Gabriele Zull hält die Neujahrsansprache in der Fellbacher Schwabenlandhalle. Foto: Gottfried Stoppel
Statt Rückblicken geht es um Zugehörigkeit, Vielfalt und Zusammenhalt. Der Neujahrsempfang in Fellbach wird zur Standortbestimmung einer Stadt, die Heimat neu definiert.
Die Atmosphäre in der Schwabenlandhalle war feierlich, erwartungsvoll und zugleich von stiller Nachdenklichkeit geprägt. Wie in jedem Jahr war der Neujahrsempfang der Stadt Fellbach ein gesellschaftlicher Höhepunkt – doch diesmal begann er anders als gewohnt. Oberbürgermeisterin Gabriele Zull verzichtete auf das traditionelle Defilee am Eingang. Ihr Mann Martin, der sie über viele Jahre bei dieser Begrüßung begleitet hatte, war im Oktober verstorben. Die Trauer war spürbar – doch auch die Würde und Stärke, mit der sie sich an das Publikum wandte.
„Er war ein untrennbarer Teil dieser Begrüßungszeremonie“, sagte Zull mit leiser Stimme. „Alleine wäre mir das in diesem Jahr schwer gefallen.“ Stattdessen begrüßte sie die Gäste von der Bühne aus – herzlich, offen und voller Zuversicht. Ihr Sohn und dessen Freundin begleiteten sie dabei, ein persönlicher Moment, der vielen im Saal unter die Haut ging.
Musikalische Eröffnung und liebevolle Dekoration in Fellbach
Musikalisch eröffnete der Junge Chor des Philharmonischen Chors den Empfang und verlieh der Veranstaltung eine sanfte Kraft. Die Bühne war von Thilo Schick, Floristmeister, liebevoll mit Blumen und Weinflaschen dekoriert – ein Sinnbild für das, was Fellbach ausmacht: Vielfalt, Tiefe und ein harmonisches Miteinander.
Der Junge Chor des Philharmonischen Chors eröffnet den Neujahrsempfang musikalisch. Foto: Gottfried Stoppel
Zull würdigte in ihrer Rede nicht nur die Ästhetik, sondern auch den symbolischen Wert dieser Gestaltung: „Vielfalt ist nicht immer einfach – weder in der Blumenwahl noch in der Stadtgesellschaft. Doch wenn sie zusammenkommt, entfaltet sie eine kraftvolle Wirkung.“
Impulse statt Rückblick: Heimat als offenes Konzept
Statt Jahresbilanzen und politischer Aufzählungen stand das Thema „Meine Stadt. Mein Zuhause“ im Mittelpunkt. Heimat, das sei kein statischer Begriff, betonte Zull, sondern ein lebendiger Beziehungsraum, geprägt von Mitwirkung, Begegnung und Zugehörigkeit.
Die Besucherinnen und Besucher waren eingeladen, auf kleinen Karten ihre Gedanken zum Begriff „Zuhause“ festzuhalten. Einige dieser Aussagen wurden im späteren Verlauf des Programms vorgelesen und kommentiert – mit überraschender Tiefe und Leichtigkeit zugleich.
Heimat im Plural: Mehrere Identitäten in jedem von uns
Den Impulsvortrag hielt Dezső Szabó, der Leiter des Ungarischen Kulturinstituts in Stuttgart. Er machte auf charmante Weise deutlich, dass „Zuhause“ nichts Festes sei. Vielmehr müsse man den Begriff „Heimat“ eigentlich im Plural denken – denn jeder Mensch könne mehrere Identitäten in sich tragen.
Szabó, bekennender Weintrinker, aber auch Wasen-Besucher, nahm damit gleich Bezug zur Gastgeberstadt Fellbach, die sich durch Offenheit und Lebensfreude auszeichne. Seine Perspektive als europäischer Intellektueller verlieh dem Empfang zusätzlichen Tiefgang.
Ein Schüler beeindruckt mit Natürlichkeit und Empathie
In einem Duett mit dem jungen Schüler Max Bosl las Szabó einige der gesammelten Begriffe vor, die Gäste mit „Zuhause“ verbanden. „Ein Teil Europas“ war eine der Notizen gewesen – ein Gedanke, den Szabó begeistert aufgriff: Fellbach sei geradezu ein Prototyp eines weltoffenen Europas, das gleichzeitig seine Wurzeln nicht vergesse.
Dezső Szabó hält einen humorvollen Impulsvortrag. Foto: Frank Rodenhausen
Max Bosl, der OB Zull durch einen Auftritt an seiner Schule aufgefallen war, bekräftigte eine andere Notiz: „Ich finde es auch schön, wenn man auf dem Weg zum Einkaufen gegrüßt wird.“
Ehrenplakette für Fellbachs engagierte Bürgerinnen und Bürger
Nach einem Auftritt der Jüngsten aus der Ballettschule des TSV Schmiden wurden langjährig engagierte Bürgerinnen und Bürger mit der Ehrenplakette der Stadt Fellbach geehrt.
Der Applaus zeigte: Engagement ist in Fellbach keine Ausnahme, sondern ein selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen Miteinanders. Gerade in unsicheren Zeiten ist dieses ehrenamtliche Rückgrat von unschätzbarem Wert.
Fellbach und Pécs: Eine Brücke zwischen Ost und West
Auch die Städtepartnerschaft mit Pécs in Ungarn wurde gewürdigt. Was 1986 mutig begonnen wurde, ist heute eine tragende Brücke zwischen Ost und West. Zull erinnerte an die damalige politische Lage und den Willen zur Verständigung – ein Schritt, der vom damaligen OB Friedrich-Wilhelm Kiel initiiert wurde.
Seine Frau Gretl Kiel war beim Empfang anwesend – ebenso wie Vertreter aus Pécs, darunter der stellvertretende Bürgermeister Gábor Zag. Die Botschaft war klar: Europa wächst durch Städte wie Fellbach und Pécs, nicht durch Institutionen, sondern durch Beziehungen – und dies auch in schwierigen Zeiten wie diesen.
Das Jubiläum der Städtefreundschaft wird das ganze Jahr über gefeiert: mit einem Ballettabend des Pécser Ensembles, einer Ausstellung, einem Jugendsymposium und sogar einer Märchenerzählerin auf dem Weihnachtsmarkt. Auch kulinarisch soll der Austausch nicht zu kurz kommen – im Dezember ist ein „Open Cooking“ mit Gulasch geplant.
Gabriele Zull betonte in diesem Zusammenhang den verbindenden Charakter des Weins: „Der Wein ist das verbindende Element der Fellbacher Städtepartnerschaften.“ Ein Gruß an die Lebensfreude und an die gemeinsame europäische Identität.
Zull: Eine Stadt, die Heimat sein will, muss Rückhalt geben
Am Ende des Vormittags war klar: Dieser Neujahrsempfang war mehr als ein offizieller Akt. Er war ein Zeichen der Stärke durch Menschlichkeit, der Vielfalt durch Zusammenhalt. Gabriele Zull formulierte es in ihrer Rede so: „Eine Stadt, die Heimat sein will, muss Rückhalt geben.“
Dieser Satz blieb hängen – bei vielen wohl noch lange über den Vormittag hinaus.