Caffè an der Bar, beim Aperitivo mit Freunden oder beim Abendessen mit der Familie. Vor zehn Jahren noch waren Geschichten über Ratten, die am helllichten Tage über die Plätze der Stadt huschten, keine Seltenheit – angezogen wurde das Ungeziefer vom herumliegenden Unrat.
Auch wenn noch immer dann und wann Berichte über die Sichtung von Wildschweinen in Wohnvierteln die Runde machen, hat sich die Lage in den vergangenen Jahren durchaus positiv entwickelt. Und: Es gibt neben den üblichen Recyclingcontainern nun auch Pfandsysteme in Rom. Allerdings wissen davon nur die wenigsten. Was wohl mit daran liegen dürfte, dass die dafür vorgesehenen Maschinen bislang noch sehr rar gesät sind. Dabei bieten sie tatsächlich einen geldwerten Vorteil für die Müllentsorgung. In der Theorie zumindest.
Der Selbstversuch wird zum Tagesausflug. Um eine der neuen „Mangiavetro“-Maschinen (mangiare vetro – Glas essen) zu testen, wandern 20 leere Glasflaschen in zwei Jutebeutel und werden per Bus durch die halbe Stadt transportiert. In Rom mit seinen fast drei Millionen Einwohnern erfolgt die Glassammlung für Privathaushalte über 10 000 im gesamten Stadtgebiet verteilte Sammelbehälter. Von den neuen römischen Glasfressern gibt es aktuell vier in der gesamten Stadt.
Zum ersten Mal sieht der Rentner, wie Flaschen in den „Glasfresser“ wandern
Vergangenen Sommer wurde der erste Glasfresser im Stadtteil Pigneto aufgestellt. Anfang Februar folgten drei weitere, einer im Studentenviertel San Lorenzo. „Ich wusste gar nicht, wozu diese Maschine gut ist“, sagt Giuseppe. Der Herr, kurz vor dem Rentenalter, sitzt auf den großen Steinen auf dem Platz vor der Mangiavetro, trinkt sein Feierabendbier – aus einer braunen Flasche – und verfolgt interessiert, wie die 20 mitgebrachten Behälter in den Schlund des Glasfressers wandern. Etwas, was er in diesem Moment zum ersten Mal live beobachtet, wie er erzählt.
Ohne vorherige Recherche des genauen Standorts wäre das unscheinbare grüne Gerät auch schnell übersehen worden. Eine nach der anderen wandern die Glasflaschen nun aber in die kleine Öffnung in etwa 1,70 Metern Höhe, die dafür jedes Mal auf- und zugeklappt werden muss.
Foto: imago images/Pacific Press Agency
Giuseppe wohnt seit vier Jahren in San Lorenzo. Seinen Glasmüll werfe er immer in den zwei Meter weiter platzierten herkömmlichen Container – „Basta“, fertig. Ein Wechsel der Gewohnheit könnte sich für ihn aber lohnen: Die Maschine zählt die Flaschen und gibt einen Bon aus. Für 20 Punkte bekommt der Recycling-Freund dann in einer Bar in der Nähe ein alkoholfreies Kaltgetränk umsonst.
Das Projekt verfolge zwei Ziele, heißt es von der Ama, der Firma, die in Rom für die Müllentsorgung zuständig ist und die Glasfresser-Maschinen verantwortet. „Die Menge des gesammelten Glases soll erhöht und das Bewusstsein der Anwohner durch ein Belohnungssystem gestärkt werden.“
„Ich bezweifle, dass das irgendwer nutzt“
„Die Idee ist gut – aber ich bezweifle, dass das irgendwer nutzt“, sagt Giuseppe etwas skeptisch. Als wollte sie protestieren, röchelt die Maschine nach dem Verspeisen der 20 Flaschen nur kurz und teilt dann über die digitale Anzeige, die zuvor noch akribisch mitgezählt hat, mit: „Kein Papier mehr.“
Die Bar, in der der Pfandbon theoretisch eingelöst werden könnte, wenn er denn ausgedruckt würde, muss über Nachfragen ermittelt werden. Denn wo es das Kaltgetränk im Tausch für die Flaschen gibt, stünde auf ebendiesem Bon. Doch schon beim zweiten Versuch ist das richtige Café gefunden.
„In den ersten vier Wochen wurden hier etwa zehn solcher Bons eingelöst“ sagt der Mann hinter dem Tresen der Bar. Seinen Namen möchte er lieber nicht nennen. Er wisse nicht, ob das der Ama recht wäre. Denn, das erzählt er auch: „Wenn wir die Kunden nicht kennen, geben wir Wasser heraus. Bei Stammkunden auch was anderes. Die Getränke zahlen wir nämlich aus eigener Tasche.“
Das bestätigen die Abfallbetriebe auf Nachfrage. Und sie geben einen Überblick: Mehr als 14 000 Flaschen seien seit August gesammelt und über 3000 Bons erstellt worden. Man hoffe auf höhere Zahlen, die drei neuen Glasfresser wurden ja erst vor wenigen Wochen aufgestellt. Die Februar-Zahlen nähren diese Hoffnung. Da wurden in Pigneto 1698 Flaschen in den Glasfresser gegeben, in San Lorenzo 373. „Das zeigt den positiven Verlauf des Projekts“, betont man bei der Ama. „In Pigneto, an dem Standort, der schon am längsten in Betrieb ist, sortieren die Nutzer gezielter und geben eine größere Anzahl an Flaschen und Behältern ab.“
Dass die Idee eines Pfandsystems in Rom durchaus Anklang finden kann, zeigt die bisherige Bilanz eines weiteren Systems, das es bereits seit 2019 gibt. Hier können statt Glas- Plastikflaschen gegen eine Dienstleistung getauscht werden.
An sieben Metro-Stationen stehen diese Pfandmaschinen, die mit Plastik gefüttert werden wollen. Als Gegenleistung für das Recycling erhält man hier Tickets für den öffentlichen Nahverkehr. „+Ricicli+Viaggi“ heißt das Projekt – je mehr du recycelst, desto mehr kannst du fahren. „Seit dem Start im Jahr 2019 wurden so circa 18 Millionen PET-Flaschen gesammelt“, sagt Maurizio Sgroi, Sprecher der ATAC, dem Unternehmen, das den öffentlichen Nahverkehr in Rom betreibt – und dieses Pfandprojekt.
Der Flaschen-Bonus kann im Nahverkehr verfahren werden
Allein im Jahr 2025 wurden 2,9 Millionen PET-Flaschen auf diese Weise entsorgt. Für die Nutzung braucht es eine App, für jede Flasche – bis zu maximal 30 pro Tag sind erlaubt – gibt es einen Bonus von 0,05 Cent, der über die App gutgeschrieben wird. Das Guthaben kann dann für den Kauf von Einzel-, Tages- oder auch Monats- und Jahresabonnements verwendet werden.
Bis sich Rom endgültig von seinem Image als eine der dreckigsten Metropolen Europas verabschiedet, dauert es wohl noch. Recycling ist hier ein heikles Thema. Bis heute hat die italienische Hauptstadt keine eigene Müllverbrennungsanlage. Da sind ein Dutzend Pfandmaschinen wohl nur ein Tropfen auf den noch immer heißen Stein.