Die Stadt holt alte Pläne aus der Schublade: Mit einer Verlegung der B 27 soll der Stadtteil vom Verkehr entlastet werden – doch die Anwohner befürchten das Schlimmste.

Ludwigsburg: Melanie Braun (meb)

Ludwigsburg - Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe: Die Stadt erwägt ein neues Verkehrskonzept in Eglosheim, Kern des Projekts ist die Verlegung der Bundesstraße 27. Doch was laut der Ludwigsburger Verwaltung zu einer Entlastung der Bürger in dem verkehrsgeplagten Stadtteil führen soll, bringt die Anwohner auf die Barrikaden. Ihrer Ansicht nach ist das Vorhaben eine Zumutung. Sie fürchten mehr Lärm, mehr Feinstaub, weniger Grün und einen Wertverlust ihrer Immobilien. Es formiert sich bereits breiter Widerstand.

Nach dem Prinzip Verkehr zu Verkehr sehen die Pläne vor, dass die B 27 künftig nicht mehr quer durch Eglosheim führt, sondern vierspurig entlang der Bahntrasse und der Autobahn verläuft. Um die neue Trasse attraktiver zu machen, soll gleichzeitig die Frankfurter Straße (aktuelle B 27) auf eine zweispurige Fahrbahn verengt und mit Querungsmöglichkeiten versehen werden, die Markgröninger Straße soll teils rückgebaut und teils ganz für den Durchgangsverkehr gesperrt werden. Statt einer meterhohen Lärmschutzwand favorisiert die Stadt einen Deckel über dem Abschnitt von Autobahn und Bundesstraße, der direkt an der Wohnbebauung entlang führt.

Beschlossen ist das Konzept noch nicht

Das Konzept ist nicht neu. Es wurde neben anderen Optionen in den Diskussionen zur Weiterentwicklung von Eglosheim bereits im Jahr 2008 vorgestellt – dann aber nicht weiter verfolgt. Im Zuge der Wiederbelebung des ebenfalls im Sande verlaufenen Interkommunalen Ausschusses für die rasche Umsetzung von Straßenplanungen (Ikarus) kamen die Pläne nun wieder aufs Tapet. Beschlossen ist aber noch nichts: Die Gemeinderäte von Ludwigsburg, Asperg und Tamm müssen noch informiert werden und dann entscheiden.

Der Baubürgermeister Michael Ilk sieht viele Vorteile in dem Verkehrskonzept, dessen Umsetzung 130 Millionen Euro kosten soll. Durch die Verlegung der Bundesstraße würde die Mitte Eglosheims entlastet. Zudem könnte das Quartier zusammenwachsen, wenn es nicht mehr von einer vierspurige Fahrbahn durchschnitten werde. Mit dem Deckel über der Autobahn sei für Lärmschutz gesorgt, außerdem könnte der Deckel genutzt werden, um Eglosheim wieder mit Asperg zu verbinden: Er könnte begrünt und als Fußgängerübergang genutzt werden. Auch eine Radwegverbindung über die alte B 27-Trasse sei denkbar, wenn die Frankfurter Straße rückgebaut werde. „Wir wollen eine Entlastung für alle Eglosheimer, es muss eine Win-win-Situation sein“, betont Ilk.

Asperg und Tamm, die ebenfalls bei der Ikarus-Sitzung dabei waren, begrüßen den Vorstoß offenbar. Man halte die Pläne für „sehr interessant“, heißt es aus Asperg. Es lohne sich, weiter darüber nachzudenken. Man erhoffe sich davon eine Reduzierung des Verkehrs durch Asperg, Nachteile für die Kommune sehe man derzeit nicht, heißt es aus dem Asperger Rathaus. Aus Tamm war bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu erhalten.

Breit angelegter Protest formiert sich bereits

Eine andere Möglichkeit, die bereits 2008 zur Entlastung von Eglosheim diskutiert wurde, hatten Asperg und Tamm stets abgelehnt: einen neuen Autobahn-Anschluss Ludwigsburg-Mitte. Sie hatten befürchtet, dadurch steige der Durchgangsverkehr in ihren Kommunen. Doch diese Option sei ohnehin vom Tisch, sagt Ilk. Der Bund habe seine Zustimmung verweigert: Der Abstand zu den Anschlussstellen Süd und Nord sei zu gering für die Einrichtung einer zusätzlichen Auffahrt dazwischen.

Die Bürger von Eglosheim favorisieren ohnehin schon seit Jahren eine ganz andere Lösung: einen Tunnel unter der Frankfurter Straße, der den Durchgangsverkehr aufnimmt. Von den jetzt vorgeschlagenen Plänen hingegen halten sie gar nichts (siehe unten: „Bürger wollen Tunnel“). Der Aufruhr ist groß: Ältere Menschen haben offenbar Panik, dass sie enteignet werden und wegziehen müssen, andere fürchten unerträgliche Lärm- und Feinstaubbelastungen, wieder andere sehen den Wert ihrer Immobilie bedroht. Es wird befürchtet, dass Eglosheim noch mehr von seinem wenigen Grün verliert und die Freiluftschneise zerstört wird. Derzeit gründet sich im Wohngebiet Tammer Straße eine Bürgerinitiative, die sich dem Protest von Bürger- und Naturschutzvereinen sowie des Stadtteilausschusses anschließen will.

Bürger wollen einen Tunnel

Ludwigsburg - Die Empörung ist groß: In Eglosheim will man mit aller Macht verhindern, dass die Verlegung der Bundesstraße 27 kommt. Die Bürger fühlen sich von der Ludwigsburger Verwaltung betrogen. Sie fordern zur Verkehrsentlastung einen Tunnel unter der Frankfurter Straße.

Cornelia Konrad wohnt mit ihrer Familie seit zwei Jahren in Eglosheim. Ihr sei es gegangen wie vielen anderen: Sie sei von der Werbung für das Neubaugebiet Tammer Straße am westlichen Ortsrand angelockt worden. Von idyllischem Wohnen im Grünen für Familien sei die Rede gewesen. „Jetzt ist der letzte Bauplatz verkauft, und dann kommen solche Pläne auf den Tisch“, schimpft sie. Diese würden bedeuten, dass angesichts des geplanten Autobahnausbaus auf acht Spuren zusammen mit der vierspurigen B 27 quasi eine zwölfspurige Trasse durchs Wohngebiet führen würde. „Wie soll man da vernünftig leben mit dem Lärm und dem Feinstaub?“

Tunnel unter aktueller B 27 wird seit Jahren favorisiert

Auch Christine Knoß, Grünen-Stadträtin und Vorsitzende des Vereins Naturpark West, ist fassungslos: „Das ist ein Horrorszenario, diese Pläne sind der Tod für den Naturpark West“, sagt sie. Es sei ein Unding, Eglosheim noch sein letztes Grün zu zerstören: „Wir werden auch rechtliche Schritte dagegen prüfen“, kündigt sie an.

Sieglinde Schrader-Ehmer, die für die SPD im Stadtteilausschuss Eglosheim sitzt, sagt zu den Plänen der Stadt: „Das geht gar nicht.“ Man warte schon seit Jahren auf den Lärmschutz zur Autobahn – statt diesem solle neuer Verkehr kommen. Dabei sei Eglosheim ohnehin derzeit der gebeutelste Stadtteil. Im Übrigen gebe es schon lange Pläne, unter der Frankfurter Straße einen Tunnel entlangzuführen. In der Tat läuft seit Jahren ein Finanzierungsantrag beim Bund. Doch dieser wurde bislang nicht beantwortet, und das Geld, das die Stadt einst für einen Tunnelbau zurücklegt hat, wurde für andere Projekte verbraucht.

Kommentar: Vertrauen verspielt

Eglosheim ist ohnehin ein Stadtteil mit einigen Problemen: Hier leben viele sozial schwache Menschen, es gibt wenig Grün, und die Nähe zur Autobahn verursacht viel Verkehr – und damit viel Frust. Doch die Stadt tut wenig dafür, die Situation zu entschärfen. Vielmehr bringt sie die Bürger noch zusätzlich auf – ob wissentlich oder durch ungeschickte Kommunikation, sei dahingestellt.

So wurde der lange versprochene Lärmschutz an der Autobahn, der in diesem Jahr kommen sollte, auf 2017 verschoben. Zudem versprach die Stadt erst im vergangenen Herbst, in Eglosheim werde es nach dem Bau eines Obdachlosenheims keine weiteren „sozialen Belastungen“ geben. Doch im Frühjahr legte sie Pläne für ein Flüchtlingsheim in der Reute am Rande Eglosheims auf den Tisch. Und verkündete, das sei kein Wortbruch. Der Bereich gehöre zu „Ludwigsburg-Nord“ – die Markungsbezeichung war allerdings bislang unbekannt.

Nun fühlen sich insbesondere die Bürger des Neubaugebiets Tammer Straße erneut getäuscht: Ihnen sei „Wohnen im Grünen“ versprochen worden, sagen sie. Sie haben den Eindruck, die Stadt habe auf den Verkauf des letzten Grundstücks gewartet, um dann die Pläne zur Verlegung der B 27 zu präsentieren. Selbst wenn die Stadt es in diesem Fall gut gemeint haben sollte mit den Eglosheimern: Sie muss sich tüchtig ins Zeug legen. Denn die Eglosheimer sind enttäuscht – das Vertrauen ist verspielt.