Neues Stipendium in Esslingen Von der Hochwacht ins tiefe Mittelalter

Von  

Marlene Kleiner klassifiziert während ihres Stipendiums in Esslingen frühe Zeugen der Baukunst.

Marlene Kleiner will wissen, wie man frühmittelalterliche Bauten datiert. Foto: Ines Rudel
Marlene Kleiner will wissen, wie man frühmittelalterliche Bauten datiert. Foto: Ines Rudel

Esslingen - Die neue Hochwachtstipendiatin Marlene Kleiner forscht zwar über den Dächern der Stadt, sie interessiert sich allerdings mehr dafür, was unter den Dächern steckt. Die Bauforscherin, die dank der Stadtverwaltung Esslingen und der Hans-Weiler-Stiftung die Hochwacht an der nördlichen Stadtmauer ein halbes Jahr bewohnt, hat sich ein großes Thema ausgesucht. Sie will Kriterien erarbeiten, mit denen man einen frühmittelalterlichen Bau datieren kann, und zwar ohne schriftliche Quellen und ohne archäologische Befunde, ganz aus dem Bauwerk heraus.

Harte Fakten für die Baugeschichte

Es ist ein umfangreiches Thema, das sich die Allgäuerin für ihre Doktorarbeit da ausgesucht hat. Und die Esslinger Kirche St. Vitalis, deren Grundmauern noch unter dem Fußboden der Stadtkirche St. Dionys zu finden ist, soll ihr dabei helfen. In nur drei Jahren will sie eine vierstellige Anzahl von Bauten miteinander vergleichen, um an harte Fakten zu kommen. Ein Beispiel ist etwa der Bau von Fenstern. Im Hochmittelalter konnten die Steinmetze die Fensterbögen so präzise behauen, dass sie ohne Mörtel zusammen hielten. Im Frühmittelalter konnten sie das noch nicht. Ergo: Findet man ein mit Mörtel verfugtes Fenster in einer Kirchenwand, stammt die Wand aus dem Frühmittelalter.

Bereits Anfang Mai hat die Bauforscherin die Hochwacht bezogen und ist restlos begeistert. Nicht nur davon, wie schön die Stadt ihre vier neuen Holzwände eingerichtet hat, und dass sie es mit ziemlichem Aufwand geschafft hat, einen zweiten Fluchtweg zu installieren sowie Internet, sondern auch darüber, wie ruhig und ungestört der Burghof nachts ist. Ein großer Schreibtisch und etliche noch leere Regale bieten Platz für ihre Forschungen. Die Bücher fehlen noch, aber schon liegen Arbeitshandschuhe, Meterstab und eine Fotoausrüstung darin. Joachim Halbekann vom Stadtarchiv hat auch seine Zusammenarbeit angekündigt und wird mit seinem profunden Schatz an Dokumenten die Arbeit der 29-Jährigen unterstützen.

Vormals war die Hochwacht ein Atelier

Zum Vorstellungstermin am Freitag war der Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger mit seiner Frau Angela Zieger gekommen. Sie ist die Kuratorin der Hans-Weiler-Stiftung und damit verantwortlich für die 1500 Euro, die Marlene Kleiner pro Monat erhält.

Die Hochwacht selbst war einst Sitz eines der Feuerwächter der Stadt. Zeigte sich Rauch, dann musste der Hochwächter die Feuerglocke läuten, mit der die Bürger zum Löschdienst gerufen wurden. Das schmale Gebäude mit seinen noch schmäleren Treppen war zuletzt das Atelier des Malers Heribert Glatzel gewesen. Nach dessen Tod im Jahr 2015 suchte die Stadt eine neue Nutzung und war, dank der Hans-Weiler-Stiftung, auf das Hochwachtstipendium gekommen.




Veranstaltungen

Unsere Empfehlung für Sie