Neuhausens ältestes Gebäude Wie ein Ritterschloss zum Schulhaus wurde

Das Obere Schloss ist heute ein Kultur- und Bildungszentrum. Foto: Ines Rudel, privat

1518 baute Ritter Hans VIII. von Neuhausen das Obere Schloss. Heute ist das historische Gebäude ein modernes Kultur- und Bildungszentrum. Dazwischen hat es so manche überraschende Nutzung erfahren.

Reporterin: Elisabeth Maier (eli)

An seine Schulzeit in den 1940er Jahren erinnert sich Karl Bayer noch gut. Damals war die Grundschule im Oberen Schloss von Neuhausen untergebracht. „Ich saß in der ersten Reihe und gehörte zu den ‚Bienen’“, erinnert sich der 78-jährige Senior. Hinter ihm saßen die weniger fleißigen „Mücken“, und ganz hinten die eher faulen „Bären“. So habe die Lehrerin die Kinder damals in Gruppen unterteilt. „Nicht gerade die modernste Pädagogik“, sagt der Senior.

 

Das älteste Gebäude von Neuhausen aus dem Jahr 1518 ist heute ein modernes Bildungszentrum. Dort sind die Bücherei, die Musikschule und ein Trauzimmer der Gemeinde untergebracht. Die Gemeinschaft für Heimatgeschichte, deren Vorsitzender Karl Bayer ist, präsentiert dort ihren Volk’schen Salon. Das ist ein Wohnzimmer aus der Zeit des Bürgertums im 19. Jahrhundert. So haben viele Menschen Zugang zu dem markanten Gebäude. Wer lesen möchte, kann es sich in den beiden oberen Stockwerken der Bücherei gemütlich machen. In den unteren Stockwerken musizieren Kinder. So herrscht Leben im Oberen Schloss, das eine bewegte Geschichte hat.

Bevor die Gemeinde das älteste Fachwerkhaus sanieren ließ, war das ehemalige Wohnschloss von Hans VIII., dem Ritter von Neuhausen im frühen 16. Jahrhundert, unter anderem eine Schule. Auch die Polizeiwache war dort von 1975 bis 1994 untergebracht. „Wir haben hier gelernt und auf den Schlossplatz geschaut“, erinnert sich Karl Bayer an seine Zeit in der ersten und zweiten Klasse. In dem Raum, in dem jetzt Empfänge stattfinden, drückten die Kinder die Schulbank. Auf einem Klassenfoto aus dem Jahr 1945 ist Bayer mit seinem knitzen Lächeln zu erkennen. Der Senior ist bis heute für das Archiv der Gemeinde Neuhausen zuständig und erschließt die Ortsgeschichte einem breiten Publikum. Nicht immer sei die Schulzeit damals angenehm gewesen. „Manchmal gab es Tatzen mit dem Rohrstock.“ Damals habe es noch die Prügelstrafe gegeben. Bayer ist froh, „dass diese Zeiten vorbei sind“. 1953 wurde in der Nachbarschaft die Mozartschule gebaut. „Dort gab es dann auch Duschen“, erinnert sich Bayer. Denn die wenigsten Familien hatten damals Duschen oder Badezimmer zuhause. Meist wurde im Waschzuber aus Metall gebadet.

Der Schlossplatz wurde neu gestaltet

Bereits 1882 kaufte die Gemeinde Neuhausen das Obere Schloss und nutzte es seitdem als Schulhaus. Nachdem die Polizei Mitte der 1990er Jahre ausgezogen war, hatte die Volkshochschule ihr Domizil in dem historischen Gebäude, das damals schon stark sanierungsbedürftig war. Im Zuge der Ortskernsanierung ließ die Kommune auch das Obere Schloss renovieren. Die Architekten Peter Cheret und Jelena Bozic gestalteten nicht nur das Gebäude, sondern auch den Schlossplatz neu. Das war eine städtebauliche Herausforderung: „In der Absicht, visuelle Bezüge zwischen Kirchplatz, Schlossplatz und Ochsengarten zu schaffen, wurde das denkmalgeschützte Gebäude, Bauzeit 1518, durch den Abbruch neuzeitlicher Anbauten frei gestellt“, schreiben die Stuttgarter Architekten. Zum Schlossplatz hin haben sie eine neue Stufenanlage vorgelagert und das geschlossene Portal wieder geöffnet. „Das neue, seitlich angelagerte gläserne Treppenhaus sichert die voneinander unabhängige Nutzung in den einzelnen Geschossen und bietet Ausblicke in den Ortskern hinein“, bringen die Architekten ihr spannendes Konzept auf den Punkt.

Für den Statiker Andreas Bewer, der aus Neuhausen kommt, war die Sicherung des historischen Fachwerkbaus herausfordernd. Mit dem gläsernen Treppenhaus und einem Aufzug haben die Planer zudem eine Lösung gefunden, das Kultur- und Bildungszentrum für alle gut zugänglich und barrierefrei zu gestalten. Das vorbildliche Sanierungsprojekt wurde 2014 mit dem renommierten Hugo-Häring-Landespreis ausgezeichnet.

Rund um das Zentrum der Fildergemeinde ist ein städtebauliches Ensemble entstanden, das nicht nur Blickbeziehungen zwischen den Gebäuden öffnet. Das Café Rotenhans in einem filigran gestalteten, modernen Glaspavillon bildet einen echten Ortsmittelpunkt zwischen dem Rathaus im Schloss und dem Oberen Schloss. Die Grünflächen und die Wasserspiele sorgen für eine hohe Aufenthaltsqualität. Im Untergeschoss gibt es einen Gewölbekeller mit einer Fassrutsche. Dort wurden in früheren Jahrhunderten die Weinfässer zu den Gelagen der Bewohner gerollt.

Die Fildergemeinde hat den Kraftakt gestemmt und die Sanierung des ältesten Gebäudes im Ort möglich gemacht. 5,2 Millionen Euro haben der Umbau und die Sanierung gekostet, der Zuschuss der Baden-Württemberg-Stiftung von 833 000 Euro sowie vom Landesdenkmalamt von 90 000 Euro haben die Finanzierung des Sanierungsprojekts erleichtert.

Die Geschichte des Oberen Schlosses

Ritterschloss
Das Obere Schloss wurde im Jahr 1518 von Hans VIII., Ritter von Neuhausen, als Wohnschloss erbaut. Nach 1547 errichteten seine Nachfolger schließlich die Nebengebäude und die Schlossscheuer. Auf einem massiven Erdgeschoss aus Bruchsteinen erhebt sich das schlichte, aber dennoch beeindruckende Eichenfachwerk mit zwei Ober- und drei Dachgeschossen.

Wohnung des Vogtes
Unter Karl von Rotenhan diente das Obere Schloss in Neuhausen bis zum Jahr 1756 als Amtshaus und Wohnung des Vogtes. Nach dem Erwerb durch die Gemeinde im Jahr 1822 wurde es schließlich als Schulhaus und als Verwaltungssitz genutzt.

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