Neues von Karl Ove Knausgard Tod, Ewigkeit und Frikadellen
Karl Ove Knausgards neuer Roman „Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit“ erkundet das Mysterium des Lebens. Das klingt beunruhigend – ist aber spannender als jeder Krimi.
Karl Ove Knausgards neuer Roman „Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit“ erkundet das Mysterium des Lebens. Das klingt beunruhigend – ist aber spannender als jeder Krimi.
Wer würde heute noch wagen, die großen Sinnfragen anzugehen? Das Woher und Wohin des Lebens, der Tod und seine Überwindung – das ganz große metaphysische Besteck. „Warum stirbt alles Lebendige?“, fragt der kleine hochbegabte Bruder von Syvert Loyning während des Mittagessens. Gerade haben sie noch über die Zubereitung von Kakao geredet, über Stimmbruch und sprießende Schambehaarung, und plötzlich öffnet sich in der Küche des Hauses irgendwo im Süden Norwegens für einen Augenblick der Abgrund der letzten Dinge, bevor die Gegenstände des Alltags wieder übernehmen, Fußballtraining, Arbeitslosigkeit, Eier, Speck und Frikadellen. Damit dürfte die eingangs aufgeworfene Frage bereits beantwortet sein: der Schriftsteller Karl Ove Knausgard – er wagt es, mitten aus dem Herzen der Gewöhnlichkeit das Ganze in den Blick zu nehmen, die faszinierend ereignisarmen Flachlandschaften der Alltäglichkeit wie die fortgeschrittenen Herausforderungen intellektueller Hochgebirgskletterei.
Diese beiden entgegengesetzten Pole bilden ein Magnetfeld, dem sich kaum entziehen kann, wer einmal in seine Nähe kam, schon allein, weil das kolossale Ausmaß dieser Werke die eigene Lebenszeit etappenweise mit der jener Leute zusammenschließt, die unter die Lupe des norwegischen Menschheitsbeobachters geraten sind. Damit zurück zu Syvert, der die erste Hälfte von Knausgards geräumigem neuem Roman bewohnt. „Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit“ setzt den Endzeitzyklus fort, der mit dem rätselhaften Aufgang des „Morgensterns“ begonnen hat, dessen unheimliches Zwielicht das Leben einer Reihe von Personen während zweier ungewöhnlich heißer Sommernächte verknüpft.
Auch der zweite Band des auf fünf Teile angelegten Monumentalwerks besteht aus einer Folge unterschiedlich langer, jeweils aus der Ich-Perspektive einzelner Akteure erzählter Abschnitte. Dieses Mal jedoch umfassen sie einen größeren Zeitraum. Es beginnt mit der kurzen Erinnerungsbeichte eines gewissen Helge, der 1977 einen Unfall beobachtet hat, ohne ihn zu melden, ein Auto war ins Meer gerast. Vielleicht hätte der Fahrer noch gerettet werden können, wäre rechtzeitig Hilfe verständigt worden. So kam der Tod ins Spiel.
Für die nächsten 500 Seiten taucht man in das Leben Syverts ein. Es ist das Jahr der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Gerade hat er seinen Militärdienst absolviert, als Koch. Nun hängt er etwas ratlos zwischen zwei Lebensphasen sowie der abgearbeiteten, schwer kranken Mutter und dem in sich gekehrten, leicht autistischen Bruder. Will er studieren, will er arbeiten? Lisa will er, aber von deren Freund bekommt er erst einmal eins auf die Nase. Es ist nicht die einzige Demütigung, die der junge, eher extrovertierte Mann wegstecken muss. Und ob sein neuer Job als Bestattungsgehilfe seine Chancen bei der Umworbenen wirklich steigert, ist eher ungewiss.
Da stößt er, von einem Traum auf die Spur gebracht, eines Tages in alten Briefen auf ein russisches Parallelleben seines zehn Jahre zuvor verunglückten Vaters.
Und schon sitzt man in einer Vorlesung der russischen Evolutionsbiologin Alevtina über das Mysterium des Lebens. Wieder sind ein paar Jahrzehnte ins Land gegangen, Veränderungen. Auf die Perestroika folgte ein mittelmäßiger Geheimdienstoffizier, der sich Russland unter den Nagel gerissen hat. Alevtina wendet sich einem neuen Forschungsgebiet zu, der Biosemiotik, die die Sprache der Natur zu enträtseln versucht, was im Horrortrip eines schamanistischen Selbstversuchs mit halluzinogenen Pilzen endet.
Ihre Freundin Vasilisa schreibt unterdessen an einem Buch, das im Romantitel anklingt: „Die Ewigkeitswölfe“. Es handelt von den russischen Kosmisten, die mit den Mitteln der modernen Wissenschaften das alte Versprechen der Religionen einzulösen trachteten: das ewige Leben. Milliardäre wie der Paypal-Gründer Peter Thiel, die sich nach dem Tod einfrieren lassen wollen, um unsterblich zu werden, sind ihre Erben. In einem Seitenstrang trifft man auf mit Flüssiggas gefüllte Tanks, in denen sie dem jüngsten Tag entgegen treiben. Wie dieser Roman überhaupt unter der Hand eine Geschichte des Totenkults mit sich führt.
Irgendwann gerät Alevtina ein Brief eines gewissen Syvert aus Norwegen in die Hände. Und wie sich nun die verschiedenen Sphären in gravitätischer Schwerelosigkeit vereinen, bleibt das Schöpfungsgeheimnis von Knausgards Kunst. Philosophischer Größenwahn und nackte Tatsächlichkeit, Krimi und Traktat, Spekulation und Anschauung, Lust und Erschöpfung, Augenblick und Ewigkeit rauschen im dichten Wald dieses Erzählens ineinander. Als wäre die Sprache, wie Alevtina glaubt, tatsächlich Fleisch und Blut, und es bestünde keine Kluft zwischen abstrakten Gedanken und der konkreten Materie, aus der wir gemacht sind.
Am Schluss steht wieder jener rätselhafte Stern am Himmel der klimaerhitzten Gegenwart. Syverts mittlerweile zum Astrophysiker gereifter Bruder kann ihn nicht anders denn als Wunder begreifen. Oder als Zeichen? Knausgards so überwältigender wie überbordender Roman wirkt, als wollte er das Wissen der Welt sichern, in den letzten Tagen der Menschheit – und sollten sie ewig dauern. Und vielleicht ist auch dies das Zeichen eines literarischen Wunders: dass man nach einer Langstrecke von mehr als tausend Seiten ungeduldig darauf brennt, wie es weitergeht. Mit dem Roman und überhaupt.
Karl Ove Knausgard: Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit. Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand-Literaturverlag. 1056 Seiten, 30 Euro.
Autor
Karl Ove Knausgard wurde 1968 in Oslo geboren und gilt als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart. Die Romane seines sechsbändigen, autobiografischen Projekts „Min Kamp“ wurden weltweit zur Sensation. Sie sind in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt. Er lebt in London.
Zyklus
„Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit“ sind der zweite Teil einer Pentalogie, die mit dem Roman „Der Morgenstern“ begonnen hat.