Stuttgart - Noch ist es ein Geheimnis, wie die geplante neue Staffel der HBO-Erfolgsserie „Sex and the City“ an die alten Folgen und Kinofilme anknüpfen wird. Doch eines steht fest und senkt die Erwartungshaltung: Kim Cattrall (64) wird nicht dabei sein. Die Rolle der sexbesessenen Samantha Jones wird auch nicht ersetzt, wie es hieß. Die Rolle also, die „Sex and the City“ erst zu dem machte, als was es heute gilt: eine Milieustudie über vier exaltierte, ledige Großstadthedonistinnen auf Manolo-Blahnik-Pumps, die die vermeintlich geltenden Regeln auf dem Beziehungsmarkt in Manhattan ad absurdum führen.
Die frivole Nonchalance, die Samantha Jones alias Kim Cattrall damals (2001 wurde die erste Staffel in Deutschland gezeigt) an den Tag legte, spaltete das TV-Publikum. Während die einen ihre sexuelle Freizügigkeit als modernes feministisches Manifest werteten, bissen die anderen peinlich berührt ins Sofakissen.
Von der Kritik geschmäht, vom Publikum geliebt
Der BBC-Filmkritiker Mark Kermode beschrieb die „Sex and the City“-Protagonistinnen 2002 wenig schmeichelhaft so: „Vier materialistisch besessene Charakterschweine, die als Dragqueens verkleidet durch Manhattan laufen und propagieren, weibliche Freiheit sei das Recht, teure Schuhe zu kaufen.“
Von der Kritik geschmäht, vom Publikum geliebt – „Sex and the City“, von Darren Star nach der gleichnamigen Zeitungskolumne der Journalistin Candace Bushnell fürs Fernsehen inszeniert, wurde zum Aushängeschild des Privatsenders HBO und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die Protagonistinnen, allen voran Sarah Jessica Parker, gehören seither zu Hollywoods A-Prominenz.
Nach zwei Kinofilmen (2008, 2010), in denen der Witz der Serie zur bloßen Trash-Romantik rund um Carries und Mr. Bigs verkorkste Beziehung verkam, nun also die von vielen Fans lang ersehnte Serienfortsetzung. Die neue Staffel mit dem Beinamen „And just like that . . .“ basiert auf dem Buch „Is there still Sex and the City?“ von Candace Bushnell. Produziert werden die zehn Folgen, die ab dem späten Frühjahr in New York gedreht werden sollen, erneut von Michael Patrick King und – das ist neu – den drei Schauspielerinnen Sarah Jessica Parker (55) alias Carrie Bradshaw, Cynthia Nixon (54) alias Miranda Hobbes und Kristin Davis alias Charlotte York (55).
Oft anregend und manchmal nur ermüdend
„Die Serie wird Carrie, Miranda und Charlotte auf ihrem Weg von der komplizierten Realität des Lebens und der Freundschaft in ihren 30ern zu der noch komplizierteren Realität des Lebens und der Freundschaft in ihren 50ern begleiten“, heißt es zum Inhalt. Da steckt viel drin: (Gefahren-)Potenzial für einen weiteren Coup oder auch einen Flop. „Sex and the City“ war früher schon kontrovers und gleichzeitig oberflächlich. Oft anregend und manchmal nur ermüdend. Schmal war der Grat, auf den sich die Serienmacher begaben. Über ihn stöckelten Charaktere, die trotz ihrer tussigen Prätention stets zur Selbstreflexion fähig blieben. Die Serie machte Luxus massenkompatibel und Genusssucht zum Lifestyle. Damals, zu Beginn des neuen Jahrtausends, funktionierte das gut.
Seither ist der Grat nicht breiter geworden. Im Gegenteil. Einmal abgesehen vom Amerika damals und heute, haben sich die Realitäten grundlegend verändert. Klimawandel und Nachhaltigkeit, Gender und Feminismus, Schönheitskult und Jugendwahn haben heute eine neue Bedeutung. Nicht zuletzt die Metoo-Bewegung hat Werte neu definiert. Was damals als hip und subversiv galt, wäre heute längst auf dem moralischen Index.
Eine Anhäufung zugespitzter Klischees
Können es sich die Macher herausnehmen, diese Themen zu ignorieren, sie oberflächlich abzuhandeln oder gar zu karikieren? Man darf gespannt sein, wie sich die älter gewordenen Freundinnen mit der neuen Welt auseinandersetzen, ob und welche Tabus sie noch brechen können und was eigentlich der Lebensinhalt der ehemals konsumgetriebenen Freigeister sein soll.
Die alten Staffeln und Filme waren oft eine Anhäufung zugespitzter Klischees – man denke nur an Carries homosexuellen Freund Stanford (Willie Garson). Insofern könnte man fast schon ein wenig Angst bekommen vor dem, was aus den überspannten Singleladys in ihren 30ern werden könnte. Hoffentlich nicht nur schlechte Abziehbilder sogenannter Cougars – also älterer, wohlhabender Frauen, die an jungen Männern interessiert sind.
Ein Fingerzeig, in welche Richtung es gehen wird, liefert die Schöpferin Candace Bushnellin „Is there still Sex and the City?“. Darin haben die Protagonistinnen Sex mit Fremden, werden betrunken verhaftet, fangen noch einmal von vorn an. Es geht um späte Liebe und wie eh und je um die Suche nach dem Happy End. Klar, da war doch was: 50 ist das neue 30!
Die Neuauflage könnte ein modernes Statement sein
Vielleicht ist es das Beste, was aus „Sex and the City – And just like that . . .“ werden kann: eine Transformation der alten Lebensthemen ins Hier und Heute. Denn warum sollte „im Alter“ die Sache mit der Liebe und den Beziehungen einfacher werden? Und was ist das überhaupt, dieses Alter? Die Neuauflage könnte ein modernes Statement sein, ein Aufruf an Frauen, sich frei zu fühlen – abseits bräsiger Alters- und komplizierter Genderdebatten. Ein Wermutstropfen bleibt: Was würde Samantha Jones daraus machen?
Info: Fortsetzungen beliebter Serien
Nicht nur „Sex and the City“ bekommt Jahre später eine Fortsetzung. Viele beliebte Serien sind nach einiger Zeit wiederbelebt worden. So brachte zum Beispiel der Sender Fox 2014 eine weitere Staffel von „24“ heraus, der Serie mit dem ungewöhnlichen Erzählformat um den Agenten Jack Bauer (Kiefer Sutherland), die bereits von 2001 bis 2010 großen Erfolg hatte. Auch die Highschool-Serie „Beverly Hills 90210“ erfuhr in der Zeit von 2008 bis 2013 eine Fortsetzung, nachdem sie bereits in den Neunzigern nicht nur Teenager mit Geschichten über Intrigen, Liebe und Luxus vor den Fernseher gebannt hatte. Die Sitcom „Will & Grace“ war von 1998 bis 2006 ein großer Erfolg. 2017 kehrte die Freundesgruppe um Will (Eric McCormack), Grace (Debra Messing), Jack (Sean Hayes) und Karen (Megan Mullaly) auf NBC zurück. Eine Fortsetzung von David Lynchs Mysterie-Serie „Twin Peaks“ gab es ebenfalls: 2017 folgte nach dem einschlägigen Erfolg der ersten beiden Staffeln Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre „Twin Peaks: The Return“.