Wer zurück ins Leben will, braucht Hilfe – und gute Zähne. Der Verein „Hilfe für den Nachbarn“ der StZ und die Zahnmedizinische Patientenberatungsstelle des Landes helfen.
Kaum ein anderes Gesundheitsthema ist derart mit Angst besetzt, als der Gang zum Zahnarzt. Und wer ohnehin noch deutlich gravierendere Sorgen hat als seine Zähne – der geht schon gar nicht regelmäßig zur Kontrolle. Ein weiteres Problem sind oft hohe Kosten. Diesen Kummer kennen die Menschen, die „Hilfe für den Nachbarn“ (HfdN) unterstützt. Nun sollen sie besser und zielgerichteter bei der Zahngesundheit begleitet werden. Die Zahnmedizinische Patientenberatungsstelle BW (ZPB BW) und HfdN haben deshalb ein gemeinsames Programm aufgelegt – wohl einzigartig innerhalb üblicher Hilfesysteme.
Georg Bach, promovierter Zahnmediziner mit eigener Praxis in Freiburg, ist Verwaltungsratsvorsitzender der Patientenberatung, einer gemeinsamen Einrichtung der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg und der Landeszahnärztekammer.
Der Hilfsverein der Stuttgarter Zeitung arbeitet seit mehr als 50 Jahren vertrauensvoll mit den großen Sozialverbänden und Trägern der Region zusammen. Wer in Not geraten ist, kann also nicht als Privatperson direkt um Hilfe ersuchen. Aber die Menschen, die von Caritas, Diakonie oder Suchthilfe betreut werden, haben nicht selten zusätzlich zu Armut oder Schulden Angst vor dem Zahnarzt. Sie waren oft seit Jahren nicht dort. Wenn dann ein Klient geht, etwa aus Schmerz, oder aber, weil für die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt gesunde Zähne ohne Alternative sind, wird es oft extrem teuer. Diese teils sehr hohen Zahnarztrechnungen werden dann bei „Hilfe für den Nachbarn“ eingereicht.
Der Verein gibt als Höchstsumme in der Einzelfallhilfe 3000 Euro (derzeit gedeckelt auf die Regelversorgung), zusammen mit dem Zuschuss der Krankenkassen kommt man auf erkleckliche Summen. Kostenvoranschläge liegen oft noch darüber.
Sind Kostenvoranschläge zu hoch?
„Wir haben pro Jahr viele Fälle, bei denen die Kostenvoranschläge über der Regelversorgung liegen“, sagt der Geschäftsführer des Hilfsvereins Michael Krickl. Nicht alle seien extrem hoch, aber das komme vor. „Da wir wissen, wie wichtig Zahngesundheit ist, wollen wir gern unterstützen, können aber die Kostenvoranschläge nicht einschätzen.“ Fragen, die sich stellen, ohne jeden Heilplan als zu überdimensioniert kritisieren zu wollen: Aber muss diese oder jene Sanierung wirklich so aufwendig gemacht werden? Gibt es vielleicht eine günstigere und ebenso gute Variante? „Diese Fragen können wir nicht beantworten, wir sind keine Fachleute. Wir wollen Hilfe zielgerichtet ermöglichen. Aber da es sicht um Spendengeld handelt, wollen wir auch verantwortungsvoll mit eben diesen Spenden unserer Leserinnen und Leser umgehen“, sagt Achim Wörner, Vorstandsvorsitzender des Hilfsvereins.
Die Lösung bietet nun die ZPB BW. Dort sind fortan Zweitmeinungen zu den Heilplänen der Antragssteller bei „Hilfe für den Nachbarn“ möglich. Dann geht der Klient beziehungsweise in diesem Fall dann Patient zu einem der Zahnärzte der ZPB BW und wird dort noch einmal genau untersucht. Dann wird eine Zweitmeinung erstellt, mit der die Patienten eine Alternative haben. Georg Bach, Verwaltungsratsvorsitzender der Zahnmedizinischen Patientenberatungsstelle Baden-Württemberg ist ein Fan dieses besonderen Instruments, das viele Patienten gar nicht kennen: „Die Patientenberatung ist ein Erfolgsmodell. Sie ist älter als 30 Jahre.“ Vor allem in Baden-Württemberg sind die Beratungen stark nachgefragt – 4000 pro Jahr nämlich. Damit ist die Stelle im Ländle eine der führenden zahnärztlichen Beratungsstellen bundesweit.
Bedeutet das nicht auch, dass man seinem Zahnarzt misstraut, wenn man eine Zweitmeinung erbittet? Das sieht Bach nicht so. „Die Kollegen halten das durchaus aus“, meint er humorvoll. Im Ernst: „Wir stehen zu dieser Beratungsstelle, das ist eine Herzensangelegenheit.“ Zudem gelte: Je komplexer ein Fall sei, desto umfassender sei eine Beratung – aber es würden sich daraus eben manchmal auch Unterschiede in der Behandlung ergeben.
„Passt wunderbar zu uns“
Deshalb finde auch er diese Zusammenarbeit sehr besonders, denn letztlich arbeite auch die ZPB BW für die Patienten, zum Wohle der Gemeinschaft aller Versicherten. Ihm ist es ein besonderes Anliegen, Menschen zu unterstützen, die nicht in der Mitte der Gesellschaft stehen. Ein ganz aktuelles Beispiel: Im November 2025 ging eine neue Online-Plattform und Hotline mit dem Namen „Zahnärztliche Infostelle für Mundgesundheit bei Behinderung und im Alter“, kurz ZIMBA, offiziell an den Start, die unter dem Dach der ZPB BW geführt wird. „Die Zusammenarbeit mit Hilfe für den Nachbarn passt also wunderbar zu uns“, sagt Bach. Und „HfdN“-Vorstandschef Achim Wörner ergänzt: „Helfen, Gutes tun, aber auch nachhaltig im Sinne des sorgsamen Umgangs mit Ressourcen, das passt auch wunderbar zu uns.“
Hilfe für den Nachbarn