Stuttgart - Warum sollen wir Jörg Fauser lesen? Bevor man in einem der ersten Bänder der schönen neuen Werkausgabe bei Diogenes nicht lange nach einer Antwort suchen muss, blättert man vielleicht am besten noch einmal ein Kapitel der Wirkungsgeschichte auf. Man findet es bei Youtube: das Video von Jörg Fausers Auftritt in Klagenfurt 1984. Ein etwas hessisch vernuschelter Autor, der gerade in seiner Story nach allen Regeln der Kunst eine Paar-Beziehung auf Ibiza auseinandergenommen hat. Aber vielleicht sollte man sich dieses Verb aufheben, für das, was nun folgt. Denn es beschreibt ziemlich gut, wie eine hämische, aufgeblasene Kritikerrunde mit dem umspringt, der da wagt an ihre Pforte zu klopfen. Mit spitzen Fingern klauben sie Sätze aus dem Text, als handele es sich dabei um schmutziges Ungeziefer, vor dem es sich zu schützen gilt. Unterhaltungsschmutz.
Wenn es eines sinnfälligen Beweises bedurft hätte, warum es eine Literatur geben muss, die außerhalb dessen steht, was Fauser das „Bauchnabelpopeln deutschen Dichtergeweses“ nennt, dann fände man ihn in dieser Szene: Ein fuchtelnder Reich-Ranicki – „sie gehören nicht hier her“ –, ein feixender Walter Jens, um seine Frisur so besorgt wie um die rhetorische Inszenierung des Ekels, gestisch untermalt von Peter Härtling als aufgebrachtem schwäbischem Geschmacks-Krümelmonster.
Aus zwei Gründen ist es sinnvoll, daran zu erinnern. Erstens dokumentiert der Auftritt die fundamentalen und grundsätzlichen Blindheiten eines rückblickend gerne verklärten Goldenen Zeitalters der Literaturkritik. Zweitens aber hilft es, die einstigen Kühnheiten und erfrischenden Unvereinbarkeiten von Fausers wilder Rolle überhaupt noch einmal ermessen zu können. Denn in Zeiten in denen Pop- und Popel-Literatur friedlich gemeinsam ihren allgemeinen Bedeutungsverlust verfolgen, hat das einstige Schmuddelkind seinen Schrecken längst verloren.
Lieblingsaußenseiter der Gegenwartsliteratur
Jörg Fauser, 1944 im hessischen Bad Schwalbach geboren, Junkie, Nachtportier, Reportage-Künstler, Experimentalpoet und hart gekochter Krimischriftsteller, zählt zu jenen, die in der alten BRD den Weg für Autoren wie Jack Kerouac, William Burroughs, Allen Ginsberg gebahnt haben, als die Gruppe 47 der Ranickis, Jens’ und Härtlings längst in ihrer agonalen Spätphase verdämmert war.
An diesem Dienstag wäre Jörg Fauser 75 geworden, hätte ihn nicht drei Jahre nach seinem beklagenswerten Bachmann-Desaster unter nicht ganz geklärten Umständen ein Lastwagen auf der Autobahn überrollt – am Tag seinen 43. Geburtstags. Zum Mythos Fauser gehört neben dieser Todesart die sich von Wiederentdeckung zu Wiederentdeckung rankende Verheißung, er sei immer noch ein Geheimtipp, seine Wirkung stünde erst noch bevor. So bleibt wenigstens ein Moment der Renitenz in der Einvernahme als Lieblingsaußenseiter der Gegenwartsliteratur erhalten, auch wenn Fausers Lieblingsfeind, das Feuilleton, ihn längst in die Arme geschlossen hat.
Und so geht es bei der nun bei Diogenes in Angriff genommenen neuen Werkausgabe, der dritten seit 1990, vielleicht weniger um den längst erbrachten Nachweis von Fausers Bedeutung, als darum, was die Zeit mit seinem Werk inzwischen angestellt hat. Denn das Schmutzige, Direkte, Unverstellte dieses Autors, dessen Interesse an Literatur immer eines am Leben war, hat als Gestus inzwischen selbst Patina angesetzt. Die Wut des passionierten Bordellgängers auf eine „von Feminismus und ähnlichen Gesinnungsdiktaturen genormte Kultur“ vermischt sich heute bisweilen mit dem wohlbekannten Sound einer ganz anderen Wut. Und vielleicht ist es mehr als nur ein äußerlicher Zufall, dass jenem anderen lonely Wolf des Literaturbetriebs, Wolf Wondratschek, gerade ebenfalls eine Werkausgabe beschieden war. Allerdings hat Wondratschek inzwischen das Rentenalter wohlbehalten erreicht. Und vielleicht liegt gerade darin der Qualitätsunterschied zwischen den beiden Hobbyboxern.
Als Echtheitssiegel Fausers gilt, dass er lebt, was er schreibt und umgekehrt. Doch im Spiegel der Verehrung ist auch das Echte nicht gegen die Pose gefeit. Etwa wenn der von Fauser angefixte Benjamin Stuckrad-Barre einmal den Wunsch äußert, wie sein Vorbild „später allabendlich mit Trenchcoat im Rotlichtviertel rumzutigern, immer auf der Flucht und in Schwierigkeiten, Hinterzimmer, Tapetentüren, letzte Münzen in die Jukebox und dann ab durch den Notausgang, mit der Kellnerin durchbrennen“.
Drogen-Abstürze in Istanbul
Drei Bände der neuen Ausgabe sind bei Diogenes bisher erschienen. In dem Krimi „Schlangenmaul“ sucht ein abgehalfterter Reporter als „Bergungsexperte“ nach einem verschwundenen Mädchen und gerät in die giftigen Zonen, wo sich Spitzenverbrecher und Politiker gegenseitig in die Hände arbeiten. Und wer sich fragt, woher die vielen vermackten, zerzausten Privatdetektive in den besseren deutschen Krimis eigentlich herkommen, findet hier eine Antwort, nebst vielen trocken-kargen Sätzen, die das Klagenfurter Kritikersyndikat wohl angewidert ausgespien hätte.
Wie sich dieses Schreiben entwickelt, dokumentiert die Zusammenstellung „Rohstoff Elements“. Man kann hier nachvollziehen, wie die radikale Nähe zu den gefallenen Dingen das Ergebnis eines höchst artifiziellen Prozesses ist. Fauser experimentiert mit dem den Beat-Poeten entlehnten Montage-Verfahren des Cut up. Ein Text wird zerschnitten und neu wieder zusammengesetzt. Das klingt dann so: „ . . . das beste versäumen sie ja immer; die genitive, die expressionisten, ausrangierte Wracke, gar nicht angetörnt, aber sensibel, spirituell, hoffnung… mit dem fauser, sagense, geht’s bergab.“
Am stärksten aber ist Fauser da, wo er seinem Alter Ego Harry Gelb bei dessen Treiben zuschaut: bei seinen Drogenabstürzen in Istanbul, der Suche nach neuen Ausdrucksformen, wenn das Opiat die grauen Zellen sprengt. Harry Gelb erlebt die revolutionären Umtriebe der Frankfurter Hausbesetzerszene aus der Perspektive eines Aushilfswachmanns. „Am besten du wirst Schriftsteller. Das ist das beste High das es gibt“, ist die Erkenntnis aus seiner Begegnung mit härtestem Stoff. Der Wirklichkeitsrausch, in den sein Roman „Rohstoff“ versetzt, überdauert die Zeiten, die er genau wie kein anderer in ihrem Pathos, ihrem Ernst, aber auch ihrer Lächerlichkeit und unfreiwilligen Komik dokumentiert. Das hat das Zeug zum Klassiker. Fauser würde es nicht gerne hören.
Jörg Fauser: Rohstoff. Roman. Mit Nachworten von Michael Köhlmeier und Matthias Penzel. Diogenes Verlag, Zürich. 350 Seiten, 24 Euro.
Jörg Fauser: Rohstoff Elements. Mit einem Nachwort von Jürgen Ploog. Diogenes Verlag, Zürich. 319 Seiten, 24 Euro.
Jörg Fauser: Das Schlangenmaul. Mit einem Nachwort von Friedrich Ani. Diogenes Verlag, Zürich. 306 Seiten, 24 Euro.