Neujahrsempfänge in Böblingen und Sindelfingen Ein Jahr mit Klimaschutz und leeren Kassen

Von Florian Gann und  

Der Bürgermeister der größten Städte im Kreis stimmten ihre Bürger auf das neue Jahr ein. Während sich Böblingen vorwärts bewegen will, sieht man in Sindelfingen aus finanzielle Gründen den Stillstand drohen.

Defilee der Gratulanten: Viele Bürger tauschen Neujahrswünsche mit Bürgermeister Christian Gangl aus. Foto: factum/Jürgen Bach
Defilee der Gratulanten: Viele Bürger tauschen Neujahrswünsche mit Bürgermeister Christian Gangl aus. Foto: factum/Jürgen Bach

Sindelfingen/Böblingen - Die Neujahrsempfänge der Städte sind stets auch ein Spiegelbild der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Und so standen dieses Mal in Böblingen und Sindelfingen die Themen Klimaschutz und Mobilität in den Ansprachen ganz oben auf der Agenda. Ungewöhnlich in Sindelfingen: Erstmals hielt nicht der kurzfristig erkrankte Oberbürgermeister Bernd Vöhringer die Rede, sondern der Erste Bürgermeister Christian Gangl. Und der sprach neben dem Klimaschutz ein weiteres wichtiges Thema an: die aktuelle Finanznot der Stadt durch die stark zurückgegangene Gewerbesteuer. Gangls Befürchtung: Diese Finanzkrise wird womöglich, ganz anders als die vorausgegangenen, dauerhaft sein.

In Sindelfingen sieht man einen tief greifenden Umbruch

„Dieses Mal geht es um einen tief greifenden Umbruch in der Automobilbranche – und wir sind als Automobilstandort deutlich betroffen.“ Die Stadt müsse sich deshalb darauf einstellen, dass „dieser Zustand länger anhalten könnte. Und dennoch müssen wir in die Zukunft unseres Standorts investieren“, sagte der Finanzbürgermeister.

Etwa 1000 Vereinsvertreter, Kommunalpolitiker, Abgeordnete des Bundes- und des Landtags, Repräsentanten von Unternehmen und Organisationen, aber auch viele Bürgerinnen und Bürger hörten sich an, welche Pläne Gangl vorstellte. „Sindelfingen – nachhaltig- fortschrittlich“ lautete das Motto des Empfangs.

Der Bürgermeister fordert Kompromisse – nicht nur beim Verkehr

Voranbringen möchte die Verwaltung die Stadt bei der Digitalisierung und der nachhaltigen Mobilität. Doch das bedeute auch für Einzelne, auf so manches Liebgewordene zu verzichten, das machte Gangl klar. „Wir wollen den Radverkehr fördern, aber sind wir auch bereit, dafür Einschränkungen des Automobilverkehrs in Kauf zu nehmen?“ Ein weiterer Zielkonflikt: „Wie konsequent können wir auf Klimaschutz setzen, wenn dies Konsequenzen für den Arbeitsmarkt bringt?“, brachte Gangl die Diskussionen auf den Punkt.

Kompromissfähigkeit sei in einer demokratischen Gesellschaft gefragt, sagte der Bürgermeister – und spielte auf den Konflikt um die Marktplatzkonzerte „Sindelfingen rockt“ an, die Anwohner juristisch verhindert hatten. Die Stadt sei kompromissbereit gewesen, die wenigen Kläger nicht. „Klar ist, dass wir das politische Ziel haben, unsere Innenstadt und insbesondere ihr Herz, den Marktplatz, zu beleben“, sagte Christian Gangl.

Böblingen verordnet sich Klimaprogramm und geht online

Ein paar Stunden nach Gangl trat in Böblingen Stefan Belz auf die Bühne. Auch hier war die Kongresshalle voll, und die 1000 Besucher wurden von den schnellen Jazz-Rhythmen der Band Skin of Clazz auf Belz’ Motto an diesem Abend eingestimmt: „Böblingen bewegt“. Und auch hinter diesen Schlagworten stehen die Themen Mobilität und Finanzen im Mittelpunkt – und wie man aus beidem das Beste für den Klimaschutz herausholt. 30 Prozent der städtischen CO2-Emissionen müsse Böblingen bis 2025 gegenüber dem Niveau von 2008 einsparen. Das Klima habe sich bereits spürbar verändert, deswegen sehe man „weniger Beton und Steine, mehr Grünflächen“ vor, sagte Belz und bekam freundlichen Applaus dafür. Eine Zehn-Jahres-Finanzplanung soll auch dabei die nötige Weitsicht bringen, auch das definiert Belz als Nachhaltigkeit.

Aber noch ein Thema ordnet Belz seinem Motto „Böblingen bewegt“ zu. „Böblingen bewegt uns im emotionalen Sinne. Hier geht es um Identität und Zusammenhalt“, sagt Belz. Identität, dabei geht es für ihn etwa um die Schönheit der Stadt, die geplanten Neugestaltungen am Schlossberg sollen etwa dazu beitragen.

Und Identität soll nicht zuletzt im Dialog entstehen. Noch am Sonntag gingen je ein Facebook- und ein Instagram-Profil der Stadtverwaltung Böblingen online. „Wir werden die sozialen Medien intensiver für die Kommunikation mit der Bürgerschaft nutzen“, versprach Belz.