Authentische vietnamesische Küche wird im Jalin serviert, das Ende März im Stuttgarter Westen eröffnet hat. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski / Montage: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle
Das Jalin haben Tin Bui und Ngyen Ngyen nach ihrer Tochter benannt. Wie viele Vietnamesen bauen sie auf der Gastronomie ihre Zukunft auf. Immer mehr zieht es von Berlin nach Stuttgart.
In der Berufsschule für Altenpflege hat es Tin Bui nicht lange ausgehalten, obwohl er seine Frau dort kennenlernte. „Seine Leidenschaften sind Kochen und Cocktails“, sagt Ngyen Ngyen. Im Gegensatz zu ihm hat die 34-Jährige ihre Ausbildung durchgezogen. Trotzdem arbeitet sie nun in der Gastronomie – mit ihrem Mann zusammen, wie viele aus ihrer Familie und ihrer Landsleute.
Vor zwölf Jahren kam Tin Bui nach Deutschland, ein eigenes Lokal war eigentlich von Anfang an sein Ziel. „Den Wunsch haben wir uns erfüllt“, sagt Ngyen Ngyen. Ende März eröffneten die beiden Quereinsteiger in Stuttgart ihr Restaurant Jalin, es ist bereits ihr zweites. Authentische vietnamesische Küche „modern interpretiert“ tischen sie ihren Gästen auf.
Langer Weg zum eigenen Restaurant
Zehn Jahre lang bereitete sich Tin Bui auf diesen Schritt vor. Er arbeitete in verschiedenen Küchen von anderen Restaurants, sammelte als Barkeeper Erfahrung. Aus der Mitte von Vietnam stammen sie, erzählt Ngyen Ngyen, die zwei Jahre später als ihr Mann nach Deutschland auswanderte.
Zu ihrer in Berlin lebenden Großfamilie wollte sie ziehen. Ein Onkel von ihr betreibt in der Bundeshauptstadt einen Imbiss, der andere ein Sushi-Lokal. „Da haben wir gesehen, wie man es macht“, erzählt sie. Ihren Mann hatte es mittlerweile nach München verschlagen, wo er im Dezember 2023 sein erstes Restaurant gründete. Es heißt ebenfalls Jalin, wie die dreijährige Tochter des Ehepaars. Sie und der gemeinsame Betrieb seien ihre Zukunft, erklärt Ngyen Ngyen.
EIne Vorspeise für zwei: die Etagère im Jalin können sic hdie Gäste gut teilen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Stuttgart ist ein Anziehungspunkt für vietnamesische Gastronomen
Für vietnamesische Gastronomen mit Berliner Wurzeln scheint Stuttgart zunehmend zu einem Anziehungspunkt zu werden. Das zeigen drei weitere Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit.
Auch für Dang Bui waren die knapp 40 Restaurants mit vietnamesischer Küche oder ihren Einflüssen in Stuttgart im Vergleich zu den vielen hundert in der Bundeshauptstadt keine Konkurrenz. Vergangenen Herbst zog er in den Südwesten, um mit dem Restaurant Kaito einen lang gehegten Traum umzusetzen. In der Schlossstraße serviert er seither Fusionküche wie Miso Beef Tower.
Auch Long Vu und ihr Mann Thang Nguyen haben sich aus Berlin aufgemacht; in Vaihingen eröffneten sie das Pho Nho 68. „In Berlin gibt es viel zu viele vietnamesische Restaurants“, sagte die Wirtin im Februar des vergangenen Jahres. Und auch Viet Dung Nguyen hat für sein Konzept Pho Boeuf in Stuttgart mehr Chancen als in Berlin gesehen – am Einkaufszentrum Milaneo fand er den idealen Platz dafür.
Das Angebot soll authentisch sein
Tin Bui ist bei seiner Lokalsuche in Stuttgart ebenfalls im Westen hängen geblieben: Wo 20 Jahre lang das türkische Restaurant Divan beheimatet war und zuletzt Döner angeboten wurde, ist Jalin eingezogen. Die Vermieter vergewisserten sich bei einem Besuch in München, dass die Qualität auch stimmt. Das Restaurant richteten sie komplett neu her, befreiten die Scheiben von Werbeaufklebern, polierten das Fischgrät-Parkett, bezogen alte Stühle neu. Das dunkle Holz, gediegene Farben wie Grün und Braun, lange, durchsichtige Vorhänge und filigran verschalte Säulen sorgen für Eleganz.
Für die Speisekarte hat Tin Bui „einige Geheimrezepte“ entwickelt. Die Schwarze-Pfeffer-Soße nennt seine Frau als Beispiel oder die Currys. „Alle unsere Soßen sind vom Chef gekocht, die kann man nicht kopieren“, erklärt sie. Die Crystal Rolls im durchsichtigen Reisblatt mit verschiedenen Füllungen hebt sie außerdem hervor und die „Rolling Parade“, ihr Liebling, ein traditionelles Gericht mit Zutaten zum Selbstwickeln.
Es gibt Pho und Dampfnudeln, Gerichte aus dem Wok und Entrecôte vom Grill. Auf Sushi wird im Jalin verzichtet, das Angebot soll authentisch sein. „Einen guten Kumpel“ konnte das Ehepaar als Betriebsleiter für ihre Stuttgarter Dependance gewinnen. Bei zwei Restaurants wollen sie auch nicht aufhören: Es sollen noch mehrere Filialen folgen – nur nicht in Berlin.
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