Neujahrsvorsätze mit Jojo-Effekt Warum wir von Diäten langfristig zunehmen

Wer keine Diät macht, ist oft in der Unterzahl. Foto: Unsplash/Towfiqu Barbhuiya

Viele Menschen versuchen mit Diäten abzunehmen. Aber die Pfunde purzeln oft nur kurzfristig, stattdessen schlägt der Jojo-Effekt zu. Ernährungswissenschaftlerin Antonie Post spricht über die Langzeitfolgen von Diäten und gibt Tipps für eine intuitive Ernährung.

Über die Feiertage gab es Puderzuckerplätzchen, Schokoladen, Spekulatiuslikör und vieles mehr. Wir genossen die kulinarischen Highlights. Dennoch nagte das schlechte Gewissen an so manchem Schokoweihnachtsmann.

 

Und wer hätte gedacht, da ist auch schon das neue Jahr und die Chance, ein neuer Mensch zu werden. Gute Idee, oder nicht? Angefeuert von den Erinnerungen an ausgiebige Feiertagsschlemmereien, ist der Wunsch nach Selbstoptimierung im neuen Jahr sehr verbreitet. Und er wird auch gut gefüttert. Detox-Saftkuren, Fitnesspläne, glutenfreie Wochen - wer hat sie nicht, die Body Goals. Gute Vorsätze sind vielfältig, oft betreffen sie jedoch den eigenen Körper und das Ziel, diesen zu "schrumpfen". Dabei ist das versprochene Ziel meistens gleich: abnehmen. Und das möglichst schnell und einfach. Aber wieso gibt es im Jahr 2023 überhaupt noch Diäten? Wenn diese wirklich funktionieren würden, hätten dann nicht alle schon längst ihren Traumkörper und die Diätindustrie wäre ausgestorben?

"Wir wollen leistungsfähiger sein und uns geliebt fühlen"

Oft verstecken sich hinter dem chronischen Wunsch nach einem "besseren" oder schlankeren Körper ganz andere Bedürfnisse. Ein fehlendes Selbstwertgefühl, der Wunsch nach Bestätigung und Lob, aber auch Verdrängungsmechanismen, um anderweitige Probleme zu kompensieren. „Wir wollen leistungsfähiger sein, uns geliebt fühlen und dazugehören - all das soll uns ein schlanker, fitter und junger Körper als Statussymbol beschaffen“, fasst die Ernährungswissenschaftlerin Antonie Post zusammen.

Der Erfolg von Diäten hält sich jedoch meist nur kurzfristig, egal ob es sich um Kohldiät oder Saftdetox handelt. Das liegt daran, dass unser Körper einfach nicht dafür gemacht ist, vorsätzlich an Gewicht zu verlieren, so Post. Sie ist Ernährungsberaterin und weiß, dass Diäten keine langfristige Lösung sind: „Statistisch gesehen scheitern 95-98 Prozent aller Diäten in den ersten fünf Jahren“. Dazu komme, dass Diäten langfristig an Wirksamkeit verlieren: „Bis zu zwei Drittel wiegt nach der Diät mehr als vorher und eine von vier Diätkarrieren enden in einer therapiebedürftigen Essstörung“.

Zu Beginn zeige jedoch jede Diät, die einen Kaloriendefizit zur Folge hat Wirkung: „Das nimmt die Diätindustrie als „Beweis“, dass Diäten funktionieren“, so Post. Langfristig bleibe dem Körper aber nichts anderes übrig, als der sinkenden Energiezufuhr entgegenzusteuern: „Evolutionär bedingt ist es vorteilhafter, sparsam mit der vorhandenen Energie umzugehen, denn der Körper kann nicht unterscheiden, ob wir gerade eine reelle Hungersnot haben oder freiwillig hungern“.

Schlechtes Körperbild und gestörtes Essverhalten als häufige Folgen 

Um unser Überleben zu sichern, sinkt der Grundumsatz. Dieser Begriff bezeichnet die Energie, die unser Körper benötigt, um die wichtigsten Lebensfunktionen aufrechtzuerhalten. Wir verbrennen also im Alltag weniger Kalorien als zuvor. Außerdem sind wir deutlich gestresster, hungriger und haben weniger Lust auf Bewegung. Dieser Effekt addiert sich auf, denn: „Unser Stoffwechsel lernt mit jeder Diät dazu und steuert immer schneller dagegen“, so Post. Ihrer Einschätzung nach sind Gewichtszunahmen, ein schlechteres Körperbild, gestörtes Essverhalten und der niedrigere Selbstwert die wahrscheinlichsten Folgen einer Diät.

Tatsächlich haben Diäten langfristige Effekte, aber nicht die, von denen wir träumen. Um die Folgen von Diäten zu verdeutlichen, verweist Antonie Post auf eine Studie, welche im Jahr 2016 in der Fachzeitschrift Obesity erschienen ist. Dafür wurden ehemalige Teilnehmer:innen der Abnehmshow The Biggest Loser begleitet. Es zeigte sich, dass deren Grundumsatz auch noch sechs Jahre nach der Showteilnahme stark verringert war. Post berichtet weiterführend über die Ergebnisse der Studie: „Obwohl die meisten Teilnehmenden ihr Ausgangsgewicht fast wieder erreicht hatten oder darüber hinaus zugenommen hatten, mussten sie nun eine Hauptmahlzeit am Tag weniger essen, um ihr Gewicht, das sie vor der Show hatten, zu halten!“ Außerdem steigere der Jojo-Effekt auch das Risiko für Krankheiten, die gerne als Folge von hohem Körpergewicht angesehen werden: „Dabei lassen sich diese Risiken auch völlig unabhängig von Körpergewicht erklären“, so Post.

Die Angst vor dem Kontrollverlust

Den Gelüsten mal freien Lauf lassen? Damit geht oft die Angst vor Kontrollverlust einher. Nach allerlei Diäten oder externen Einflüssen sei es Arbeit, die Kontrolle beim Essen loszulassen, und sich wieder auf den Körper und dessen Bedürfnisse einzulassen. „Wenn wir Kinder, die natürlicherweise von Geburt an intuitive Esser:innen sind, in Ruhe lassen und da nicht eingreifen, dann würden sie auch als Erwachsene mit großer Wahrscheinlichkeit von sich aus gesund und ausgewogen essen“, so Post. Grund zur Angst, dass man sich ohne restriktives Regelwerk extrem ungesund ernähre, gebe es nicht, so Post, dafür würden keine Studien sprechen. Wenn Diäten also keine nachhaltige Option sind, um unser Leben etwas gesünder und bewusster zu gestalten, welche Optionen bleiben dann noch?

Gesündere und achtsame Gewohnheiten als Alternative

„Nachhaltige Ansätze sind zum Beispiel die 10 Prinzipien der intuitiven Ernährung nach Evelyn Tribole und Elyse Resch sowie gewichtsinklusive Gesundheitskonzepte wie beispielsweise Health at Every Size“, erklärt Post. Im Zentrum stehe dabei eine Ernährung, geprägt von Selbstfürsorge und einer liebevollen Zuwendung dem eigenen Körper gegenüber: „Innere Signale wie Hunger, Appetit und Sättigung werden ernst genommen und honoriert, Lebensmittel nicht mehr in „gut“ oder „schlecht“ eingeteilt“.


Neben dem Wunsch nach anderen Gewohnheiten und Körperformen, ist es aber auch die Beziehung zu unserem eigenen Körper, die es zu hinterfragen lohnt. Es ist gesund, dem eigenen Körper respektvoll und liebevoll zu begegnen, und das egal wie er aussieht und ob er nach unserer Pfeife tanzt. Im Alltag vergessen wir oft unseren Körper als funktionierendes System wertzuschätzen. Als Tipps für mehr Achtsamkeit im Alltag nennt Post Yoga oder Meditation, Kontakt mit der Natur und Mitmenschen, aber auch Stressmanagement und Spiritualität. „Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann, dass wir aufhören, Essverhalten und Körper zu kommentieren und keine Gewichtsabnahmen mehr loben“, so Post, stattdessen sei es zielführender, sich in aller Freundschaft mit dem eigenen zu Körper verbinden.

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